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Cannabis im Trend

Hanf als Nutzpflanze und Superfood

Teemischungen, Kaugummi und Müsli: Produkte mit Hanf sind im Trend und erobern die Regale von Supermärkten ebenso wie die von Drogerien. Sie gelten als gesund und sicher. Aber sind sie das auch?
Inka R. Stonjek
11.09.2019
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Was vor einiger Zeit noch die Chiasamen waren, ist nun der Hanf – die Pflanze ist zur Trendzutat avanciert. Um die deutsche Marktsituation beziffern zu können, hat das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) jüngst die Produkt-Datenbank des Marktforschungsunternehmens Mintel ausgewertet. Demnach kamen zwischen 2012 und 2017 insgesamt 202 hanfhaltige Lebensmittel neu auf den Markt. 50 davon waren Nahrungsergänzungsmittel, die vor allem aus Hanfsamen hergestelltes Proteinpulver enthalten. Die übrigen 152 waren Lebensmittel, beispielsweise Müsliriegel mit Hanfsamen, Pesto mit Hanföl oder Tees, die auf Basis von Hanfblättern oder -blüten hergestellt werden.

Diese Entwicklung setzt sich weiter fort. Ob Bratlinge mit Hanfsamen, Hanfaufstrich in der Tube oder vegetarische Kochcremes auf Hanfbasis – auch in diesem Jahr haben sich neue Lebensmittel mit Hanf wie ein roter Faden durch alle großen Lebensmittelmessen gezogen. Auf der Internationalen Süßwaren-Messe ISM in Köln wurden beispielsweise mit Hanfriegeln und einem Cannabis-Kaugummi gleich zwei Hanfprodukte zu Top-Innovationen gekürt.

Bereits 2017 hatten Marktforscher ein Comeback des Hanfs vorausgesagt. »Hanfsamen wurden lange Zeit ignoriert, aber die Zutat ist bekannt für die enthaltenen Aminosäuren und Proteine und enthält viele Nährstoffe, zum Beispiel Vitamin E und Omega-Fettsäuren. Aus Hanf können daher viele pflanzliche und Free-from-Innovationen hergestellt werden«, sagte Global Food Science Analystin Emma Schofield von Mintel damals. Sie sollte Recht behalten. Bis 2028, so eine Experten-Prognose, soll das Marktvolumen von Hanf allein in Europa auf 123 Milliarden Euro wachsen.

Nutzpflanze mit langer Tradition

Hanf (Cannabis sativa L.) ist vielseitig und eine der ältesten Nutz- und Heilpflanzen der Welt. In China wurde sie bereits vor mehr als 10.000 Jahren kultiviert; von dort gelangte sie über Indien und die antiken Hochkulturen bis nach Europa. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein spielte sie hierzulande eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Denn Hanf ist robust und wächst schnell; unter optimalen Bedingungen, also auf feuchten Böden mit viel Licht und warmem Klima, kann die einjährige Pflanze Wuchshöhen von bis zu dreieinhalb Metern erreichen.

Solche langen Stängel sind erwünscht, wenn Hanf zur Gewinnung von Fasern genutzt werden soll. Diese umgeben den holzigen Innenbereich und wurden aufgrund ihrer Festigkeit lange zur Herstellung von Segeltuch, Tauen und Hanfseilen genutzt. Doch die Aufbereitung war aufwändig. Irgendwann wurde Hanf daher zunächst von Baumwolle und Jute, später von Kunststoff verdrängt. Mittlerweile sind aber Textilien aus Hanf wieder voll in Mode. Sie bieten angenehmen Tragekomfort, weil der Stoff feuchtigkeitsregulierend wirkt. Er nimmt Schweiß auf, bleibt dabei selbst aber trocken.

Anspruchsvoller als die Produktion von Fasern ist die von Blüten, die die Lebensmittelindustrie als Zutat für Tees verwendet. Dazu benötigen die Pflanzen mehr Platz, weshalb sie weitläufiger ausgesät werden als Hanf zur Fasererzeugung. Das macht diese Kultur anfällig für Schnecken, Erosion und Beikräuter. Eine Unkrautbekämpfung ist unumgänglich und erfolgt durch sorgfältiges Hacken. Ursprünglich ist Hanf zweihäusig mit weiblichen und männlichen Pflanzen. Üblicherweise werden nur die unbefruchteten Blütenstände der weiblichen Blüte als Tee genutzt. Um sie in großer Anzahl zu erhalten, darf keine Bestäubung stattfinden – die männlichen Pflanzen werden daher entfernt.

Mittlerweile haben Züchtungen auch einhäusige Sorten hervorgebracht, an denen weibliche und männliche Blüten zusammen an einer Pflanze auftreten. Sie finden Verwendung, wenn die Bildung von Samen erwünscht ist, denn dann muss die weibliche Blüte zuvor von den männlichen bestäubt worden sein. Dann bildet sie im Herbst braune bis schwarzgraue, bisweilen auch grüngraue Nüsschen. Sie sind drei bis vier Millimeter groß und von einer dünnen, aber festen Schale umhüllt.

Die Samen gibt es pur zu kaufen: roh oder geröstet, ungeschält oder geschält, zu Öl gepresst, zu Mehl vermahlen oder entfettet. Geschmacklich erinnern sie an Nüsse und werden zuhause ähnlich verwendet – als Topping auf dem Salat, als Zutat im Bratling oder übers Müsli gestreut. Gemahlen eignen sie sich zum Backen, wo sie einen Teil des herkömmlichen Mehls ersetzen können, oder zur Nahrungsergänzung, weil Hanfsamen reich an pflanzlichem Protein sind. Zudem enthalten sie wertvolle Omega-Fettsäuren in einem besonders günstigen Verhältnis und punkten mit Vitaminen und Mineralstoffen. Hanföl kommt an den Salat, an Gemüsegerichte oder ins Pesto. Nicht zuletzt ist Hanf frei von Gluten und Lactose.

Züchtungen ohne THC

Hanf haftet immer noch der Ruch des Verbotenen an, denn der Missbrauch als Rausch- und Genussmittel brachte die Pflanze lange in Misskredit. Gerne wird bei der Vermarktung weiterhin mit diesem Image gespielt. Im Internet etwa sind zahlreiche Überschriften wie »Mehr als nur eine Droge«, »Verbotene Wunderpflanze« oder »Pflanze mit zweifelhaftem Image« zu lesen. Aber: Lebensmittel mit Hanf machen weder high noch ist ihr Ein- oder Verkauf illegal. Sämtliche Rohstoffe von Fasern über Samen bis hin zu Blüten müssen frei von dem psychoaktiven Tetrahydrocannabinol (THC) sein.

In Samen kommt natürlicherweise ohnehin kein THC vor; allerdings ist eine Kontamination mit dem Harz möglich. Deshalb ist im Anbau europaweit nur sogenannter Nutzhanf mit einem THC-Gehalt von weniger als 0,2 Prozent erlaubt. Dann gilt er definitionsgemäß als THC-frei. Zusätzlich hat das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin Richtwerte für den THC-Gehalt in Lebensmitteln aufgestellt (siehe Kasten).

Allerdings warnt das BfR, dass diese Richtwerte trotzdem überschritten werden können. Dies ist vor allem bei teeähnlichen Erzeugnissen mit Hanfblättern und -blüten der Fall. Auch in Produkten aus Hanfsamen wurden erhöhte Werte nachgewiesen. Sehr hohe THC-Gehalte wurden zudem bei hanfhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln ermittelt. Hier überschritten laut Stellungnahme des BfR nahezu alle Proben (94 Prozent) den Richtwert. Zudem gibt es bislang für Lebensmittel keinen europaweit gültigen Grenzwert für THC. Die Verbraucherzentrale warnt deshalb besonders vor hanfhaltigen Produkten aus dem Ausland.

Rechtliche Grauzone

Daneben gibt es Konflikte mit anderen Verordnungen und Gesetzen. Hanfsamen, Hanfsamenöl, Hanfsamenmehl und fettfreies Hanfsamenprotein sind im Novel-Food-Katalog der Europäischen Kommission erfasst und gelten nicht als neuartig. Ebenso ist der Einsatz von Hanfblättern und -blüten zulässig, wobei das fertige Lebensmittel sicher vor missbräuchlicher Verwendung sein muss.

Anders ist das bei der Verarbeitung des nicht-psychotrop wirksamen Cannabidiol (CBD), um das sich gerade ein richtiger Hype entwickelt. Es ist in Kapseln, Tabletten und Globuli ebenso auf dem Markt wie in Kosmetika zur äußerlichen Anwendung. CBD werden viele positive Wirkungen bei verschiedenen Beschwerden zugesprochen. Die Substanz soll entspannend wirken, schmerzlindernd, entkrampfend, entzündungshemmend, angstlösend, antipsychotisch und gegen Übelkeit. Außerdem soll CBD als Antioxidans zellschützende Eigenschaften haben.

Hersteller, die CBD-Produkte so bewerben, bewegen sich in einer gesetzlichen Grauzone, denn mit einem offiziellen Health-Claim darf sich CBD bislang nicht schmücken. CBD-Produkte mit Heilversprechen widersprechen der Health-Claims-Verordnung beziehungsweise der EU-Kosmetik-Verordnung. Zudem ist der Stoff in den entsprechenden Produkten frei zugänglich, obwohl er zu den neuartigen Lebensmitteln zählt und eigentlich nur mit einer Bewilligung durch das BLV oder einer Zulassung durch die Europäische Kommission in Verkehr gebracht werden darf. Die Drogeriemarktkette dm hat CBD-Produkte nun für unbestimmte Zeit aus dem Verkauf genommen, bis die rechtliche Einstufung der Produkte geklärt ist. Mitbewerber Rossmann hingegen lässt sich von dem Chaos nicht beeinflussen und verkauft weiterhin alle CBD-Produkte, bis ein endgültiges Ergebnis feststeht. Es bleibt also spannend.

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