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Weihrauch

Weichrauch

Ayurveda und evidenzbasierte Medizin

von Annette van Gessel

Seit etwa 7000 Jahren schätzen die Menschen Weihrauch als Heilmittel und verbrennen das Harz bei kultischen Anlässen. Bis heute hat der Weihrauch nichts an Bedeutung eingebüßt. Derzeit fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie ein dreijähriges Forschungsprojekt, in dem Wissenschaftler neue topischeEinsatzgebiete der Heilpflanze untersuchen.

Das Wort »Weihrauch« weckt bei vielen Menschen Bilder einer katholischen Messe, bei der die Messdiener ihre Weihrauch-Kessel schwenken und die ganze Kirchengemeinde in den intensiven Rauch einhüllen. Wie kostbar das Harz vor 2000 Jahren war, zeigt die Tatsache, dass die Heiligen Drei Könige dem neugeborenen Jesus Weihrauch, Myrrhe und Gold als Geschenke mitbrachten. Der deutsche Begriff Weihrauch ist nicht eindeutig: Zum einen bezeichnet er das zum Räuchern verwendete Harz, die Pflanzen, aus denen das Harz gewonnen wird, und schließlich den Rauch selbst.

Erstmals erwähnt wurde das Harz etwa 5000 v. Chr. in Schriften aus Mesopotamien. In der traditionellen indischen Naturheilkunde des Ayurveda (der Wissenschaft vom gesunden Leben) wird das Harz des indischen Weihrauchbaumes seit über 3000 Jahren als wichtiges Heilmittel eingesetzt. Als Salbe linderte »Guggul«, das ist die alte Sanskrit-Bezeichnung der Pflanze, vor allem Gelenkentzündungen, Knochenbrüche und Geschwüre. Die zahlreichen innerlichen Anwendungen sind in ayurvedischen Texten aus dem 1. und dem 7. Jahrhundert n. Chr. überliefert. Zubereitungen aus Rinde oder Harz setzen die Inder als Bestandteil von Arzneien gegen Erkrankungen des Nervensystems, gegen Beschwerden des Magen-Darm-Trakts, bei Harnwegserkrankungen und in der Frauenheilkunde sowie bei Hauterkrankungen und zur Verbesserung der Wundheilung ein. Doch nicht nur die Inder schätzten den Weihrauch als Medizin, auch berühmte griechische Ärzte wie Hippokrates, Celsius, Galen und Dioskurides empfahlen Weihrauchzubereitungen gegen Epilepsie, Mandelentzündungen, Husten und Heiserkeit und bei Verstopfung. Das Spektrum der Hautleiden, die im Altertum mit Weihrauchzubereitungen behandelt wurden umfasst Brandwunden, Frostbeulen, Krätze, Schuppenflechte, Warzen und Hautausschläge. Im Mittelalter empfahlen Hildegard von Bingen (1089 bis 1179) und Paracelsus (1493 bis 1541) die Harze verschiedener Weihraucharten gegen Erkrankungen des Nervensystems, der Atemwege, des Magen-Darm-Trakts sowie der Haut. Das Harz sollte die Wundheilung fördern sowie Geschwüre und Abszesse heilen. 

Der Weihrauchbaum gehört zur Familie der Burseraceae. Das Harz stammt von vier verschiedenen Boswellia-Arten: Boswellia sacra aus Südarabien, Boswellia carteri und Boswellia frereana aus Somalia und Boswellia serrata, dessen Heimat Indien ist. Um das Harz zu gewinnen, wird die Rinde des Weihrauchbaumes eingeritzt. Zunächst tritt ein zäher weißer Saft aus, der nach etwa drei Wochen abgeschabt und verworfen wird. Erst danach folgt das eigentliche Weihrauchharz. Es härtet an der Luft aus und kann im Dreiwochentakt geerntet werden. Das arabische Harz wird auch als Olibanum gehandelt, das indische als Salaiguggul. Je nach Herkunftsgebiet unterscheiden sich die Erntemengen und damit die Preise deutlich voneinander. Afrikanischer Weihrauch ist in der Regel preiswerter als indischer. Seit dem 1. November 2007 existiert im 7.Nachtrag des Europäischen Arzneibuchs Band 5 erstmals die Monographie »Indischer Weihrauch«.

Boswelliasäuren als Hauptwirkstoffe

Neben ätherischem Öl, Gerb- und Schleimstoffen enthält Weihrauchharz Terpene. Die für die arzneiliche Verwendung wichtigsten Inhaltsstoffe sind die Boswelliasäuren, eine Untergruppe der Terpene. In Deutschland hat sich vor allem der Tübinger Pharmakologe Professor Dr. Hermann P. T. Ammon um die Erforschung des Weihrauchextrakts und seiner therapeutischen Einsatzmöglichkeiten verdient gemacht. Erst Ende der 1980er-Jahre gaben pharmakologische Studien Hinweise auf mögliche Wirkmechanismen der Boswelliasäuren. Mithilfe moderner Analysetechniken konnten in ethanolischen Extrakten des Weihrauchharzes Boswelliasäuren und andere pentazyklische Triterpene nachgewiesen werden. Auch der Angriffspunkt der Boswelliasäuren wurde identifiziert: Sie hemmen die 5-Lipoxygenase, das Schlüsselenzym der Leukotrienbiosynthese. Leukotriene werden bei jedem Entzündungsprozess im Gewebe freigesetzt. Ausreichend hoch dosiert hemmen Boswelliasäuren die 5-Lipoxygenase und unterdrücken damit die Bildung und die Wirkungen der Leukotriene. 

Inzwischen haben Wissenschaftler außerdem herausgefunden, dass Boswelliasäuren lysosomale Proteasen und andere Mediatoren des Immunsystems wie weiße Blutkörperchen beeinflussen und auch die Bildung gewebeschädigender Sauerstoffradikale hemmen. Bei Tumorzellen im Reagenzglas konnten Forscher sogar den programmierten Zelltod, die Apoptose, einleiten.

Aus diesen Erkenntnissen lassen sich die potenziellen Einsatzgebiete des Weihrauchs ableiten. Bei vielen chronischen Erkrankungen liegt ein Übermaß an Leukotrienen vor, beispielsweise bei Krankheiten des rheumatischen Formenkreises, vor allem bei der Rheumatoiden Arthritis, bei chronischen Gelenkentzündungen (Polyarthritis), aber auch bei den entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, bei Schuppenflechte (Psoriasis) und Asthma bronchiale.

Stand der Forschung

Anlässlich des 75. Geburtstags von Ammon veranstaltete die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft e.V. am 5. April in Tübingen ein Weihrauch-Symposium. Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung der Boswellia-säuren hat der Weihrauch als Heilmittel in die naturwissenschaftlich-orientierte evidenzbasierte westliche Medizin Eingang gefunden. Ammon berichtete, dass im Jahr 1969 zum ersten Mal Wisenschaftler die analgetischen Wirkungen des Harzes aus Boswellia serrata pharmakologisch untersucht hätten. 1986 folgten Untersuchungen zu entzündungshemmenden Effekten, zwei Jahre später eine Studie zur Hemmung der Leukozytenmigration. Im Jahr 1991 veröffentlichte das Forscherteam um Ammon eine Untersuchung zur Hemmung der Leukotriensynthese durch das Harz aus Boswellia serrata. Bis heute lägen mehr als 180 wissenschaftliche Publikationen zu Weihrauch vor, berichtete Ammon auf dem Symposium.

Zahlreiche klinische Studien mit Extrakten aus dem Harz von Boswellia serrata zeigten dessen Wirksamkeit bei Osteoarthritis, Rheumatoider Arthritis, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Asthma bronchiale und peritumoralem Hirnödem. Viele Ergebnisse der klinischen Prüfungen mit Weihrauchextrakt bei Patienten seien vielversprechend, so Ammon. »Bei Patienten mit chronischer Polyarthritis gingen in 60 bis 70 Prozent der Fälle Schmerzen, Schwellung und Gelenksteifigkeit zurück.«

Allerdings müssten weitere klinische Untersuchungen folgen, um die Wirksamkeit von Weihrauchextrakten endgültig unter Beweis zu stellen. Ammon dazu: »Wir sind uns darüber im Klaren, dass diese ersten klinischen Ergebnissse nicht ausreichen, um Zulassungsbehörden von der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit jetzt schon zu überzeugen. Die bisherigen Daten ermutigen uns jedoch, weitere Untersuchungen darüber anzuregen, inwieweit Extrakte aus dem Harz von Boswellia serrata oder isolierte Boswelliasäuren auch bei anderen Krankheiten, bei denen eine vermehrte Bildung von Leukotrienen eine wichtige Rolle spielt, eine Besserung herbeiführen.«

Es lohne sich, die Wirksamkeit von Weihrauchpräparaten bei weiteren Erkrankungen mit wissenschaftlichen Methoden zu evaluieren.   

Status als Arzneimittel

In Deutschland ist kein Arzneimittel auf Weihrauchbasis zugelassen, als Nahrungsergänzungsmittel sind Weihrauchpräparate allerdings erhältlich. In Apotheken dürfen daher auch keine Arzneimittel mit Weihrauchextrakten vorrätig gehalten werden. Für die Einzelbestellung nach § 73, Absatz 3 des Arzneimittelgesetzes braucht der Apotheker eine Verschreibung des Arztes.

Anwendung bei Hautkrankheiten

Die feste Überzeugung, dass Weihrauchextrakte auch in topischen Zubereitungen wirksam sind, veranlasste den Apotheker Winfried Ertelt vor mehr als zehn Jahren im Rahmen der Apotheken-Defektur Weihrauchextrakt zu verarbeiten. Die Indikationen seiner Rezepturen waren im Wesentlichen trockene, schuppende Haut, auch bei Neurodermitis oder Psoriasis. Inzwischen ist aus der Herstellung in der Apotheke ein mittelständisches forschendes Unternehmen entstanden, die AureliaSan GmbH in Tübingen. Die gut verträglichen Rezepturen wurden zu einer dermatologischen Serie optimiert, die die Firma im Herbst 2007 auf der Düsseldorfer Expopharm in den Markt einführte. Die AureliaSan GmbH hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch weiterhin Wirkstoff-Kosmetika auf Weihrauchbasis zu entwickeln und zu erforschen. 

Nun hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie zu Forschungszwecken Mittel zur Verfügung gestellt. Das Ministerium will durch das Projekt mit dem Namen »ProINNO II« die Innovationskompetenz mittelständischer Unternehmen nachhaltig fördern. Die topischen Einsatzgebiete der Heilpflanze Weihrauch sollen im Rahmen eines Kooperationsprojektes in der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Oliver Werz, Universität Tübingen, zusammen mit Professor Dr. Johann Jauch, Universität des Saarlandes, sowie der Firma AureliaSan GmbH wissenschaftlich untersucht werden.

Ziel der Forschungsgemeinschaft ist es, durch spezielle Extraktionsverfahren und Testmodelle neue Erkenntnisse über Weihrauch und dessen Inhaltsstoffe zu gewinnen, die für kosmetische und auch für medizinische Anwendungen von Interesse sind. So wollen die Weihrauch-Forscher innerhalb des dreijährigen Projektes unter anderem ein Produkt spezifisch für die pflegebedürftige Haut von Psoriatikern entwickeln.

»Endlich erhalten wir die Möglichkeit, altes Wissen und die Erfahrungen aus der Apothekenpraxis gemeinsam mit dem hohen, international anerkannten, wissenschaftlichen Know-how unserer Mitantragsteller zu bestätigen«, freut sich German Greif, Geschäftsführer der Aurelia-San GmbH.