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Dermatologen warnen

Pandemie geht unter die Haut

Die Angst vor Ansteckung mit SARS-CoV-2 ist groß. Das rechtfertigt jedoch nicht, Arztbesuche oder Früherkennungsuntersuchungen auf die lange Bank zu schieben. Besonders fatale Auswirkungen hat dieses Verhalten auf die Hautgesundheit, wie man jetzt weiß.
Elke Wolf
20.05.2021  09:00 Uhr

Die Angst vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 verzögert die Diagnose von Hautkrebs. Diese Zusammenhänge – gemeinhin auch als Kollateralschäden bezeichnet – belegen aktuelle Studien. »Patienten mit Hautveränderungen haben in der Zeit des ersten Lockdowns die Praxen und Kliniken gemieden und dadurch die Anzahl der Hautkrebsdiagnosen gedrückt«, sagte Professor Dr. Alexander Enk, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Hautklinik in Heidelberg, bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Dermatologie (DDG). »Wenn die Diagnose verspätet gestellt wird, kann das unmittelbare Auswirkungen auf die Prognose haben.«

Enk zitierte bei der Online-Eröffnungspressekonferenz einige Studien, die diese Entwicklung und ihre Auswirkung beschreiben. So analysierte eine retrospektive Studie die Daten von mehr als 100 000 Patienten aus 1660 Praxen. Dabei verglichen die Forscher, wie viele Krebserkrankungen in Deutschland in der Zeit Januar bis Mai 2019 und Januar bis Mai 2020 diagnostiziert wurden. Ihre Ergebnisse: Die Diagnose von Hauttumoren sank im März 2020 um 25,6 Prozent und im April 2020 sogar um 42,9 Prozent in dermatologischen Praxen und um 19,6 Prozent im März 2020 und um 29,3 Prozent im April 2020 in Allgemeinarztpraxen. Auch interessant: Von allen Tumoren waren die Hautkrebsdiagnosen durch die Covid-19-Pandemie am stärksten betroffen.

Ähnlich drastisch sind die Ergebnisse einer italienischen Forschergruppe. Die vom pathologischen Referenzzentrum in Rom erfassten Zahlen zeigen, dass die Melanom-Inzidenzzahlen in den zwei Monaten vor dem Lockdown von 158 Melanomen auf 34 Melanome in der Zeit des ersten Lockdowns abfielen. Auch danach erholten sich die Inzidenzzahlen nur leicht, nämlich auf 45 in den folgenden zwei Monaten.

Gleichzeitig tat sich etwas beim Verlauf der Tumordicken. Während vor dem Lockdown die durchschnittliche Tumordicke 0,88 mm betrug, sank sie unter dem Lockdown auf 0,66 mm ab und stieg nach dem Lockdown auf 1,96 mm an. »Diese Melanomzahlen zeigen eindrücklich, dass Patienten unter dem Lockdown nur seltener den Hautarzt mit der Verdachtsdiagnose Hautkrebs aufsuchten. Zugleich wird deutlich, dass dieses Warteverhalten zu einem Anstieg der Tumordicken direkt nach dem Lockdown führte«, erklärte Enk. Dermatologen sind sich einig: Mit dem Zuwarten verschlechtert sich die Prognose der Erkrankten.

Und noch eine weitere Beobachtung stellte Enk vor: Dermatologen registrierten einen deutlichen Abfall von Non-Melanoma-Skin-Cancer-Fällen, während das maligne Melanom praktisch in der gesamten Zeit überhaupt nicht diagnostiziert wurde. Enk kennt die Gründe für das Absagen oder Aufschieben von Arztterminen: »Besonders zu Beginn der Pandemie waren große Teile der Bevölkerung verunsichert und hatten Angst, sich bei einem Besuch in der Praxis anzustecken.« Mittlerweile hat sich die Situation geändert: Hygienekonzepte, medizinische Masken, Abstandsregeln und die steigende Zahl der Covid-19-Geimpften machen den Arzttermin mit geringem Ansteckungsrisiko möglich, so der Dermatologe.

Die Dermatologen warnen deshalb eindringlich, Hautarzt-Besuche nicht auf die lange Bank zu schieben, wenn es um Hautveränderungen geht. Hautkrebs-Früherkennungsuntersuchungen, aber auch Nachsorge sollten unbedingt wahrgenommen werden. Ins gleiche Horn stößt jetzt die Barmer Krankenkasse nach einer Analyse aktueller Daten. »Tausende Krebserkrankungen werden derzeit in Deutschland zu spät oder gar nicht diagnostiziert, da zahlreiche Patienten die notwendigen Vorsorgeuntersuchungen aus Angst vor Covid-19-Infektionen meiden. Das ist besorgniserregend, da die meisten Tumoren im Frühstadium am besten therapierbar sind«, zeigt sich Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, alarmiert. In der ersten Pandemie-Welle sind nach Schätzung der Barmer etwa 2600 Krebserkrankungen unentdeckt geblieben, darunter fast 1600 Brustkrebsfälle.

Augenmaß bei Gesichts-OP

Eingriffe an der Haut waren zu Beginn der Coronavirus-Pandemie Anzahl-mäßig die häufigsten Operationen überhaupt. Um Kapazitäten für an Covid-19-erkrankte Patienten freizuhalten, dürfen nur dringlich operative Eingriffe vorgenommen werden, appellierte Professor Dr. Roland Kaufmann, Direktor der Hautklinik am Universitätsklinikum Frankfurt. Hier gelte es mit Augenmaß die Diagnostik vorzunehmen, bei Weitem nicht immer sei ein Skalpell erforderlich.

Beispiel Keratoakanthom, ein Tumor, der sich an sonnenexponierten Hautarealen im Gesicht oder am Kopf bildet, schnell wächst und sich auch spontan zurückzubilden kann. Der kraterartige Tumor, aus dem ein Hornkegel herauswächst, wird meist bei Menschen über 60 Jahren diagnostiziert. »Herausfordernd ist beim Keratoakanthom, dass es dem bösartigen Plattenepithelkarzinom ähnelt«, erklärte der Dermatologe. Weil das Keratoakanthom so schnell wachse, werde es nicht selten unter der Diagnose eines Plattenepithelkarzinoms leitlinienkonform mit Sicherheitsabstand operativ entfernt, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass es zu einer bösartigen Weiterentwicklung kommt.

Für Kaufmann ist das jedoch nicht der richtige Weg: »Klinisch-pathologische Fehleinschätzungen von Tumoren führen zu unnötigen Über-Operationen mit der Notwendigkeit ausgedehnter plastischer Rekonstruktionen, wo es einfache Verfahren oder konservative Therapien ebenfalls getan hätten.« Mithilfe einer speziellen Gewebeprobe (Querschnittsbiopsie) könne man das Keratoakanthom auch feingeweblich gut von einem bösartigen Lippenkarzinom abgrenzen und die richtigen Weichen stellen.

Mehr Handekzeme

Ein weiteres Beschwerdebild hat die Coronavirus-Pandemie zutage gebracht: Handekzeme. Erste Berichte aus Hautarztpraxen über einen Anstieg von Handekzemen schon wenige Monate nach Beginn der Pandemie bestätigten die Vermutung, dass die intensivierte Handhygiene ein Risiko für die Hautgesundheit in sich birgt, hieß es bei der DDG-Jahrestagung.

Besonders gefährdet seien Beschäftigte im Gesundheitsdienst: Bei einer Befragung von mehr als 110 Beschäftigten des Universitätsklinikums München klagten 90 Prozent über die Symptome eines Handekzems aller Schweregrade wie Trockenheit, Rötung, Jucken, Brennen, Schuppen oder Risse. Bei ihnen war seit Pandemiebeginn die Nutzung von Seife, Desinfektionsmitteln und Handcreme stark angestiegen.

»Die bei der Handhygiene verwendeten Mittel haben nicht nur den erwünschten Effekt einer Ablösung oder Abtötung des Krankheitserregers, sondern schädigen auch die Haut«, sagte Professor Dr. Peter Elsner vom Universitätsklinikum Jena. Durch die eingesetzten Substanzen können die in der Hornschicht interzellulär vorhandenen Lipid-Doppellamellen, aber auch dem Wasserhaushalt dienende Peptide angegriffen werden. Das begünstigt dann die Entstehung eines irritativen Kontaktekzems.

Das sei häufiger durch Detergenzien als durch Desinfizienzien der Fall. »Wir haben auch beobachtet, dass sich die negativen Detergenzieneffekte durch das anschließende Tragen von Handschuhen verstärken. Bei alkoholischen Desinfektionsmitteln ist dies nicht der Fall«, erklärte Elsner

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