PTA-Forum online
Telemedizin und Ferndiagnostik

Per App zum Arzt

Neue Technologien bewirken keine Wunder, können aber medizinische Versorgungslücken in strukturschwachen Gegenden schließen. Weder Heilberufler noch Patienten müssen reisen – die Kommunikation verbindet sie. GKVen erstatten derzeit nur wenige Leistungen.
Michael van den Heuvel
09.05.2019
Datenschutz

Im Mai 2018 fällte der Deutsche Ärztetag eine vielbeachtete Entscheidung. Delegierte gaben grünes Licht für Beratungen und Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsmedien. Dies sei »im Einzelfall« möglich, falls dies »ärztlich vertretbar« sei, falls die »erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation« gewahrt werde und falls Patienten vorab Informationen zur Telemedizin bekämen. Plötzlich eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten zur Versorgung.

Dass hier tatsächlich Bedarf besteht, zeigt eine Umfrage der Deutsche Apotheker- und Ärztebank (apoBank) mit 1000 Verbrauchern. Mehrfachnennungen waren möglich. 83 Prozent kritisierten, sie hätten das Gefühl, Digitalisierung sei im Gesundheitssektor noch nicht richtig angekommen. Auf mehr Zugang zu Ärzten und Apothekern hoffen 56 Prozent. Und 51 Prozent sehen in der Digitalisierung mehr Chancen als Risiken.

Bekanntlich recherchieren Patienten heute online nach Krankheitsbildern und wählen ihre Ärzte häufig per Bewertungsportal aus. 60 Prozent aller Studienteilnehmer können sich generell vorstellen, mit Ärzten digital zu kommunizieren. Besonders begehrt ist das gute alte Telefon (68 Prozent), gefolgt von Video-Chats (56 Prozent), E-Mail-Kontakten (50 Prozent) oder reinen Textchats wie WhatsApp (35 Prozent).

Daraus ergeben sich gewaltige Potenziale für den Versorgungsalltag: Ältere, gebrechliche Patienten oder Berufstätige mit wenig Zeit müssen nicht mehr in weit entfernte Praxen, falls es um reine Verlaufskontrollen handelt. Auch bei kurzen Rückfragen bieten sich Videokonferenzen an. Und während der Grippesaison muss niemand ins Wartezimmer, um sich vielleicht noch mit zusätzlichen Viren anzustecken. Das System ist momentan für Arztpraxen konzipiert, eignet sich generell aber auch für Apotheken, falls Patienten Rückfragen haben.

Deshalb lohnt es sich, die Technik genauer in Augenschein zu nehmen. Heilberufler benötigen als Hardware nur einen Bildschirm mit Kamera und Mikrofon. Kosten verursacht vor allem die Streaming-Software. In Zeiten der Datenschutz-Grundverordnung gibt es hier etliche Fallstricke. Die Übertragung muss sicher verschlüsselt sein und hat über Server innerhalb der Europäischen Union zu laufen. Vor Beginn einer jeden Videokonferenz müssen Patienten ihre Zustimmung erteilen.

Sind alle Hindernisse aus dem Weg geräumt, geht es schon zur Sache: Arzt und Patient vereinbaren den Termin ihrer Videokonferenz. Der Arzt schickt per E-Mail einen Link. Dort meldet sich sein Patient zum vereinbarten Zeitpunkt an, landet im virtuellen »Wartezimmer« und wird »aufgerufen«. Die Applikation funktioniert auf allen gängigen Systemen, inklusive Smartphone und Tablet. Nach Ende der Konsultation dokumentiert der Arzt alle Details in der Patientenakte.

Schnelle Beratung – ein neuer Markt

Ärzte haben zwar schon die Möglichkeit, Videosprechstunden mit gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen. Doch ihr Interesse ist gering. Im PKV- beziehungsweise Selbstzahlerbereich haben sich jedoch schon mehrere Anbieter etabliert. Die TeleClinic bietet 24 Stunden am Tag ärztliche Beratungen per Video oder Telefon an, lange Wartezeiten entfallen. Ähnliche Services haben die eedoctors, Medgate oder Patientus im Programm. Ob auch telemedizinische Krankschreibungen möglich sind, wie sie »AU-Schein« anbietet, ist bei Arbeitsrechtlern umstritten.

Zava, früher DrEd, bietet Telemetrie schwerpunktmäßig per Online-Fragebogen an. Auf Basis der Daten entscheiden Ärzte über eine Medikation. Dabei fallen zwei große Bereiche auf: schambehaftete Erkrankungen, etwa Erektionsstörungen oder Mykosen, sowie Erkrankungen mit Folgeverordnung, sprich Asthma, Hypertonie, Hypercholesterinämie oder Reflux. Offensichtlich zahlen Patienten lieber die Honorare aus eigener Tasche anstatt sich in ihre Arztpraxis zu schleppen. Die Rezepte gehen von Zava an eine Online-Apotheke.

Wer nur einzelne Fragen hat und keine Medikation benötigt, kann sich bei »just answer« oder »Frag einen Arzt« beraten lassen. Und wer schnelle Hilfe von Hebammen braucht, ist bei Kinderheldin gut aufgehoben.

Psychotherapie »to go«

Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden, brauchen oft ebenfalls schnelle Hilfe. Den Leitlinien zufolge kommen bei Depressionen Psychotherapien und Medikationen zum Einsatz. Therapieplätze sind rar, und wer beruflich viel unterwegs ist, dem fehlt die Zeit. Die Schön Klinik, eine private Krankenhausgruppe, hat deshalb MindDoc als Online-Angebot entwickelt. Patienten bekommen nach dem persönlichen Erstgespräch ihren Zugang. Wo sich der nächste Therapeut tatsächlich befindet, ist egal, so lange Menschen regelmäßig begleitet werden. Mehrere Studien zeigen auch hier, dass Internet-basierte Therapien ähnlich gut funktionieren wie Kontakte »face to face«. Von MindDoc profitieren nicht nur Berufstätige, sondern auch Personen in strukturschwachen Regionen oder Patienten mit körperlicher Einschränkung.

Künstliche Intelligenz oder menschliche Diagnose?

Von der Psychiatrie zur Dermatologie. Smartphones neueren Datums überzeugen durch Digitalkameras mit hoher Auflösung, was sie zu hervorragenden Werkzeugen für dermatologische Fragestellungen macht. Bei SkinVision geht es um die Hautkrebs-Vorsorge. User laden Fotos ihrer Läsion hoch. Die Vergleichsdatenbank umfasst Millionen anderer Aufnahmen mit genauer Diagnose. Nach etwa 30 Sekunden gibt das System einen Risikowert (»niedrig«, »mittel«, »hoch«) an. Daten zur Beurteilung melanomverdächtiger Hautveränderungen zeigen eine Sensitivität von 94 Prozent und eine Spezifität von 80 Prozent. SkinVision selbst wird von einzelnen PKVen erstattet.

Die Techniker Krankenkasse verfolgt mit ihrer Derma-App (Mobil Skin), einem Modellprojekt, andere Ziele. Sie will die Betreuung von Hauterkrankungen optimieren – auch in Regionen mit schlechter dermatologischer Versorgung. Patienten schicken Aufnahmen betroffener Regionen mit ergänzenden Informationen an ihren Dermatologen. Der Arzt antwortet über den gleichen Kommunikationskanal. Er kann etwa bei Neurodermitis Therapien optimieren oder Erkrankten raten, lieber in seine Sprechstunde zu gehen. Seine heilberufliche Expertise lässt sich durch Technik nicht ersetzen, aber ergänzen.

Chroniker engmaschig überwachen

Um Telemetrie-Apps jenseits von Modellprojekten als Kassenleistung anzubieten, ist eine Bewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) unerlässlich. Jetzt haben Experten ein Beratungsverfahren angestoßen, um telemedizinische Behandlungsprogramme speziell für Patienten mit Herzinsuffizienz zu bewerten. Allein in Deutschland sind 1,8 Millionen Menschen betroffen. Wer an der telemetrischen Überwachung teilnimmt, misst in Eigenregie regelmäßig wichtige Vitalparameter, etwa die Sauerstoffsättigung des Blutes, den Blutdruck oder das Gewicht. Alle Daten gehen dann über sichere Verbindungen zum Arzt. Kardiologen argumentieren, dass sie mit engmaschigen Messwerten Verschlechterungen erkennen, bevor es der Patient merkt. Studien haben speziell bei Herzinsuffizienz gezeigt, dass telemedizinisches Monitoring zu weniger Krankenhaustagen und zu weniger Todesfällen führt. Sollte der G-BA grünes Licht geben, müssten sich Kassen stärker als bislang neuen Versorgungsformen öffnen.

Mehr von Avoxa