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ARZNEIPFLANZEN

Mutterkorn

Das Mutterkorn wächst bei regnerischem Wetter in den Ähren von Roggen und anderen Getreidearten. Es ist die Dauerform des Pilzes Claviceps purpurea und enthält eine Reihe toxischer Alkaloide. Vor allem im Mittelalter erkrankten oder starben hunderttausende Menschen nach dem Verzehr mutterkornhaltigen Roggens.
Annette Immel-Sehr
16.09.2020  14:11 Uhr
Mutterkorn auf Roggen / Foto: Adobe Stock/Martina Berg
Mutterkorn: Links mit vier Fruchtkörpern. Rechts: Längsschnitt durch einen Fruchtkörper mit seinen Perithecien

Im Überblick

NAME
Mutterkorn
BOTANISCHER NAME
Secale cornutum
FAMILIE
Mutterkornpilze
BOTANISCHE FAMILIE
Clavicipitaceae
WEITERE NAMEN

Merkmale

  • Dunkel-violett, bis zu 5 cm lang, leicht halbmond- oder keulenförmig, ragt aus Getreideähre heraus.
  • Befällt vor allem Roggen, selten Weizen (insbesondere Hartweizen), Dinkel, Gerste sowie Futtergräser.
  • Mutterkörner fallen aus den Ähren auf den Boden, wo sie im Frühjahr zu kleinen gestielten Fruchtkörpern heranwachsen. Diese enthalten viele Ascosporen, die der Wind auf die Narben der Roggenblüten weht (Primärinfektion). Das entstehende Myzel durchwuchert die Fruchtknoten der Ähren und bildet wiederum eine Vielzahl von Sporen. Gleichzeitig entsteht ein süß-klebriger Honigtau, der die Sporen aufnimmt. Er tropft auf benachbarte Roggenähren oder wird durch Insekten dorthin übertragen (Sekundärinfektion). Die Sporen keimen und wachsen zum Mutterkorn heran.

Heimat

-

Arzneilich verwendete Pflanzenteile

  • vollständiges Mutterkorn
  • zur Gewinnung von Mutterkornalkaloiden
  • früher Kultivierung auf Roggen, heute vor allem in-vitro-Kultur.
  • partialsynthetische Weiterverarbeitung zu zahlreichen Substanzen, wie Methysergid, Dihydroergotamin, Pergolid, Lisurid

Inhaltsstoffe

  • Mutterkornalkaloide, insbesondere Ergotamin, Ergometrin, Ergocryptin, Alkaloid-Gehalt zwischen 0,001 und 10 Prozent

Anwendung

  • Ergotamin: bei Migräne (z.B. Ergo-Kranit®)

Nebenwirkungen

  • Ergotamin: häufig Übelkeit, Erbrechen und Durchfall
  • Gelegentlich Benommenheit, Verwirrtheit, Kopf- schmerzen und Krämpfe

Wechselwirkungen

  • Triptane, HIV-Proteinase-Inhibitoren, Nicotin: verstärkte Vasokonstriktion

Beispiele für Monopräparate

aus Mutterkornalkaloiden abgeleitete Wirkstoffe und deren Indikationsgebiete:

  • Pravidel® (Bromocriptin): Morbus Parkinson, Akromegalie, zur Lactationshemmung Cabaseril®, Dostinex® (Cabergolin): M. Parkinson, Abstillen, Hyperprolaktinämie Almirid-Cripar® (Dihydroergocryptin): M.Parkinson
  • Dopergin® (Lisurid ): Parkinson-Krankheit, Akro­megalie, Abstillen
  • Liserdol® (Metergolin): zum Abstillen
  • Methergin® (Methylergometrin): postpartale Blutungen, Blutungen nach Fehlgeburt

Weitere Informationen

Höllenfeuer, Brandseuche, Kribbelkrankheit oder ­Antonius-Feuer – so nannten die Menschen im Mittelalter eine Erkrankung, die Tausende dahinraffte, deren Ursache aber niemand kannte. Heute weiß man, dass es sich dabei um Mutterkorn-Vergiftungen (Ergotismus) handelte. Ergotismus war so verbreitet, weil Roggen­ im Mitteleuropa die fast ausschließlich angebaute Getreideart war. Roggenmehl bestand damals – je nachdem wie feucht der Sommer war – bis zu einem Drittel aus gemahlenem Mutterkorn. Schätzungs­weise 200 000 Menschen starben insgesamt, unzäh­lige erlitten dauerhafte körperliche Schäden. Auch Tiere waren betroffen.

Anzeichen einer akuten Mutterkornvergiftung sind Übelkeit, Kopfschmerzen, Krämpfe, Gefühllosigkeit von Armen und Beinen und Gebärmutterkontrak­tionen. Eine Aufnahme von 5 bis 10 g Mutterkorn kann für Erwachsene tödlich sein. Eine chronische Mutterkornvergiftung führt über Kribbeln der Haut zu starken Muskelkrämpfen oder zu brennenden Schmerzen einzelner Gliedmaßen, die später gefühllos werden und absterben. Die Krankheit geht oft mit Wahnvorstellungen einher.

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