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Warnzeichen

Plötzlich rote Augen

Einer der häufigsten Gründe für das Aufsuchen einer Notfallambulanz sind rote Augen. Zu Recht, denn diesem Symptom kann eine harmlose, aber auch bedrohliche Erkrankung zugrunde liegen.
Katja Egermeier
Verena Schmidt
22.11.2021  08:30 Uhr

Ein rotes Auge entsteht, wenn sich die Gefäße der Bindehaut oder der Lederhaut erweitern und verstärkt füllen. »Passiert das scheinbar plötzlich, ohne äußere Einwirkung, ist dieser Anblick für Betroffene beunruhigend und schwer einzuschätzen«, sagte Professor Dr. Uwe Pleyer von der Klinik für Augenheilkunde an der Charité in Berlin bei einer Online-Pressekonferenz anlässlich des Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) 2021.

Vergleichsweise harmlose Gründe für Rötungen können trockene Augen oder Lidrand- und Bindehautentzündungen sein. Die Pandemie habe das Auftreten roter Augen generell verstärkt, berichtete Pleyer. Gerade durch Home Office und das häufige und intensive Arbeiten am Bildschirm sähen Augenärzte aktuell viele Patienten mit einem sogenannten Office-Eye-Syndrom, also mit roten, juckenden und brennenden Augen. Auch das Maskentragen trocknet die Augen zusätzlich aus und reizt sie. »Häufig sind junge Menschen betroffen, die vorher keine Probleme hatten. Ihr Leidensdruck ist oft groß«, so Pleyer, der Sprecher der Sektion DOG-Uveitis ist. Ein kleiner Trost: Das Sehvermögen ist bei dieser Symptomatik in aller Regel nicht bedroht.

Ein »harmloses« rotes Auge könne oft einfach symptomatisch behandelt werden, sagte Pleyer. In der Selbstmedikation steht für leichtere Fälle eine riesige Auswahl an Tränenersatzmitteln zur Verfügung. Bei schwereren Formen des trockenen Auges sollten Betroffene die Therapie mit ihrem Augenarzt besprechen. Pleyer: »Wir haben heute auch gute Therapien, die antientzündlich wirken.« So kann der Augenarzt etwa Augentropfen mit Ciclosporin A oder Corticosteroid-haltige Produkte verordnen. Auch Tetracycline (Doxycyclin, Minocyclin) können bei oraler Gabe in geringer Dosierung Tränenfilm und Symptomatik des trockenen Auges bessern.

Ursache Autoimmunstörung

Auch bedrohlichere Entzündungen in tiefer liegenden Augenstrukturen wie der Lederhaut (Sklera) oder Regenbogenhaut (Iris) können sich zuerst als rote Augen äußern. Bei etwa 40 Prozent der Patienten mit einer Lederhautentzündung, einer Skleritis, stoße man auf eine rheumatologische Grunderkrankung. »Autoimmunstörungen machen sich zu Beginn oft mit einem roten Auge bemerkbar und erfordern eine fachärztliche Abklärung sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit«, so Pleyer. Der Augenarzt könne durch eine frühe Verweisung an einen Rheumatologen hier entscheidend zu einer frühen Diagnose und einer frühzeitigen Therapie beitragen und die Krankheitsprognose so entscheidend verbessern.

Kommen beispielsweise zu einem trockenen, gereizten Auge ein trockener Mund und Gelenkbeschwerden hinzu, liege die Verdachtsdiagnose Sjögren-Syndrom nahe, so Pleyer. Bei dieser Autoimmunerkrankung greift das körpereigene Immunsystem vor allem Speichel- und Tränendrüsen an, welche dann zu wenig Flüssigkeit produzieren.

Besondere Aufmerksamkeit ist laut dem Experten auch bei jungen Männern etwa zwischen 20 und 30 geboten, die an einem roten Auge in Folge einer Entzündung der Regenbogenhaut leiden. »Solch eine sogenannte vordere Uveitis ist nicht selten ein frühes Zeichen für einen Morbus Bechterew, der noch nicht bekannt ist«, warnte Pleyer. Der Morbus Bechterew oder auch Spondylitis ankylosans ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die zu einer Versteifung der Wirbelsäule führen kann. Oft sei in solchen Fällen nur ein Auge von der Uveitis betroffen, berichtete Pleyer. Ebenfalls typisch: Die Patienten berichteten von vor allem nachts auftretenden Rückenschmerzen, die sich durch Aufstehen verbessern.

Generell komme es im Rahmen verschiedener rheumatologischer Erkrankungen auch sehr oft zu einem trockenen Auge, wie Pleyer berichtete. Die sogenannte Sicca-Symptomatik entsteht, weil auch viele Drüsen – zum Beispiel die Tränendrüsen im Auge oder die Schleimdrüsen im Mund – von den autoentzündlichen Prozessen betroffen sein können.

Wann zum Arzt?

Ein rotes Auge ist der DOG zufolge ein Alarmzeichen, wenn eines oder mehrere der folgenden Symptome dazukommen:

  • Schmerzen
  • deutliche Lidschwellung
  • Sehminderung
  • Doppelbilder
  • eitriges Sekret
  • Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.

Insbesondere die letztgenannten Symptome können laut Pleyer einen erhöhten Augeninnendruck bei einem akuten Glaukomanfall anzeigen, der bis zur Erblindung führen kann. Dann sei sofortiges ärztliches Handeln angezeigt. Es könne auch eine dringend behandlungsbedürftige Störung der Schilddrüse vorliegen, etwa ein Morbus Basedow, ebenfalls eine Autoimmunerkrankung. »Zu guter Letzt muss eine Hirnvenenthrombose mit bedacht werden, die als sehr seltene Komplikation einer Covid-19-Impfung auftreten kann«, ergänzt der Ophthalmologe. Klinische Zeichen einer solchen Thrombose sind eine Schwellung des Sehnervs sowie starke Kopfschmerzen.

Rote Augen und Covid-19

Nicht zuletzt kann sich auch eine Covid-19-Erkrankung mit roten Augen in Form einer Bindehautentzündung bemerkbar machen. Das ist Pleyer zufolge meist in den ersten drei Tagen nach Beginn der Infektion der Fall. Der Verlauf der Konjunktivitis sei dann in der Regel mild.

Ein anfänglicher Verdacht, dass eine systemische Infektion mit SARS-CoV-2 über die Augen-Nasen-Wege erfolgen könne, habe sich nicht bestätigt, berichtete der Augenarzt. »Das Übertragungsrisiko durch Tränenflüssigkeit ist bei asymptomatischen Patienten und milden Krankheitsverläufen gering.« Bei intensivpflichtigen Patienten mit schwerem Verlauf steigt die Wahrscheinlichkeit aber deutlich an.

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