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Phytopharmaka

Pflanzen für die Psyche

Stress, Druck, Anpassung: Unser modernes Leben beschwört neurologisch und psychisch bedingte Beschwerdebilder geradezu herauf. Verschiedene Arzneipflanzen können hier eine gewisse Hilfe bieten. Ein Überblick über Präparate, deren Einsatz durch Studien gesichert ist und die teils auch im Kindes- und Jugendalter anwendbar sind.
Ulrich Enzel
24.06.2021  09:00 Uhr

Als Mittel der ersten Wahl werden bei fast allen Kopfschmerzarten regelhaft chemisch-synthetische Analgetika als Mono- oder Mischpräparate eingesetzt. Immer sollte deren Abgabe verbunden werden mit Empfehlungen zur allgemeinen Lebensführung wie viel Bewegung im Freien, längeren PC-Pausen, ausreichend Schlaf und nicht verplanten Zeiten, welche man als »Wohlfühlpausen« deklarieren kann.

Bei Spannungskopfschmerzen hat sich, so führt es etwa die Praxis-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin auf, das Auftragen von 10%igem Pfefferminzöl (wie Euminz® Lösung) auf die Schläfen bewährt. Studien bescheinigen dem Präparat einen ebenso guten Effekt wie 1000 mg Paracetamol oder 1000 mg Acetylsalicylsäure. Zudem ist es ab 6 Jahren einsetzbar.

Migräne-Attacken konnten – allerdings nur bei Erwachsenen studiengesichert – durch das Inhalieren von Lavendelöl bei 74 Prozent der Probanden gelindert werden. Dabei reduzierte sich sowohl die Intensität des Kopfschmerzes in der Lavendelgruppe signifikant als auch der Zeitraum zwischen Anwendung und Schmerzlinderung. Übrigens: Echter Lavendel war 2020 zur Arzneipflanze des Jahres gewählt worden.

Aufgrund ihrer Hepatotoxizität wurden Pestwurz-Präparate in Deutschland 2009 vom Markt genommen, die in vielen Studien ihre Wirksamkeit bei der Reduktion von Migräne-Attacken unter Beweis gestellt hatten. Auch Pyrrolizidinalkaloid-freie Präparate sind in Deutschland nicht mehr zugelassen. Ganz anders etwa in der Schweiz, wo Pyrrolizidin-freie Fertigpräparate ab dem Alter von 12 Jahren gegen rezidivierende Migräne, aber auch gegen Heuschnupfen Einsatz finden.

Schlaf neu takten

Ein gestörter Schlaf stört – Befragungen zeigen recht unterschiedliche Ergebnisse – 10 bis 50 Prozent aller Kinder und ihre Eltern gelegentlich oder länger anhaltend. Medikamente, auch pflanzliche, sollten bei solchen Schlafproblemen immer nur möglichst kurzzeitig eingesetzt werden, auch wenn bei den aufgeführten Phytopharmaka nach aktueller Literatur – im Gegensatz zu manchen chemisch-synthetischen Zubereitungen – keine Gefahr der Entwicklung einer Abhängigkeit besteht.

Immer sollte eine Medikation flankiert werden durch bewährte Allgemeinmaßnahmen, angefangen von Psychoedukation und strukturiertem Elterntraining über die Implementierung eines Einschlafrituals bis hin zu physiologischer Schlafhygiene, bei Schulkindern ergänzt durch Entspannungstechniken. Als sehr hilfreich haben sich in der Praxis – weit über Subjektives hinausgehend – Schlaftees bewährt.

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Zulassungsbehörde EMA hat nur einem bestimmten Trockenextrakt aus Baldrianwurzel und bestimmten Extraktkombinationen aus Baldrianwurzel und Hopfenzapfen (wie Allunapret®, Abtei® Beruhigungsdragees) den well-established use zugebilligt. Alle anderen Drogen wie Passionsblumenkraut, Lavendelblüten oder -öl sowie Melissenblätter oder -öl wurden der Kategorie traditional use in Sachen Einschlafbeschwerden zugeordnet.

Für die Praxis ergibt sich daraus, dass Baldrianwurzel-Trockenextrakte mit einem DEV von 3 -7,4:1, die mit dem Auszugsmittel 40 bis 70 % Ethanol hergestellt wurden (wie Sedonium®, Baldrivit®, Baldurat®, Luvased® mono, Baldriparan® Stark für die Nacht, Euvegal® balance), ab 12 Jahren bei nervöser Unruhe und Schlafstörungen eingesetzt werden können. Bei nervöser Unruhe sind dreimal am Tag eine Dosis von 400 bis 600 Milligramm Trockenextrakt hilfreich. Schlafstörungen lassen sich mit einer Einzeldosis eine halbe bis eine Stunde vor dem Zubettgehen und eventuell einer Dosis am frühen Abend behandeln.

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