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Vaginalmykose

Pilz-Therapie braucht Säure

Es ist nicht nur der Wirkstoff, der die Wirksamkeit eines Arzneimittels ausmacht. Mitentscheidend ist auch die Galenik. Ein Beispiel für diese pharmazeutischen Zusammenhänge: Das Antimykotikum Clotrimazol wirkt durch einen Zusatz von Milchsäure effektiver gegen Vaginalmykosen, wie eine aktuelle Studie beweist.
Elke Wolf
18.12.2020  15:00 Uhr

Der mit Abstand häufigste Erreger einer Vaginalmykose ist Candida albicans. Meist ist er aus dem Darm in die Scheide gelangt. Im dortigen leicht sauren Milieu fühlt er sich recht wohl. »Im sauren Milieu wächst der Hefepilz exponenziell und bildet sein hochvirulentes Myzel aus. Das verursacht zwar die typischen Beschwerden wie Juckreiz, Schmerzen und Ausfluss, das macht ihn aber auch therapeutisch angreifbar. Die Säure ist quasi die Achillesferse von Candida albicans«, fasste Professor Dr. Hans-Jürgen Tietz von der Mycoclinic in Berlin im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zusammen.

In saurem Milieu bildet der Pilz seine Sporen in Form eines Keimschlauches aus. Dieser ist jedoch für Medikamente anfällig. Das bedeutet laut Tietz: Im Sauren ist der Pilz am empfindlichsten und antimykotische Arzneistoffe am wirksamsten. Je saurer das therapeutische Milieu, desto erfolgreicher die Behandlung.

Dieses Wissen rund um Erreger und Wirkstoff machte man sich mit Canesten© GYN Vaginaltabletten zunutze. Neben 200 mg Clotrimazol ist dieser Zubereitung Milchsäure zugesetzt. Das senkt den pH-Wert des Vaginalmilieus herab und verbessert außerdem die Löslichkeit des Arzneistoffs und erhöht so dessen lokale Bioverfügbarkeit. »Je mehr Clotrimazol gelöst ist, desto mehr verschiebt sich die fungistatische in Richtung fungizide Wirkung. Im sauren Milieu ist demzufolge die fungizide Wirkung erhöht«, erklärte Tietz bei einer Online-Pressekonferenz der Bayer Vital.

Diese Zusammenhänge sind zwar bereits seit Längerem experimentell erbracht, Tietz konnte sie nun jedoch anhand einer In-vitro-Studie exakt quantifizieren. Dabei verglich er Clotrimazol-haltige Vaginaltabletten mit und ohne Milchsäure-Zusatz. »Beide Prüfpräparate zeigten erwartungsgemäß gegenüber der Negativkontrolle eine hohe antimykotische Wirksamkeit. Doch auch die Unterschiede zwischen beiden Formulierungen wurden deutlich: Berechnet man den Mittelwert aller Testansätze, so war die Milchsäure-Formulierung im Vergleich zur Mono-Clotrimazol-Formulierung beim fungiziden Effekt im Verhältnis 4,8:1 überlegen.« Die Ein-Tages-Therapie (enthält 500 mg Clotrimazol) erzielt im Vergleich zur 3-Tages-Therapie (jeweils 200 mg Clotrimazol) einen schnelleren Rückgang der Symptome.

Ist die Mykose ausgestanden, „verlangt die postinfektiöse Vaginalschleimhaut Pflege. Nach der Infektion ist die Vaginalschleimhaut geschädigt, daher empfindlich und gereizt. Milchsäure würde brennen. Eine postinfektiöse Schleimhaut braucht deshalb keine Säure, sondern Pflege in Form von Lipid-haltigen Cremes.“ Das sind etwa Dexeryl®, Deumavan® oder Vagisan® Schutzsalbe. Auch Gele, die regenerierendes Vitamin E und feuchtigkeitsspendende Hyaluronsäure enthalten, sind geeignet (Gynomunal®).

Milchsäure fürs Milieu

Milchsäure-haltige Vaginalpräparate oder gefriergetrocknete Kulturen von Wasserstoffperoxid-bildenden Lactobazillen (wie Vagisan® Milchsäure, Eubiolac Verla®, KadeFungin Milchsäurekur®) sind auch ein guter Beratungstipp, um immer wiederkehrende Harnwegsinfekte sowie bakterielle Vaginosen zu vermeiden. Nach lokaler Anwendung besiedeln sie die Vaginalschleimhaut, senken durch Bildung von Milchsäure den pH-Wert in den sauren Bereich und bauen damit die physiologische Vaginalmikrobiota wieder auf, wenn diese nach Infektionen aus dem Lot geraten ist. Das stärkt die Keimbarriere zum Schutz vor Neuinfektionen.

Auch im Anschluss an eine Antibiotikatherapie kann es sinnvoll sein, die Vaginalflora wieder aufzubauen. Laut Tietz könne man davon ausgehen, das die antimikrobielle Substanz die Lactobazillen der vaginalen Flora zerstört hat. Das lässt den vaginalen pH-Wert ansteigen. Nitrat kann nicht mehr in Nitrit umgewandelt werden; die Bereitstellung von viruzidem und bakterizidem Stickstoffmonoxid (NO) ist behindert. Tietz: »Dann ist es sinnvoll, der Kundin ein Milchsäure-Präparat zu empfehlen.«

Angebracht seien Säureprodukte zudem bei Frauen mit immer wiederkehrenden Harnwegsinfekten. Auch ihnen fehle häufig der nötige Säureschutz, der eine natürliche Barriere gegen Colibakterien, Mykoplasmen und Gardnerella vaginalis darstellt. Die Präparate werden dazu entweder kurmäßig bis zu sieben Tage hintereinander angewendet oder zwei- bis dreimal pro Woche.

Auch das Risiko, dass eine bakterielle Vaginose durch Gardnerella vaginalis erneut aufflammt, kann durch die Ansäuerung der Vaginallora mit entsprechenden Präparaten verringert werden. So empfiehlt es sich, direkt nach der Antibiotikatherapie mit Metronidazol oder Clindamycin für ein Vierteljahr die Vaginalflora von außen zu unterstützen. Infrage kommen neben Zubereitungen mit Lactobazillen oder Milchsäure auch solche mit Vitamin C (wie Vagi-C®) oder bioadhäsiven sauren Gelen (wie Multi-Gyn® ActiGel, Rephresh® sanol). Sie fördern den Wiederaufbau und die Stabilisierung des pH-Werts zwischen 3,8 und 4,4. Das beugt einer erneuten Anhaftung pathogener Keime vor. Wichtig: Die Präparate für mehrere Monate anwenden, und zwar direkt im Anschluss an die Antibiotika-Akuttherapie und nicht nur für acht bis zehn Tage. Studien zeigen eindeutig, dass die längerfristige Applikation effektiver vor Rezidiven schützt.

 

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