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Erfolgreiche Winzlinge

Picornaviren – von harmlos bis heftig

Das Präfix »pico« in ihrem Namen verrät es schon: Die Picornaviren gehören zu den kleinsten Viren, sind aber dennoch sehr erfolgreich als Krankheitserreger. Zur Familie gehören berüchtigte Vertreter der Enteroviren, beispielsweise das Poliovirus und das Coxsackievirus, sowie die als harmlos geltenden Rhinoviren. Picornaviren sind sowohl für banale Erkältungen als auch für schwerwiegende Infektionen des Zentralen Nervensystems verantwortlich.
Edith Schettler
06.04.2021  16:00 Uhr

Die Virionen haben nur einen Durchmesser von 22 bis 30 Nanometern (nm), im Vergleich misst das Influenzavirus 120 nm an seiner dicksten Stelle. Das größte bisher bekannte Virus, das Megavirus chilensis, hat gar einen Durchmesser von 440 nm und ist damit so groß wie ein kleines Bakterium.

Die kompakte Struktur der Picornaviren erklärt sich daraus, dass sie nur aus einem RNA-Kern und dem Kapsid bestehen. Dessen Proteine sind gegenüber Detergenzien und alkoholischen Desinfektionsmitteln wesentlich widerstandsfähiger als die Lipide einer Virushülle. Auch gegenüber Säuren sind viele Picornaviren stabil, sie überstehen deshalb mit Ausnahme der Rhinoviren die Magenpassage problemlos. Letztere verbreiten sich über Tröpfchen- und Schmierinfektionen direkt auf die Nasenschleimhaut. Lediglich Trockenheit und Temperaturen über 50 °C inaktivieren die Viren.

Folgen mangelnder Hygiene

Zwei Vertreter der Picornaviren nutzten den geschwächten Gesundheitszustand der Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland und führten zu regelmäßigen Krankheitsausbrüchen nach 1945: das Hepatitis A- und das Poliovirus. Unhygienische Zustände förderten die Ausbreitung des Hepatitis A-Virus über Kontakt- und Schmierinfektionen. Waren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland 80 bis 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen infiziert, trägt heutzutage die Bevölkerung kaum noch Antikörper. Ein Impfstoff auf der Basis von inaktivierten Viren ist seit 1996 zugelassen (Havrix®, Vaqta®). 

Die Hepatitis A verläuft vor allem bei Kindern meist mild und heilt stets vollständig aus. Der wahre Schrecken der Nachkriegszeit, die Poliomyelitis oder Spinale Kinderlähmung, hinterlässt hingegen schlimme Schäden und endet in zehn Prozent der Fälle tödlich. Die Übertragung erfolgt ausschließlich zwischen Menschen fäkal-oral oder über das Rachensekret. Die Krankheit erhielt ihren Namen, weil scheinbar nur Kinder, meist im Alter von drei bis acht Jahren, betroffen waren. Erwachsene erkrankten nur sehr selten. Es existieren drei Serotypen des Virus. Typ 1, »Brunhilde«, ist als einziger heute noch aktiv, die Typen 2, »Lansing«, und 3, »Leon«, gelten als ausgerottet. Eine überstandene Infektion hinterlässt keine Immunität gegen alle drei, sondern nur gegen den auslösenden Serotyp des Virus.

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