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Insektenfreundlicher Garten

Paradies für Summer und Brummer

Bereits mit einfach umzusetzenden Tipps lässt sich die eigene grüne Wohlfühloase ebenso in ein Paradies für Summer und Brummer verwandeln. PTA-Forum erklärt die drei wichtigsten Grundregeln für einen insektenfreundlichen Garten oder Balkon.
Judith Schmitz
30.04.2021  15:00 Uhr

Es ist einfach so: Ein Garten, der den fliegenden und krabbelnden Helfern ganzjährig neben Futter auch Nistplätze bietet, unterstützt die biologische Vielfalt. Vor allem Bienen, aber auch Schmetterlinge, Libellen, Käfer und Fliegen bestäuben während ihrer Mahlzeiten Obst, Gemüse und andere Pflanzen. Stängel und Pflanzenblätter nutzen sie für ihre Nester oder sie dienen Raupen als Futter. Die Nützlinge unter den Insekten fressen Pflanzenschädlinge. Als Teil der Nahrungskette wiederum sind Insekten ein Leckerbissen für andere Tiere wie Vögel, Igel und Wassertiere.

Anregungen für einen insektenfreundlichen Garten gibt es zahlreiche. Was sich umsetzen lässt, hängt immer auch vom vorhandenen Platz, den Lichtverhältnissen und natürlich von den eigenen Bedürfnissen an den Garten ab. Sarah-Maria Hartmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Biologischen Station im Kreis Düren e.V., nennt PTA-Forum die drei wichtigsten Grundregeln.

Keine Chemie-Keulen

»Selbst wer keinen Naturgarten haben möchte, hilft der Natur sehr, wenn er nicht spritzt, weil er dadurch viele Insekten am Leben lässt und somit das möglicherweise vorhandene Gleichgewicht aus Nützlingen und Schädlingen nicht verschiebt«, erklärt die Ökologin und Regionalentwicklerin. Oft gehe der Gifteinsatz »nach hinten los«: Wer etwa Insektizide gegen den Läusebefall an seinem Kirschbaum einsetzt, sollte wissen, dass das Gift auch den Nützling Marienkäfer tötet. Im Gegensatz zur Läusepopulation erholt sich die des Marienkäfers daraufhin jedoch viel schlechter. Die Folge: Das Gleichgewicht verschiebt sich im nächsten Jahr zugunsten des Läuseschädlings. Der Befall nimmt zu.

Als Antwort auf den Einsatz von Pestiziden können einige Pflanzensorten wie etwa Wildkräuter resistent gegen das Mittel werden und dann als Riesenunwuchs weiterwuchern, wo eigentlich Kartoffeln wachsen sollten.

»Jeder Giftstoff, den wir im Garten einsetzen, kommt ein stückweit zu uns zurück, über das Gemüse, das wir essen, das Grundwasser, das wir trinken«, gibt die 29-Jährige zu bedenken. Kinder, die im gespritzen Garten tollen, dabei das Gras anfassen oder es in den Mund stecken, könnten darüber Spuren des Giftes aufnehmen.

Laut Hartmann ist es wichtig, sich die Verhältnismäßigkeit und Wichtigkeit des Gifteinsatzes im Hobbygarten klarzumachen: Wer nicht gerade Eigenversorger ist, sei nicht auf einen hohen Ertrag von Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten angewiesen, so gern man den natürlich habe.

Die natürliche Alternative heißt: Nützlinge anlocken! Ohrwürmer und Florfliegen helfen etwa gegen Schädlinge. Diesen Nachtaktiven kann man an Obstbäumen oder Hecken einen Unterschlupf aus mit Stroh gefüllten Tontöpfen bieten, die man dort verkehrt herum aufhängt (das Stroh wird über Fäden am Tontopf befestigt). Das schützt diese Nützlinge auch vor Vögeln. Nisthilfen wiederum locken Vögel in den Garten, die Insekten fressen, darunter Läuse oder Mücken. Hornissen sind prima Bremsenjäger. Diese so Hartmann »unglaublich friedlichen Tiere« fühlen sich allerdings nur in wilden Gärten wohl. Bestimmte Kräuter zwischen die Gemüsepflanzen gesetzt sollen Schädlinge fernhalten. Lavendel, Thymian, Salbei und Oregano schrecken wohl mit ihren Duftstoffen Blattläuse ab.

Wer auf Schneckenkorn verzichten möchte, probiert es mit Holzmehl. Man legt es als Streifen um die Beete aus, muss es nach Regen allerdings wieder ausbessern. Alternativ schützen gebogene Blechkanten um die Beete, weil Schnecken nicht über Kopf kriechen können. Oder man legt einen Stein oder ein Holzbrett ins Gemüsebeet. Unter dieses verkriechen sich die Tiere nachts und lassen sich morgens von dort absammeln. Jedoch: »Wenn man der Schneckenplage gar nicht Herr wird, ist Schneckenkorn okay«, sagt Hartmann realistisch.

»Pflanzen wie Hecken oder Blumen, die keinen Ertrag bringen sollen, braucht man nicht zu düngen. In der Regel kommen die Pflanzen auf einem nährstoffarmen Boden gut zurecht und sind gut versorgt, um auch einen Hitzesommer zu überstehen«, weiß die Ökologin. Wer auf der sicheren Seite sein will, lässt seinen Boden auf den Nährstoffgehalt und Säuregrad (pH-Wert) im Labor untersuchen. Bei einem Mangel oder nicht passendem Säuregrad für die entsprechende Pflanzenart können Nährstoffe und Kalk dann in der richtigen Konzentration zugegeben werden.

Aufgepasst: Eine Überdüngung kann auch mit organischen Dünger wie Stallmist oder Kompost erfolgen, der überwiegend stickstoffhaltig ist. Wirklich düngen brauche man nur seinen Gemüsegarten, so Hartmann. Wer einen Kompost anlegen möchte, findet dazu auch im Internet Anleitungen. Ebenso ist die etwas streng riechende Brennnesseljauche ein guter Dünger. Dazu einfach ein paar Brennnesseln abschneiden, ein paar Tage in einem Eimer Wasser ziehen lassen und den Sud aufs Beet geben.

Mut zur Wildnis

Hartmann erklärt: »Lassen Sie Totholz liegen. Insekten finden darin eine ideale Brutstätte. Auch Brennnesseln und Giersch einfach wachsen lassen, so weit man das selbst ertragen kann.« Auch die Bedürfnisse des Nachbarn sollten besonders in engen Wohnsiedlungen im Auge behalten werden. Die Brennnessel biete 25 Falterarten eine Lebensgrundlage. Zur »Wildnis« gehöre auch, beim Rückschnitt von Stauden im Frühjahr nicht alles zurückzuschneiden, sondern einige abgestorbene Stängel bis Anfang Mai stehen zu lassen. Sie sind natürliche Insektenhotels. Grille, Grashüpfer oder Schwalbenschwanz legen dort im Spätsommer/Herbst ihre Eier ab. Wenn man sie abschneidet, weil sie zu unordentlich erscheinen, dann ist Hartmanns Tipp, die abgeschnittenen Stängel aufrecht an ein sonniges Plätzchen zu stellen, damit sich die Larven entwickeln können.

»Je mehr unterschiedliche Lebensräume man für Insekten schafft, desto mehr andere Tiere lockt man damit gleichzeitig an und bieten ihnen Unterschlupf«, sagt die Ökologin. Dazu gehören neben nicht gemähten Grünstreifen Bäume und unterschiedliche Sträucherarten, die zu verschiedenen Jahreszeiten blühen. Insekten finden dort Nahrung, Vögel können dort ihre Nester bauen, Igel sich im Dickicht der Sträucher verstecken.

Wer Platz und Muße hat, legt eine Steinecke an. Hier fühlen sich Lurche, Eidechsen und Blindschleichen wohl. In den Steinritzen brüten gern solitäre Bienen. Entlang einer Mauer könnte Platz für einen Sandboden gefunden werden, in dem Ameisen und Wildbienen ihre Eier ablegen. Durstlöscher und Lebensraum sind auch Teiche mit flacher Uferzone – allerdings ohne Fische, denn sie würden darin abgelegte Insekteneier fressen. Im Wasser baden gern Igel, das flache Ufer hilft ihnen, das Wasser wieder zu verlassen. Wer nur wenig Platz hat, kann mit Moos und Steinen bestückte flache Wassertränken aufstellen. Hartmanns Tipp für den Wegebau: besser Kies oder Platten mit Fugen statt Beton und Asphalt wählen.

Insektengerechte Blüten

Wer ein Herz für Insekten hat, bepflanzt seine Blumentöpfe und -beete mit insektenfreundlichen Blumen. Diese haben ungefüllte Blüten, wodurch Bienen und andere Insekten gut an Nektar und Pollen gelangen. Bei gefüllten Blüten wurde durch die Zucht die Zahl der Blütenblätter vermehrt. Die Staubblätter in der Blüte, an die bestäubende Insekten wie Wildbienen herankommen müssen, sind dann nicht mehr einfach zugänglich oder zurückgebildet.

Hobbygärtner sollten wissen, dass manche Insekten auf bestimmte Pflanzen angewiesen sind, während andere wie die Honigbiene nicht so wählerisch sind, so Hartmann. Irreführend sei auf käuflichen Pflanzentöpfen der Aufdruck »bienenfreundlich«, weil damit oft nur die »anspruchslose« Honigbiene gemeint sei und nicht etwa wild lebende Bienenarten, zu denen auch die Hummel zählt.

Für Wildbienen eignen sich etwa Fetthenne, Hauswurz, Rainfarn und Ziest. Hummeln mögen auch Rittersporn, Fingerhut und Salbei. Tagfalter laben sich etwa an Kornrade, Winde sowie Heide-, Pech-, Licht- und Karthäuser-Nelke. Nachtfalter fliegen Nachtkerzen, Türkenbund, Zaunwinde und das Seifenkraut an.

Damit die Insekten ganzjährig Nahrung finden, sollten die verschiedenen Blühzeiten berücksichtigt werden. Los geht es mit Frühblühern wie Schneeglöckchen und Krokussen im Rasen. Ein Staudenbeet (vorzugsweise Wildstauden) kann so angelegt werden, dass zwischen März und Oktober immer etwas blüht. Kräuter- und Gemüsepflanzen können bis in den Spätherbst blühen und dienen dann noch als Nahrungsangebot. Ebenfalls sollten die verblühten Pflanzenstängel nicht alle zurückgeschnitten werden, denn einige Bienenarten nutzen sie als Nist- oder Schlafplatz.

Natürlich kann man es auch bei den Blumen »wild« werden lassen, im Balkonkasten oder als Wildblumenstreifen neben dem ordentlich geschnittenen Rasen. Hartmann rät zu regionalen Mischungen mit mehrjährigen Pflanzenarten. Sie sind optimal an das vorherrschende Mikroklima und die Bodenbeschaffenheit angepasst. Einjährige Mischungen und einen Mix aus beidem empfiehlt sie für große Flächen nicht. Die Einjährigen wie Klatschmohn und Kornblume blühen zwar schön knallig, werden im nächsten Jahr jedoch von den mehrjährigen überwuchert. Man müsste sie dann aufs Neue aussäen. Wer das weiß, ist dann nicht enttäuscht, wenn die Knallfarben ausbleiben. Tipp: Bei der Wildblumenwiese erfolgt die Maat nach der Samenreife erst ab dem 15. Juni.

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