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Experiment 

Placebo-Effekt biochemisch messbar

Wie der Placebo-Effekt auf molekularer Ebene zustande kommt, ist bisher nicht vollständig geklärt. Ein Forscherteam der LMU München ist dieser Frage nun nachgegangen.
Michelle Haß
22.10.2020  09:00 Uhr

Das Team um Karin Meißner konnte zeigen, dass das Phänomen nicht nur subjektiv Symptome bei Übelkeit bessern kann, sondern auch bestimmte physiologische Veränderungen – unter anderem die Freisetzung bestimmter Proteine – hervorruft. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachjournal »Plos One«.

Für ihr Experiment setzten die Forscher zunächst 100 Probanden einem Übelkeit-verursachenden visuellen Reiz aus. Anschließend befragten sie die Studienteilnehmer nach Symptomen, maßen die Magenaktivität und entnahmen Blutproben. Diese untersuchten sie anschließend auf darin enthaltene Proteine. Am nächsten Tag testeten die Forscher, wie sich eine echte Behandlung oder eine Placebo-Behandlung im Vergleich zur Kontrolle auswirken. Bei der echten Behandlung setzten sie ein sogenanntes TENS-Gerät ein, das bestimmte Akupunkturpunkte stimulierte. In der Placebo-Gruppe wurde das Gerät nicht eingeschaltet, oder es wurde nur oberflächlich behandelt.

Die Forscher stellten fest, dass neben der Symptomverbesserung außerdem 74 Proteine in der Placebo-Gruppe messbar verändert waren, darunter unter anderem einige Proteine, die mit einer Immunantwort bei akuter Übelkeit in Verbindung stehen. »Offenbar unterdrückt die Placebo-Behandlung diese schnelle Immun-Antwort«, wird Meißner in einer Pressemitteilung der LMU zitiert. Zudem gebe es Hinweise darauf, dass auch einige Neuropeptide, die für empathisches Verhalten und Bindungen bedeutend sind, mit dem Placebo-Effekt assoziiert seien. Diese können offenbar den Effekt verstärken. Erstaunlicherweise habe die untersuchte Proteinsignatur mit hoher Genauigkeit Auskunft darüber geben können, welcher Proband einen großen Placebo-Effekt entwickeln würde, berichtet Meißner.

Daneben veränderte die Behandlung auch die Magenaktivität. Überraschend dabei: Bei Frauen normalisierte sich die Aktivität durch die Placebo-Behandlung, bei Männern nicht. Die Gründe für diesen Geschlechterunterschied seien noch nicht bekannt, erklärt Meißner. Sie würden aber möglicherweise mit einer unterschiedlichen körperlichen Anpassung der Geschlechter an Stressreize zusammenhängen.

Das Forscherteam sieht in den Ergebnissen das große Potenzial der Proteomik für die klinische Forschung bestätigt. »Es ist die erste Studie überhaupt, die die Methode der Proteomik, also der Erforschung aller im Körper vorkommenden Proteine, im Kontext der Placebo-Forschung eingesetzt hat«, sagt Meißner. »Proteomik bietet einen unvoreingenommenen Blick auf den Placebo-Effekt.« 

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