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EM der Berufe

Pharmazeutisches Wissen grenzenlos

Erstmals ist bei der kommenden Europameisterschaft der Berufe die Disziplin »Pharmacy Technician« vertreten. Für Deutschland geht die PTA-Schülerin Helene von Richthofen beim Kampf um die Medaillen ins Rennen.
Judith Schmitz
16.12.2020  08:00 Uhr

Die Europameisterschaft der Berufe, auch EuroSkills genannt, richtet sich an junge Talente nicht-akademischer Berufe. Sie ist das europäische Pendant der WorldSkills, der WM der Berufe, und wurde 2008 erstmals ausgetragen. Seitdem findet sie alle zwei Jahre in einem anderen europäischen Land in circa 45 Berufen mit rund 600 Teilnehmern statt. Dabei sind Berufe aus der Industrie, dem Handwerk und Dienstleistungsbereich sowie der Gesundheits- und Sozialbetreuung vertreten. Erstmals wird es bei der anstehenden EM im österreichischen Graz nun auch die Disziplin »Pharmacy Technician« geben. Die 21-jährige PTA-Auszubildende Helene von Richthofen wird in dieser Disziplin für Deutschland ihr praktisches Können und theoretisches Fachwissen unter Beweis stellen und an drei spannenden Wettkampftagen gegen andere europäische PTA-Fachkräfte antreten.

»Die Chance, an der Europameisterschaft der Berufe in der Präsentationsdisziplin  ›Pharmacy Technician‹ teilzunehmen, ist für mich ein guter Antrieb, meine Leistung weiter zu steigern, Erfahrungen zu sammeln und andere Menschen kennenzulernen«, erzählt von Richthofen gegenüber PTA-Forum. Zurzeit absolviert sie den abschließenden sechsmonatigen praktischen Teil ihrer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin in der Schinkel-Apotheke in Osnabrück. Von Richthofen bewarb sich im Sommer für die EM-Teilnahme in der neuen Disziplin und wurde aufgrund ihrer herausragenden schulischen Leistung ausgewählt.

EM und WM werden von den Organisationen WorldSkills Europe beziehungsweise International sowie ihren nationalen Mitgliedsorganisationen ausgerichtet. Für Deutschland ist das der Verein WorldSkills Germany. Er entsendet jeweils die Deutsche Berufe-Nationalmannschaft zu den internationalen Berufswettbewerben. Normalerweise erfolgt die Delegierung aufgrund nationaler Meisterschaften. Anders bei der Disziplin »Pharmacy Technician«, die im Gegensatz zu anderen Ländern in Deutschland noch nicht bei nationalen Wettbewerben vertreten ist.

Apothekerin Pia Bredlich, die an der Völker-Schule unterrichtet, erklärt: Durch einen persönlichen Kontakt mit der PTA-Schule in Moskau sei die Erschaffung dieser neuen Disziplin bei den EuroSkills ins Rollen gekommen. Bredlich wurde mit Schulleiter Burkhard Pölzing und zwei PTA-Schülern nach Moskau zu einem nationalen Wettbewerb von WorldSkills Russia 2019 eingeladen. Dort schauten sie sich die Wettbewerbe und die Disziplin »Pharmacy Technician« erstmals an. Nach ihrer Rückkehr beschlossen sie mit WorldSkills Germany, eine erste Teilnahme bei den EuroSkills zu versuchen. Hierfür wurde zunächst nur die Leistung der Schüler der Völker-Schule betrachtet, die auch von Richthofen besucht hatte. Man wollte sich im Kleinen an den Wettbewerb herantasten. Das Ganze habe jedoch Potenzial, nun zu wachsen und die Vorauswahl bei künftigen Wettbewerben national durchzuführen.

Voneinander lernen

Die erste Weltmeisterschaft der Berufe fand 1950 in Spanien statt. Deutschland ist seit 1953 vertreten. Zunächst stand nach dem Zweiten Weltkrieg der friedensstiftende Charakter der Wettbewerbe im Vordergrund. Die Veranstalter und teilnehmenden Nationen merkten jedoch schnell, dass sie auch eine pädagogische Wirkung hatten. Junge Facharbeiter erhielten durch die vorbereitenden Trainings und den Wettbewerb eine zusätzliche Weiterbildung und konnten ihr Können und Wissen im Wettbewerb mit anderen überprüfen. »Die WorldSkills- und EuroSkills-Standards liegen bei der Bewertung innerhalb der Wettbewerbe oft über dem, was in Abschlussprüfungen in Deutschland gefordert wird«, sagt Stephanie Werth, Leiterin der Kommunikation bei WorldSkills Germany. Das half und hilft bis heute den Nationen, ihre eigenen Ausbildungssysteme miteinander zu vergleichen, sich Best Practices abzuschauen und selber besser zu werden.

Konkret wird an den drei Wettbewerbstagen in der Disziplin »Pharmacy Technician« das breite Aufgabenspektrum einer PTA in einer öffentlichen Apotheke beurteilt. Hierzu zählt etwa das Thema Warenwirtschaft mit Bestellen, Verbuchen und Verräumen von Arzneimitteln, die Überprüfung von Haltbarkeit sowie Preiskalkulationen. Salben müssen nach ärztlichem Rezept hergestellt, Tees auf Kundenwunsch gemischt werden. Auch werden konkrete Beratungssituationen etwa im Fall einer Erkältung oder bei Durchfall nachgestellt. Abschließend sind Dienstleistungstätigkeiten wie Schaufensterdekoration und die Planung eines Aktionstages ein Modul. Auf jedes Modul angepasst gibt es eine praktische Aufgabe zu erfüllen, die nach vorab von Experten aus ganz Europa festgelegten Maßstäben zu bewältigen ist. Die verschiedenen Wettbewerbsmodule können zudem theoretische Fragen beinhalten. Von Richthofen hat sich entsprechend vorbereitet. »Ich denke, wir stehen nicht schlecht da«, sagt sie selbstsicher über ihre Siegeschancen. Seit Bekanntwerden ihrer Teilnahme trainiert sie für die Meisterschaft gemeinsam mit Pia Bredlich, die von WorldSkills Germany zur Bundestrainerin in der Wettkampfdisziplin »Pharmacy Technician« ernannt wurde.

Perspektive wechseln

Neben dem fachbezogenen Training gab es zudem ein großes Treffen mit der gesamten rekrutierten Nationalmannschaft. Im Vordergrund standen das gegenseitige Kennenlernen, ein Kommunikationstraining sowie Mentaltrainings zu Stressabbau und dem Erlernen von Techniken, um unter Druck leistungsstark arbeiten und sich auf die Problemlösung fokussieren zu können. »Ich empfand die Coachings als sehr interessant. Einige erlernte Sachen kann man sicherlich auch im Wettbewerb gut anwenden. Es hat mich gefreut, so viele neue Leute kennenzulernen«, sagt von Richthofen rückblickend.

Das spiegelt auch den Eindruck ehemaliger Teilnehmer wider. Aus regelmäßigen Befragungen in den vergangenen Jahren schlussfolgert Werth, dass die Trainings und die Wettbewerbe die Teilnehmer in ihrer fachlichen und persönlichen Entwicklung enorm vorangebracht hätten, eben weil sie Fertigkeiten ausbauen oder gar neu erwerben konnten. Auch das Gemeinschaftsgefühl, als Team aufzutreten, würde zudem sehr positiv empfunden.

»Die Wettbewerbe sollen den jungen Teilnehmern, den Besuchern vor Ort und auch durch die Berichterstattung der breiten Öffentlichkeit zeigen, dass attraktive berufliche Karrieren nicht nur mit einem Studium, sondern auch mit einer dualen Ausbildung möglich sind«, erklärt Werth. Dies trüge zur Leistungsschau und Berufsorientierung bei, denn hier lernten junge Menschen Berufe kennen, zu denen sie in ihrem eigenen Umfeld vielleicht gar keinen Kontakt hätten.

Dass sie in einem Heilberuf arbeiten möchte, stand für Helene von Richthofen schon von Kindesbeinen an fest. Während der Schulzeit absolvierte sie ein Praktikum auf einer Krankenhausstation. Allerdings nahm sie den »emotionalen Ballast«, den sie dort erlebte, mit nach Hause und merkte schnell, dass ihr dies nicht guttat. Im Gesundheitswesen wollte sie dennoch arbeiten. So absolvierte sie ein weiteres Praktikum, dieses Mal in einer Apotheke. Hier hatte sie Kontakt zu Menschen, konnte emotional aber mehr auf Distanz bleiben. Für Helene von Richthofen stand nun fest: Sie wollte PTA werden.

Jetzt hofft sie, ihr Können für Deutschland unter Beweis stellen zu können. Allerdings wurde die EM in Graz aufgrund der Coronavirus-Pandemie auf unbekannte Zeit verschoben. Dennoch: Bis der Startschuss fällt, bleibt sie »weiter mit Lernen am Ball«. Das kommt auch ihrer Abschlussprüfung im Februar zugute.

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