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Hoher Leidensdruck

Reizdarm – Stress in Dauerschleife

Definitionsgemäß sind beim Reizdarm mit den herkömmlichen Untersuchungsmethoden keine krankhaften Veränderungen im Magen-Darm-Trakt nachweisbar. Das bedeutet aber nicht, dass es keine organische Ursache gibt – und schon gar nicht, dass sich der Patient oder die Patientin die Beschwerden gar einbildet. Die genauen Mechanismen der Krankheitsentstehung sind zwar noch nicht bis ins Detail geklärt. Doch konnten Wissenschaftler mit modernen Untersuchungsmethoden in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zelluläre und molekulare Veränderungen nachweisen, die zur Reizdarm-Symptomatik beitragen.

Einer der Experten auf diesem Gebiet ist Professor Dr. Martin Storr. Der Neurogastroenterologe am Zentrum für Endoskopie in Starnberg arbeitete auch an der neuen Leitlinie mit. »Ein bedeutsamer Mechanismus der Pathophysiologie ist eine veränderte Durchlässigkeit der Darmbarriere, in der Laiensprache auch ›Leaky Gut‹ genannt«, erklärt er gegenüber PTA-Forum.

Normalerweise sorgt eine intakte Darmbarriere dafür, dass der Körper Nährstoffe, Vitamine und Spurenelemente aufnehmen kann, aber potenzielle Schadstoffe abgehalten werden. Bei Menschen mit einem »Leaky Gut«, also einem »löchrigen Darm«, gelangen zu viele Substanzen ins Darminnere, die dort eigentlich nicht hingehören. Das aktiviert das darmeigene Immunsystem und löst eine Entzündungsreaktion aus. Die dabei freigesetzten Botenstoffe – zum Beispiel Tumornekrosefaktor-alpha und Interferon-gamma – können die Durchlässigkeit der Darmwand noch zusätzlich verstärken. Diese Permeabilitätsstörung, so der wissenschaftliche Ausdruck, lässt sich in Dickdarmbiopsien von Reizdarmpatienten nachweisen. Weil bei Betroffenen oft die Entzündungszeichen im Blut erhöht sind, vermuten Wissenschaftler, dass die ausgelöste Immunaktivierung auch auf den ganzen Körper übergreifen kann.

»Ein bedeutsamer Mechanismus der Pathophysiologie ist eine veränderte Durchlässigkeit der Darmbarriere, in der Laiensprache auch ›Leaky Gut‹ genannt.«
Professor Dr. Martin Storr, Neurogastroenterologe am Zentrum für Endoskopie in Starnberg

»Der zweite wichtige Baustein bei der Entwicklung des Reizdarmsyndroms ist eine Funktionsstörung im Bereich der Darm-Hirn-Achse«, weiß Darmexperte Storr. Über diese Darm-Hirn-Achse kommunizieren die beiden größten Neuronennetze des Körpers miteinander: das enterische Nervensystem, in der Laiensprache auch »Bauchhirn« genannt, und das Zentralnervensystem. Ähnlich wie das Gehirn und das Rückenmark besteht das Darmnervensystem aus einem komplexen Geflecht von vielen Millionen Nervenzellen. Sie liegen in einer dünnen Schicht zwischen der Darmmuskulatur und der Schleimhaut und regulieren die gesamte Verdauung – unter anderem die Darmbewegungen, die Aufnahme von Nährstoffen und die Ausschüttung von Immunmodulatoren.

Auch wenn das Darmnervensystem weitgehend autonom arbeitet, kann es doch Informationen mit dem Gehirn austauschen. Über die Darm-Hirn-Achse ist beispielsweise das Schmerzgedächtnis verankert, erläutert Storr: »Fehlschaltungen in diesem Bereich führen dazu, dass Patienten immer wieder Schmerzen oder Missempfindungen wahrnehmen.«

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