PTA-Forum online
Apothekenwissen

Psychologie zwischen Alltag und Evidenz

Psychologie ist eine evidenzbasierte Wissenschaft und erlebt derzeit einen Boom: Sowohl die Nachfrage nach Studienplätzen in diesem Fach als auch der Bedarf an psychologischer Beratung und Psychotherapie sind sehr hoch. Was sollten Sie als Apothekenmitarbeiter über Psychologie wissen?
Tatiana Dikta
16.03.2021  09:00 Uhr

Psychologie ist eine Domäne, an der viele Menschen Interesse haben. Das Zentrum der Forschung ist die menschliche Psyche, die dem bloßen Auge verborgen bleibt. Psychologische Erkenntnisse sprechen Menschen deshalb an, weil sie spannende Informationen über das eigene Verhalten und Erleben und dasjenige anderer Menschen liefern können. Im Alltag herrscht die Meinung »Psychologen könnten die Menschen mit bloßem Auge durchschauen«. Diese Annahme ist allerdings falsch, denn auch Psychologen mit einer fundierten Ausbildung und langjähriger Berufserfahrung müssen spezielle Werkzeuge und Instrumente einsetzen, um die Psyche eines Menschen zu erforschen.

Im Alltag suchen viele Menschen nach bestätigender Evidenz für eigene Theorien und Vermutungen: Um ihre eigene Empfindung zu belegen, stellen sie daher häufig suggestive Fragen: »Findest Du nicht auch, dass in unserer Apotheke der Stress zugenommen hat?« Dabei besteht die Gefahr, dass in komplexen Situationen voreilige, subjektive und systematisch verzerrte Schlüsse gezogen werden, die besonders erwünscht sind. Im Gegensatz dazu versuchen Forscher in der wissenschaftlichen Psychologie Theorien und Hypothesen dauernd kritisch zu überprüfen und zu widerlegen (zu falsifizieren), also zu beweisen, dass die Annahmen möglicherweise falsch sind.

In Forschung und Lehre tätige Psychologen verpflichten sich, ihre Forschungsergebnisse zu dokumentieren, unabhängig zu arbeiten und ihre Ergebnisse nicht in eine erwünschte Richtung zu lenken. Die psychologische Forschung muss nach den allgemeingültigen Regeln methodischen Vorgehens erfolgen und Ergebnisse müssen überprüfbar sein.

Explizite Sprache

Psychologie als Wissenschaft nutzt sehr präzise Formulierungen, der alltagspsychologische Sprachgebrauch ist demgegenüber mehrdeutig und ungenau. Wenn Menschen über »mehr Stress« im Alltag berichten, können die Vorstellungen, was »mehr« und was »Stress« bedeuten, sehr stark voneinander abweichen.

Wissenschaftliche Psychologie setzt Verfahren und Instrumente ein, um psychologische, sehr abstrakte Konstrukte (wie Stress, Liebe, Angst, Ärger et cetera) genau zu messen. Evidenzbasierte psychologische Annahmen und Theorien sind häufig an sehr viele andere Bedingungen geknüpft und absolute Aussagen »immer, alle, ständig, nie« verwendet man in der wissenschaftlichen Psychologie mit Vorsicht. In jeder psychologischen Studie wird daher ein Signifikanzniveau angegeben, das eine Irrtumswahrscheinlichkeit abbildet. Das Signifikanzniveau gibt an, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Annahme doch falsch sein könnte. Psychologen lernen in ihrer Ausbildung einen sehr kritischen Umgang mit eigenem Wissen: Der systematische Zweifel und die Annahme, dass »alles anders sein kann als angenommen«, sind notwendig, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

»Alltagspsychologen« bezeichnen sich hingegen häufig als »gute Menschenkenner« und scheinen sich ihres Wissens sehr sicher zu sein. Sie bestätigen ihre Überzeugung an den Beispielen und Erfahrungen, die sie im Leben im eigenen Umkreis gesammelt haben.

Mehr von Avoxa