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Ursachenfahndung lohnt sich

Pulssynchronen Tinnitus abklären lassen

Anders als in vielen Fällen eines Tinnitus, der sich in verschiedensten akustischen Phänomenen im Ohr äußern kann, liegt einem Ohrgeräusch, das pulsierend mit dem Herzschlag auftritt, häufig eine greifbare Ursache zugrunde. Auch ein schwacher pulssynchroner Tinnitus sollte immer ärztlich abgeklärt werden.
Carina Steyer
06.05.2022  09:00 Uhr

Rund zehn Millionen Erwachsene sind nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL) zumindest zeitweise von einem Tinnitus betroffen. Sie hören Geräusche, für die es keine physikalische Schallquelle gibt. Warum sie entstehen, ist trotz der weiten Verbreitung der Symptomatik bisher nicht vollständig verstanden. Als gesichert gilt, dass die Töne direkt im Innenohr der Betroffenen entstehen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie auf einer Fehlfunktion des Gehörs beruhen, die jedoch nicht dauerhaft bestehen muss. Die Spontanremissionsrate beim klassischen Tinnitus ist hoch. Etwa 80 Prozent der Betroffenen sind nach einigen Tagen bis wenigen Wochen wieder frei von Symptomen.

Eine Ausnahme davon bildet der pulssynchrone Tinnitus, der bei etwa 10 Prozent der von Tinnitus Betroffenen parallel zum Herzschlag auftritt. Hier ist die wichtigste Voraussetzung für die Wahrnehmung ein intaktes Gehör, denn der pulssynchrone Tinnitus basiert auf einer echten physikalischen Schallquelle. Die von Betroffenen als Rauschen, Fließen oder Fauchen beschriebenen Geräusche sind Strömungsgeräusche, die durch den Blutfluss entstehen.

Die pulssynchronen Geräusche können verschiedene Ursachen haben. Veränderungen am Innenohr können die Knochenleitung verstärken. Bei einer Schallleitungsstörung fällt der überschattende Effekt von Außengeräuschen weg. Eine Zunahme der Blutflussgeschwindigkeit oder Änderungen der Fließeigenschaften bewirken, dass der streng geradeaus gerichtete Blutfluss abreißt. Es entstehen Wirbel und Strömungsturbulenzen, die, wenn die betroffenen Blutgefäße in der Nähe des Innenohres liegen, für den Betroffenen hörbar werden. Bei einigen Patienten kann der pulssynchrone Tinnitus durch das Auflegen eines Stethoskops auch für Außenstehende hörbar gemacht werden. Mediziner sprechen in diesem Fall von einem objektivierbaren Ohrgeräusch.

Fisteln als mögliche Gefahr

Typischerweise tritt ein pulssynchroner Tinnitus nur auf einem Ohr auf. Beide Ohren sind äußerst selten betroffen. Da die Lautstärke der Geräusche von Patient zu Patient variiert, wird die Belastung durch den Tinnitus ganz unterschiedlich erlebt. Mediziner raten jedoch, auch wenig störende Ohrgeräusche abklären zu lassen. Die meisten Veränderungen sind mit radiologischen Untersuchungsmethoden wie dem Ultraschall, der Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) gut darstellbar.

Im Durchschnitt lässt sich bei 70 Prozent der Betroffenen eine spezifische Ursache finden. Ob diese behandelt werden soll, hängt neben dem persönlichen Leidensdruck durch das Geräusch vom Behandlungsrisiko und dem spontanen Hirnblutungsrisiko ab. Letzteres ist vor allem bei den sogenannten duralen Arteriovenösen Fisteln (dAVF) eine ernstzunehmende Gefahr. Sie sind eine der häufigsten Ursachen für ein pulssynchrones Ohrgeräusch und gehen meist mit Kopfschmerzen einher.

DAVF entstehen durch eine Kurzschlussverbindung zwischen einer Arterie und einer Vene an der harten Hirnhaut (Dura). Gut sichtbar wird das bei einer Sonderform der dAVF, der Carotis-Sinus-cavernosus-Fistel (CSCF). Hier bildet sich eine Verbindung zwischen der inneren und/oder äußeren Kopfschlagader und dem Sinus cavernosus, einem venösen Geflecht hinter den Augenhöhlen. Normalerweise leitet der Sinus cavernosus das Blut aus der Augenhöhle und dem Schädelinneren über die Halsvene ab. Durch die Fistel wird nun zusätzlich das Blut von der Arterie in Richtung Vene geleitet. Das venöse System wird überlastet, der Blutabfluss aus der Augenhöhle gestört. Die Folge: Das Auge rötet sich und wölbt sich nach vorne. Begleitend treten Ohrgeräusche auf, einige der Betroffenen sehen auch Doppelbilder.

Blutung möglich?

Die Überlastung des venösen Systems ist bei allen dAVF das wesentliche Problem. Denn wird das Blut nicht mehr aus dem Hirngewebe abgeleitet, erhöht sich der Druck. Im schlimmsten Fall entwickelt sich eine Hirnblutung. Um dieser vorzubeugen, ist die Bestimmung des Hirnblutungsrisikos ein wichtiger Bestandteil der dAVF Diagnostik. Ist es hoch, raten Mediziner zur Behandlung.

Konnten Ärzte ein Risiko für eine Hirnblutung ausschließen, richtet sich die Behandlung nach dem Leidensdruck des Patienten. Fühlen sich Betroffene dauerhaft beeinträchtigt, was sogar in eine Berufsunfähigkeit führen kann, ist eine Behandlung auch unabhängig von der medizinischen Dringlichkeit sinnvoll. Fühlt sich der Betroffene jedoch nur wenig beeinträchtigt und kann das Ohrgeräusch gut tolerieren, ist eine Therapie nicht zwingend erforderlich und eine beobachtende Haltung gerechtfertigt.

Grundsätzlich gelten arteriovenöse Fisteln als gut therapierbar. Sie werden im Rahmen eines drei oder vier Tage dauernden Krankenhausaufenthalts mithilfe der Mikrokathetertechnik verschlossen. Dafür haben Chirurgen zwei Möglichkeiten: Sie können den Fistelpunkt über die zuführende Arterie mit Gewebekleber oder über die ableitende Hirnvene mit einer Platinspirale in Kombination mit Gewebekleber verschließen. Manchmal sind auch kombinierte Ansätze von arterieller und venöser Seite notwendig. Komplexe Fisteln können zudem mehrere Behandlungen erfordern.

Andere Anatomie

Neben Fisteln gibt es im arteriellen und venösen System anatomische Besonderheiten, die einen pulssynchronen Tinnitus verursachen können. Die häufigste arterielle Variante ist ein atypischer Verlauf der Arteria carotis interna durch die Paukenhöhle, einem Teil des Hohlraumsystems des Mittelohres . Dadurch ist eine direkte Fortleitung des Blutstromgeräusches möglich. Obwohl die anatomische Abweichung bereits seit der Geburt besteht, bemerken viele Betroffene erst im mittleren Lebensalter ein pulssynchrones Ohrgeräusch. Mediziner erklären das damit, dass das Blutströmungsgeräusch erst dann hörbar wird, wenn zusätzlich Turbulenzen durch eine Arteriosklerose auftreten.

Im venösen System werden pulssynchrone Ohrgeräusche vor allem durch anatomische Besonderheiten am Bulbus der Vena jugularis, einer Vene im Hals, verursacht. Dieser kann zum Beispiel zu hoch, zu seitlich, zu groß oder mit Ausstülpungen versehen angelegt sein. Mitunter entwickelt sich durch die Veränderungen auch eine Schalleitungsschwerhörigkeit. Venös bedingte Ohrgeräusche sind oft gut therapierbar. Dafür wird die Vene chirurgisch unterbunden oder mit einem Ballon verschlossen.

Viele weitere Ursachen

Neben Fisteln und anatomischen Abweichungen existieren zahlreiche weitere Ursachen, die während der Abklärung pulssynchroner Ohrgeräusche berücksichtigt werden müssen. So sind bei älteren Menschen Gefäßstenosen an den Kopf-Hals-Gefäßen ein häufiger Auslöser. Bei jüngeren Menschen wiederum sind es vor allem die fibromuskuläre Dysplasie, eine Verdickung der Arterienwände, die nicht durch eine Arteriosklerose oder eine Entzündung zustande kommt, sowie eine Gefäßdissektion, also ein spontaner oder traumatischer Einriss einer Gefäßwand, die zum Auslöser für synchrone Ohrgeräusche werden. Letztere geht typischerweise mit akuten Nackenschmerzen einher. Auch eine Drucksteigerung im Schädelbereich, eine Anämie, ein erhöhtes Herzminutenvolumen in der Schwangerschaft oder eine Überfunktion der Schilddrüse können ursächlich sein. Hier ist meist eine medikamentöse Behandlung der Grunderkrankung möglich, damit das Ohrgeräusch verstummt.

Mitunter finden sich in den radiologischen Aufnahmen zudem Hinweise auf Tumoren. Diese liegen in der Regel im Bereich des Felsenbeins, des Schläfenbeins oder der Schädelbasis. Ob sie behandelt werden müssen und können, hängt neben der genauen Lage davon ab, ob der Tumor gut- oder bösartig ist und welches Wachstumsverhalten er zeigt. 

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