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Rezepturstammtisch online

Prednisolon und Prednicarbat

Das erste Treffen des Rezepturstammtisches seit März letzten Jahres findet wegen der Corona-Pandemie im Rahmen eines Online-Meetings statt.
Ingrid Ewering
15.03.2021  08:30 Uhr

Apothekerin Helga Schmidt begrüßt die zugeschalteten Kollegen und freut sich über den Neuzugang. Timo Kunze wird in Zukunft verstärkt in der Apothekenrezeptur eingesetzt. »Ich habe bisher kaum Rezepturen hergestellt, darum ist es mir wichtig, möglichst viel darüber zu erfahren«, beendet er seine Vorstellung. Dann wird gemeinsam gearbeitet: Schmidt stellt den Stammtischmitgliedern per Mail eine Tabelle zur Verfügung, die nun besprochen werden soll. Sie erklärt: »In meiner Apotheke prangt auf dem Standgefäß mit Prednisolon ein großes [A], denn chemisch betrachtet handelt es sich um einen Wirkstoff mit Alkoholcharakter. Schaut euch bitte die Strukturformel genau an!« Zügig haben die Teilnehmer die entsprechende OH-Gruppe entdeckt. Schmidt fährt fort: »Gleiches löst sich in Gleichem! Nach dieser Faustregel wird deutlich, dass Prednisolon für die Herstellung von Haut- oder Kopfhaut-Spiritus einzusetzen ist. Wird dieser Arzneistoff jedoch in hydrophile Cremes eingearbeitet, löst sich ein Teil der Substanz und fällt anschließend wieder aus!«, warnt sie die Zuhörer. Sie erläutert, dass durch diese Umkristallisation aus den ursprünglich mikrofeinen Partikeln deutlich auf der Haut spürbare Teilchen entstehen. 

Als alternativer Arzneistoff ist dann Prednisolonacetat zu verarbeiten. Chemisch betrachtet handelt es sich um einen Ester, der durch Reaktion mit dem alkoholischen Prednisolon und der Essigsäure entstanden ist. Auf dem Standgefäß steht deshalb der Buchstabe [E]. Trotz des chemischen Unterschieds ist es therapeutisch dem Prednisolon äquivalent. Die Apothekerin erläutert weiter, dass bei wasserhaltigen Rezepturen mit suspendiertem Wirkstoff aus Gründen der physikalischen Stabilität grundsätzlich der Ester Prednisolonacetat einzusetzen sei. »Denn Prednisolon schnappt sich Wassermoleküle der hydrophilen Creme und baut sie in seine Kristallstruktur ein. Es fällt dann als Hydrat wieder aus. Dies kennt ihr vom Aluminiumhexahydrat, das in seine Kristallstruktur sechs Wassermoleküle einbaut, die nicht durch Trocknung entfernbar sind.«

Eine der teilnehmenden PTA fragt, ob der Arzt über den Austausch dieser beiden therapeutisch äquivalenten Arzneistoffe informiert werden muss. Die Apothekerin bejaht diese Frage und verweist auf die Apothekenbetriebsordnung

Das moderne Prednicarbat

Kurz stellt Schmidt den Wirkstoff Prednicarbat vor: »Im Gegensatz zu Prednisolonacetat sind bei diesem modernen Glucocorticoid zwei OH-Gruppen verestert. Dadurch erhöht sich die Lipophilie. So dringt der Wirkstoff in tiefere Hautschichten ein, und die Wirksamkeit nimmt zu. Es zählt deshalb zu den stärker wirksamen Klasse-II-Glucocorticoiden. Es ist ein modernes Glucocorticoid mit einem TIX-Wert (TIX = Therapeutischer Index) von zwei.  Wird dieser Wert mit eins angegeben wie bei Prednisolon und dem Acetat, so halten sich die Therapieziele und die unerwünschten Effekte die Waage. Moderne Glucocorticoide wie zum Beispiel das Prednicarbat besitzen ein besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis. Dies bedeutet, dass bei doppelter Wirksamkeit lediglich die gleiche Nebenwirkungsproblematik vorliegt wie bei den beiden bereits genannten Wirkstoffen Prednisolon und Prednisolonacetat.« Kunze fragt nochmals nach: »Anders ausgedrückt bedeutet dies doch, dass sich bei Verwendung von Prednicarbat bei gleicher Wirksamkeit die Nebenwirkungsrate halbiert?« Dies bestätigt die Teamleiterin und ergänzt: »Das Nutzen-Risiko-Verhältnis fällt positiver aus!«

Anschließend erklärt sie: »Eine standardisierte Rezeptur mit Prednicarbat ist im NRF zu finden. Es sind drei Konzentrationsstufen von 0,8 Prozent über 0,15 Prozent bis maximal 0,25 Prozent aufgeführt. Die letzte Konzentrationsstufe liegt auch in Fertigpräparaten wie Dermatop® Creme und Generika vor. Gerade für Frühchen, Säuglinge und Kleinkinder ist jedoch das Konservierungsmittel Benzylalkohol des Fertigarzneimittels kritisch zu beurteilen. Es oxidiert zu Benzoesäure, und dieser Stoff ist in der Pädiatrie als toxikologisch relevant eingestuft worden!« Sie ergänzt noch, dass dies in der Packungsbeilage nachzulesen sei.

Sie fährt fort: »Die Anwendung dieses Fertigprodukts bei Säuglingen sollte nur erfolgen, wenn zwingende medizinische Gründe vorliegen. Gut, dass es in der blauen Bibel der Rezeptur die Hydrophile Prednicarbat-Creme 0,08 Prozent / 0,15 Prozent und 0,25 Prozent gibt. Die niedrigste Konzentration soll Säuglingen von drei bis sechs Monaten verordnet werden, die mittlere Babys bis zum zwölften Monat. Die höchste Konzentrationsstufe ist den Klein- und Schulkindern vorbehalten. Als Grundlage ist die Basiscreme DAC vorgeschrieben, die jedoch mit einem Wasser-Propylen-Gemisch weiter verdünnt wird.« Abschließend weist die Teamleiterin darauf hin, dass es diese Grundlage ganz aktuell fertig zu kaufen gibt. Sie ist alphabetisch unter Basiscreme, verdünnt in Mengen von 100 g, 250 g sowie 1 kg, im Katalog aufgeführt.

Im DAC/NRF ist nun auch eine Monographie »Verdünnte Basiscreme« (Cremor basalis dilutus) veröffentlicht, mit entsprechenden Prüfungen auf Identität für die Eingangskontrolle. Als pharmazeutische Verwendung ist der Einsatz in der Apothekenrezeptur genannt, aber auch die Anwendung als Basistherapeutikum besonders im akuten Erkrankungsstadium. Kunze fragt: »Ich kann dann Patienten mit Neurodermitis oder anderen chronischen Hauterkrankungen diese Grundlage aus der Rezeptur als Pflegecreme empfehlen?« Dies bejaht die Teamleiterin und antwortet, dass sie bereits seit Jahren einem Kunden pro Monat bis zu 1 kg verdünnte Basiscreme DAC als Basistherapeutikum verkauft.

Feinste Substanz

Schmidt fragt: »Welche Korngröße besitzt denn das mikronisierte Prednicarbat?« Keiner der Stammtischmitglieder kann diese Frage beantworten. »Ich habe bei meinem Lieferanten nachgefragt und er teilte mir mit, dass die aktuelle Charge folgende Spezifikation hat: 100 % ≤ 20 µm;  90 % ≤ 5 µm. »Was sagen euch diese Zahlen?« Als sich keiner meldet, erklärt Schmidt den Sachverhalt: »Stellt euch vor, dass die Bestimmung der Teilchengröße mithilfe eines Siebturmes erfolgt. Es werden zum Beispiel 100 g Prednicarbat auf das obere Sieb mit der Maschenweite 20 µm gegeben. Darunter befindet sich ein zweites Sieb mit einer Maschenweite von lediglich 5 µm. Die gesamte Menge an Prednicarbat passiert das erste Sieb, jedoch verbleiben beim Sieb mit der kleineren Maschenweite von 5 µm 10 g auf dem unteren Sieb, der Rest sammelt sich in der darunterliegenden Sammelschale.«

»Macht euch bewusst, dass die Prednicarbat-Partikel eine ungewöhnlich niedrige Korngröße besitzen. Und je kleiner die Teilchen sind, desto stärker ist die Kuscheltendenz! Prednicarbat neigt zu Agglomeraten«, erklärt Schmidt. Sie ergänzt noch, dass es leider kein halbfestes Rezepturkonzentrat gibt. Vielleicht weil der Arzneistoff eine ungewöhnliche Lipidlöslichkeit besitzt.

Herstellungsvorschrift beachten

Umso sorgfältiger hat deshalb das Anreiben zu erfolgen. Laut NRF-Vorschrift 11.144. wird das Prednicarbat mit Miglyol® unter mehrmaligem Abschaben angerieben. »Ist euch bewusst, dass die Vorschrift zwischen Ansätzen unter 100 mg und darüber unterscheidet?« Nicht wenige der Mitglieder des Rezepturstammtisches schütteln den Kopf. »Ich muss gestehen, dass ich im Alltagsstress selten zum Nachlesen komme«, sagt eine PTA. Schmidt  öffnet die entsprechende NRF-Vorschrift 11.144. und stellt sie per Netz allen Stammtischmitgliedern zur Verfügung. Dort steht, dass das Anreiben in Abhängigkeit des abgewogenen Wirkstoffs erfolgen soll. Sind weniger als 100 mg des mikronisierten Arzneistoffs einzuwiegen, so wird diese Kleinstmenge per Augenmaß mit der zehnfachen Menge an Miglyol® angerieben. Ein Teilnehmer fragt, warum so viel gebraucht werde. Als sich keiner der Anwesenden zu Wort meldet, erklärt Schmidt: »So ist jedes Partikelchen gut mit dem Miglyol® benetzt und die Kuschelneigung reduziert sich. Es entsteht eine durchscheinende Suspension. Mit dem Pistill wird sie an die Schalenwand hochgeschoben und beim Runterfließen sind leicht Klümpchen erkennbar. Ich ziehe Metallschalen vor, denn weiße Agglomerate sind im Kontrast zum Metall-Look gut zu erkennen.« 

Die Gruppe erarbeitet noch, dass bei Prednicarbat-Mengen ab 100 mg in zwei Arbeitsschritten hergestellt werden muss. Zunächst ist das Prednicarbat mit der doppelten Menge an mittelkettigen Triglyceriden pastös zu verarbeiten. So ist abermals gewährleistet, dass jedes Teilchen mit Miglyol® benetzt ist und damit einzeln vorliegt. Anschließend wird weiter mit zwei Teilen Anreibemittel verdünnt. Dies ist wichtig für die Durchführung der visuellen Inprozesskontrolle (IPC), also für die Überprüfung auf Abwesenheit von Klümpchen in der Creme. »Aber ich habe mal gelesen, dass Prednicarbat gut fettlöslich ist«, wirft eine PTA ein. Im Kommentar zu dieser Rezeptur lässt sich nachlesen, dass frisch zubereitete Creme meist fein verteilte suspendierte Wirkstoffanteile aufweist, die im Laufe der Lagerung jedoch in Lösung gehen. »Dann kann ich im Mikroskop nur direkt nach der Herstellung Wirkstoffagglomerat erkennen?«, fragt Kunze. Dies wird von Schmidt bestätigt. 

Eine PTA weiß zu berichten, dass als Grundlage die Basiscreme DAC vorgeschrieben ist, die jedoch mit Propylenglykol und Wasser weiter gestreckt wird. »Durch die Verdünnung nimmt die Konsistenz der Creme ab, und die Verstreichbarkeit auf entzündete Hautareale erhöht sich. Außerdem nimmt durch die Verdunstung des Wassers der Kühleffekt zu und trägt dazu bei, Juckreiz zu stillen«, erklärt Kunze, der Neuzugang in der Gruppe. Er ergänzt, dass er in einer Apotheke neben einem Kinderarzt gearbeitet hat und diese Rezeptur eine der wenigen war, die häufig vorkam. »Wichtig ist lediglich, mit einem Propylen-Wasser-Gemisch von 10 Teilen zu 40 Teilen zu verdünnen. Denn nur bei dieser 20-prozentigen Lösung ist die Wasserphase vor mikrobiellem Befall geschützt«, betont er. Die Teamleiterin teilt mit, dass ganz aktuell die verdünnte Basiscreme DAC käuflich im Großhandel zu haben sei. Im DAC/NRF-Werk ist die entsprechende Monographie mit der letzten Aktualisierung Ende 2020 veröffentlicht worden.

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