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Picornaviren – von harmlos bis heftig

Nach oraler Aufnahme vermehrt sich das Virus zunächst im Rachen und im Darm und befällt die lokalen Lymphknoten. Von hier aus wandert es innerhalb der Lymph- und Blutgefäße in die alpha-Motoneurone des Rückenmarks, die die Skelettmuskulatur steuern. Das Immunsystem erkennt die Infektion des Nervengewebes und schüttet Abwehrzellen aus. Die Entzündung, die die Immunreaktion begleitet, führt zur Zerstörung der Nervenzellen. So entsteht das klinische Bild schlaffer Lähmungen, vor allem der unteren Extremitäten. Doch auch die Atemmuskulatur kann betroffen sein, ebenso wie andere quergestreifte Muskeln. Innerhalb der Nervenbahnen können die Virionen bis in das Gehirn wandern und dort eine Enzephalitis auslösen. Sie schädigen vor allem die Neuronen des IX. und des X. Hirnnerven, was sich in Sprech-, Schluck- und Atemstörungen äußert. Hautatrophien, Lähmungen und Deformationen der Extremitäten bleiben nach Abklingen der Erkrankung bestehen. Noch nach Jahrzehnten treten Spätfolgen in Form von Muskelschmerzen und -schwund auf. In etwa 95 Prozent der Fälle verläuft die Poliomyelitis jedoch symptomlos, was die hohe Rate immuner Erwachsener erklärt.

Mit der Entwicklung eines gut wirksamen und leicht zu applizierenden oralen Lebendimpfstoffes im Jahr 1962 gelang es, die Erkrankung stark zurückzudrängen. Heute erfolgt die Impfung aus Gründen der Sicherheit überwiegend mit inaktivierten Viren, meist in Kombinationsimpfstoffen wie Tetravac®, Infanrix IPV + Hib®, Pentavac® oder Infanrix hexa®. Ziel der WHO ist eine weltweite Eradikation des Virus. Sie ist ihrem Ziel schon sehr nahe, denn lediglich aus Afghanistan und Pakistan werden noch vereinzelt Infektionen mit dem Wildvirus gemeldet.

Sommer-Spezialisten

Ebenfalls zur Gattung der Enteroviren gehören die Coxsackieviren. Sie treten in 30 Serotypen auf, die die Virologen jeweils der Gruppe A oder B zuordnen. Sie werden auf fäkal-oralem Weg von Mensch zu Mensch weitergegeben und vermehren sich auf der Rachenschleimhaut und in der Darmwand. Als Eintrittspforte in die Zellen benutzen sie, wie die meisten Enteroviren, den sogenannten Coxsackie-Adenovirus-Rezeptor (CAR) in der Zellmembran. Ist die Anzahl der Virionen hoch genug, wandern sie mit dem Blut in andere Organe. Dieses als Virämie bezeichnete Stadium bemerken die Patienten als Krankheitsbeginn mit Fieber und Schüttelfrost.

Gelegentlich leiden sie auch unter Schnupfen, Pharyngitis, Erbrechen und Übelkeit. Wegen ihres saisonalen Auftretens ist die Infektion als Sommergrippe bekannt. Nach etwa einer Woche klingt diese harmlose Erkrankung ab.

Überwiegend bei Kleinkindern lösen Coxsackieviren die hoch infektiöse Hand-Fuß-Mund-Krankheit aus. Auch hier führt eine Virämie zu Fieber und Kopfschmerzen. Typisch sind ulzerierende Vesikel auf der Mundschleimhaut und an den Lippen sowie an Handrücken, Handflächen und Füßen. Üblicherweise verschwinden die Symptome von selbst nach etwa einer Woche.

Doch nicht jede Infektion mit dem Coxsackievirus verläuft so glimpflich. Der Serotyp Coxsackie B steht im Verdacht, bei Kindern Autoimmunprozesse im Pankreas zu fördern und so einen Typ-1-Diabetes auszulösen. Besonders für Neugeborene und junge Säuglinge ist eine generalisierte Coxsackie-Infektion gefährlich. Sie kann auftreten, wenn die Mutter während der Schwangerschaft mit dem Virus infiziert war. Das klinische Bild entspricht einer bakteriellen Sepsis mit Symptomen in fast allen Organen: Myokarditis, Hepatitis, Meningitis, Pneumonie und Gerinnungsstörungen.

Auch bei älteren Kindern und jungen Erwachsenen sind Coxsackie-Viren eine häufige Ursache einer Meningitis oder Enzephalitis. Diese Erkrankungen treten ebenfalls vorwiegend im Sommer auf. Immunkompetente Patienten überstehen sie zumeist gut und ohne Folgeschäden. Begleitet eine Myokarditis oder Perikarditis einen Atemwegsinfekt im Sommer, sind ebenfalls meist Coxsackieviren der Auslöser. Bevorzugt erkranken männliche Jugendliche und junge Erwachsene. Auch für sie ist die Prognose meist gut.

Viele sommerliche Exantheme bei Kindern, die Zahorsky-Krankheit (Herpangina, eine ulzerierende Entzündung von Gaumen und Rachen) und die akute hämorrhagische Konjunktivitis sind unangenehme, aber in der Regel harmlose Coxsackie-Infektionen.

Die Erkrankungen hinterlassen eine typspezifische Immunität, deshalb erkranken ältere Erwachsene deutlich seltener. Die Behandlung erfolgt, wenn erforderlich, symptomatisch mit nicht steroidalen Antiphlogistika. In schweren Fällen kommen Gammaglobuline zum Einsatz. Die systemische Gabe von Glucocorticoiden ist kontraindiziert. Einen Impfstoff gibt es noch nicht, antivirale Arzneistoffe sind in der Testung.

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