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Nicht nur bei Covid-19

Riech- und Geschmacksstörungen immer ein Alarmsignal

Riech- und Schmeckstörungen gelten als Frühwarnzeichen einer Covid-19-Infektion. Doch auch wenn diese Symptome durch SARS-CoV-2 eine besondere Relevanz erhalten haben: Erkrankungen des Riech- und Schmeckvermögens sollten generell ernst genommen werden. Das betonte nun die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC) im Vorfeld ihres virtuellen Jahreskongresses.
Christiane Berg
06.05.2021  11:00 Uhr

Störungen der Chemosensorik in Form einer Anosmie oder Ageusie könnten nicht nur durch virale, sondern unter anderem auch durch neuro-degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Morbus Alzheimer hervorgerufen werden. Insbesondere bei länger anhaltenden Beschwerden sollten Betroffene dringend einen HNO-Arzt konsultieren.

Riechstörung durch Covid-19

Die Pathogenese der Störungen des Geruchssinns bei SARS-CoV-2-Infektion sei noch nicht genau erforscht. Die gute Nachricht: »Diese Riechstörung scheint in den überwiegenden Fällen vorübergehend zu sein. Bei den meisten Betroffenen gibt sie sich innerhalb weniger Wochen wieder«, macht Professor Thomas Hummel in einer aktuellen DGHNO-Mitteilung deutlich. Das spreche gegen eine echte Nervenschädigung auf Ebene des Riechepithels und der Riechbahn, wie sie derzeit diskutiert werde.

Studiengemäß sind bis zu 80 Prozent der Covid-19-Kranken von Riech- und Geschmacksstörungen betroffen. Während der Riechverlust bei banalen Erkältungen und grippalen Infekten typischerweise mit starker Schleimbildung und einer Schwellung der Riechschleimhäute einhergeht, ist die Nase bei Patienten mit SARS-CoV-2-Infektionen überwiegend frei.

So oder so: Die chemosensorischen Symptome, so Hummel, zeigen sich häufig bereits am dritten Tag nach Covid-19-Infektionen und seien oft das erste, in manchen Fällen sogar das einzige Corona-Symptom. »Dieses Frühwarnsystem sollte man sich zunutze machen«, so Hummel. Betroffene sollten umgehend einen SARS-CoV-2-Test vornehmen lassen und sich gegebenenfalls in Selbstisolation beziehungsweise Quarantäne begeben.

Sofern eine Riechstörung im Rahmen einer Covid-19-Erkrankung sich nicht binnen vier Wochen wieder weitgehend zurückgebildet hat, sollte ebenfalls ein HNO-Arzt konsultiert werden. Dann müsse mittels detaillierter Anamnese und Differentialdiagnose in Form entsprechender Riech- und Schmeckstörung ergänzt durch Labordiagnostik, Endoskopie und bildgebende Verfahren wie Kernspin- oder Computertomografie die Abgrenzung zu anderen möglichen Ursachen erfolgen.

Jährlich 50.000 Menschen betroffen

Zwar ist eine plötzlich neu aufgetretene Riechstörung bei freier Nasenatmung derzeit sehr wahrscheinlich Ausdruck einer Infektion mit SARS-CoV-2. Neben viralen Infektionen oder neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Morbus Parkinson können jedoch unter anderem auch Nasenpolypen, endokrine Erkrankungen, Umwelt-Chemikalien, die Einnahme von Arzneimitteln, eine Chemo- oder Strahlentherapie oder aber Traumata durch Schädel-Hirn-Verletzungen in Folge eines Schlages oder Sturzes Grund der beeinträchtigten Sinneswahrnehmungen sein.

Aus welchem Grund auch immer: In Deutschland sind jedes Jahr circa 50.000 Menschen betroffen, macht in einem Informationspapier »Riech- und Schmeckstörungen« die DGHNO-»Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie« deutlich, zu deren Vorstandsmitgliedern Hummel zählt.

Riechstörung durch andere Gründe als Covid-19

Riechstörungen entzündlich bedingter Nasen- und Nasennebenhöhlen-Erkrankungen können eine medikamentöse antiinflammatorische Therapie unter anderem mit Steroiden, jedoch oft auch eine operative Therapie erforderlich machen.

Bei Riech- und Schmeckstörungen in Folge der Einnahme spezifischer Arzneimittel wie zum Beispiel bestimmter Antibiotika, Antihypertonika, Antiepileptika, Anticholinergika oder Analgetika, kann eine Beendigung der medikamentösen Therapie beziehungsweise ein Wechsel des Präparates angezeigt sein.

Bei länger andauernden postinfektiösen Riechstörungen oder nach Schädel-Hirn-Verletzungen gelten die therapeutischen Möglichkeiten als eingeschränkt.

Riechen und Schmecken neu erlernbar

Ob in Folge einer Covid-19-Infektion oder einer akuten Rhinosinusitis: Ist bekannt, dass Riech- und Schmeckzellen sich oftmals wieder erneuern, so könne ein Training des verlorenen Geruchssinns auch in Eigenregie mit identisch verpackten Geruchsträgern wie Minze, Gewürznelken, Zitrone oder duftenden Kosmetikprodukte durchgeführt werden, sagt Hummel.

Die Palette könne nach und nach um dezentere und somit schwerer wahrnehmbare Düfte erweitert werden. »Bei Riechstörungen anderer Ursache hat sich gezeigt, dass das der Nase wieder auf die Sprünge helfen kann«, so der Wissenschaftler mit dem Arbeitsschwerpunkt Neuropharmakologie und -toxikologie. Auch dem oftmals zu beobachtenden Nachlassen des Geruchssinns im Alter könne so entgegengewirkt werden.

Riech- und Schmeckstörungen ernst nehmen

Erkrankungen des Riech- und Schmeckvermögens seien ernst zu nehmen. Bei fehlender oder verminderter Empfindlichkeit der chemosensorischen Sinne gehe ein wichtiges Warnsystem verloren, dessen Bedeutung oft erst erkannt wird, wenn es nicht mehr funktioniert. So machen der Geruchs- und Geschmackssinn zum Beispiel auf Brände, giftige Dämpfe oder verdorbene Lebensmittel aufmerksam. Riech- und Schmeckstörungen gehen oftmals auch mit Depressionen einher. Beeinträchtigungen des Riech- oder Schmeckvermögens stellen nicht nur eine Einschränkung der Lebensqualität, sondern auch eine Gefahr für Leib und Leben dar.

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