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Sanfte Ernährung

Ruhe für Reizmagen und -darm

Reizmagen- und Reizdarmsyndrom sind keine organischen Erkrankungen, sondern funktionelle Magen-Darm-Störungen. Beide Reizzustände können die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken. Eine multimodale, symptomorientierte Therapie und eine angepasste Ernährung sorgen dann wieder für Ruhe in Magen und Darm.
Andrea Pütz
29.10.2019
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Wer häufig unter Schmerzen und Druck im Oberbauch, Sodbrennen, Aufstoßen, Völlegefühl oder Übelkeit leidet, dem vergeht im wahrsten Sinne des Wortes der Appetit. Bei manchen Betroffenen treten die Beschwerden beim oder nach dem Essen auf, bei anderen auch unabhängig von der Nahrungsaufnahme. Bestehen die Symptome innerhalb eines halben Jahres für mehr als drei Monate und ist keine organische Ursache auffindbar, sprechen Mediziner von einer funktionellen Dyspepsie, besser bekannt als Reizmagen.

Das Reizmagensyndrom (RMS) gehört wie auch das Reizdarmsyndrom (RDS) zu den häufigsten Erkrankungen des Verdauungsapparats. Die beiden Krankheitsbilder treten oft gemeinsam und zudem gehäuft bei Frauen auf. Ursache könnte eine vermehrte Empfindlichkeit des Magen-Darm-Trakts sein, auch viszerale Hypersensitivität genannt. Reizmagen-Patienten nehmen nach dieser Theorie Vorgänge im Magen-Darm-Trakt intensiver wahr als gesunde Personen. Auch eine verminderte Beweglichkeit (Motilität) des Magens kann hinter einem RMS stecken.

Ziel der Therapie ist, dass die Beschwerden nicht mehr die Lebensqualität beeinträchtigen, wie es bei vielen Betroffenen der Fall ist. Die wichtigste Basis dafür ist ein aufklärendes Gespräch. Dabei können PTA oder Apotheker den besorgten Patienten beruhigen: Hinter einem Reizmagen steckt in der Regel keine ernste organische Erkrankung, und die Chancen stehen gut, dass der Magen dauerhaft beruhigt werden kann. Bei akuten Beschwerden kann eine symptombezogene medikamentöse Therapie Linderung verschaffen. Aber die wichtigste Basis für eine langfristige Besserung ist die Änderung des Lebensstils.

Die Psyche spielt eine Rolle bei beiden Syndromen. Stress löst zwar nicht direkt ein RMS oder RDS aus, aber ein Zuviel der Stresshormone Cortisol und Adrenalin kann den Verlauf negativ beeinflussen. So kann sich etwa der Magen unter dem Einfluss der Hormone verkrampfen und zu viel Säure produzieren. Entspannung (etwa durch autogenes oder achtsamkeitsbasiertes Training) und Verhaltenstherapie sind also wichtige Säulen der Therapie. Sanfte Bewegung an der frischen Luft – auch nach den Mahlzeiten – hilft, die Verdauung zu erleichtern und Stress und Ärger abzubauen. Nach einem Verdauungsspaziergang fühlen sich die meisten auch wieder geistig fitter. Erschöpfung und Müdigkeit gehen häufig mit den Symptomen eines Reizmagens einher.

Beruhigende Ernährung

RMS-Patienten sollten die Lebensmittel, die bei ihnen zu Beschwerden führen, für die erste Zeit vom Speiseplan streichen. Ein Ernährungstagebuch hilft bei der Ursachenforschung. Darin werden über vier bis sechs Wochen die Lebensmittel mit Menge und Uhrzeit sowie der Beginn der Beschwerden vermerkt.

Vor allem schwer verdauliche, fette, süße, saure, scharf und stark gewürzte sowie sehr kalte oder heiße Speisen regen die Produktion der Magensäure an. Fettes, geräuchertes und gepökeltes Fleisch, gebratener Fisch, Pommes frites, Mayonnaisen, Eierspeisen, Kohlgemüse, Hülsenfrüchte und Zwiebeln belasten den Magen zudem unnötig. Den mageren Varianten von Speisen und Brotbelägen sollte der Vorzug gegeben werden. Gerichte werden zudem bekömmlicher, wenn sie gedämpft und gedünstet werden statt gebraten und frittiert.

Auch die Menge macht’s: Wer gerne üppige und große Mahlzeiten zu sich nimmt, muss umdenken, denn der schmerzhafte Druck im Oberbauch nimmt schon während der Mahlzeit schnell zu. Statt drei großer Mahlzeiten ist es empfehlenswert, lieber fünf bis sechs kleinere Portionen über den Tag zu verteilen. Dabei hilft es, achtsam und bewusst zu essen, denn die Mahlzeiten sollten kleine Ruheoasen im Alltag sein – und nicht »to go« im Laufen hinuntergeschlungen werden. In den letzten drei Stunden vor dem Schlafengehen sollte nicht mehr gespeist werden.

Flüssige Magenfeinde

Für viele Menschen beginnt der Tag erst mit dem ersten Schluck Kaffee. Leider kann Kaffee wie auch Schwarztee den Magen reizen und die Produktion von Magensäure anregen. Das bedeutet aber nicht zwangsweise totale Abstinenz bei einem Reizmagen. Der Patient kann nach und nach die Menge ausloten, die er beschwerdefrei toleriert. Auch bei Alkohol rebelliert der gereizte Magen schnell, denn er lässt den Schließmuskel des Magens erschlaffen und fördert ebenso die Säureproduktion. Somit ist der Verdauungsschnaps kontraproduktiv, besser sollten Betroffene eine Zeit lang auf alkoholische Getränke verzichten. Auch säurehaltige Fruchtsäfte, koffeinhaltige Erfrischungsgetränke und kohlensäurehaltiges Wasser können mitunter Probleme bereiten.

Reizmagen-Patienten sollten auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, besonders wenn Sodbrennen zu den Beschwerden zählt. Ein Hydrogencarbonat-reiches (> 1300 mg pro Liter) Mineral- oder Heilwasser ist empfehlenswert, es sollte möglichst kohlensäurearm sein. Neben speziellen Heiltees und Präparaten aus der Apotheke, die sich bei funktionellen Magen-Darm-Störungen bewährt haben, wirken auch Ingwer und Kurkuma (Gelbwurzel) gegen Übelkeit und Völlegefühl. Schnell ist ein Ingwer-Kurkuma-Tee oder die traditionelle ayurvedische »Goldene Milch« hergestellt. Das in Kurkuma enthaltene Curcumin freut sich über die Anwesenheit von schwarzem Pfeffer, denn das darin enthaltene Piperin verstärkt die Kurkuma-Wirkung. Auch Zimt fördert die Bioverfügbarkeit.

Darm in Not

Übelkeit, Druckgefühl, Blähungen, krampfartige Bauchschmerzen und eine veränderte Stuhlfrequenz und -Konsistenz prägen häufig den Alltag von Patienten mit einem Reizdarmsyndrom (RDS). Einige Betroffene stehen permanent unter massivem Leidensdruck, andere wiederum nur leicht oder in bestimmten Situationen. Die funktionellen Störungen der Darmmotorik können jedoch weitreichende Folgen für die Lebensqualität haben.

Mediziner gehen davon aus, dass Reizdarmpatienten ähnlich wie Patienten mit Reizmagen empfindlicher auf die Signale des Darms reagieren als gesunde Menschen. Eine eigentlich normale Darmaktivität wird von ihnen als schmerzhaft empfunden. Weitere Untersuchungen weisen zudem auf eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora gegenüber Gesunden hin. Auch eine vorausgegangene bakterielle Darminfektion kann verantwortlich sein (postinfektiöses RDS).

Für eine sichere Diagnose sollten andere Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik ausgeschlossen werden, unter anderem Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Darmkrebs. Eine Intoleranz gegenüber Lactose oder Fructose kann über den H2-Atemtest diagnostiziert werden – beide sind auch häufig gemeinsam mit einem RDS anzutreffen. Betroffene sollten auch mit dem Arzt über eventuelle psychosomatische Probleme sprechen und wie sie diese angehen können.

FODMAPs reduzieren

Kohlgemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Stein- und Beerenobst sowie Milchprodukte, Kaffee und Alkohol verursachen häufig Beschwerden. Auch zu viel Rohkost am Abend kann den Darm überfordern. Fettreiche, gebratene Speisen wirken zudem bei vielen wie ein Abführmittel. RDS-Patienten sollten die Nahrungsmittel identifizieren und vermeiden, die bei ihnen Beschwerden auslösen. Wie beim Reizmagen sollte hier über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen sowohl die Speisen mit Uhrzeit als auch die daraus – meist erst nach Stunden – resultierenden Symptome mit Art, Dauer und Intensität notiert werden. Dadurch können die Zusammenhänge zwischen Ernährung und dem körperlichen wie seelischen Wohlbefinden aufgedeckt werden.

Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine FODMAP-reduzierte Ernährung die Beschwerden lindern kann. FODMAP ist die Abkürzung für »Fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccaride und Polyole«. Gemeint sind Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzucker sowie mehrwertige Alkohole, die in zahlreichen Lebensmitteln stecken. FODMAPs sind:

  • Fructose (in Obst und Gemüse)
  • Galactose (in einigen Gemüsesorten)
  • Fructane (in einigen Gemüsesorten, Roggen- oder Weizengebäck)
  • Saccharose (etwa in Roggen- oder Weizenprodukten)
  • Lactose (in Kuhmilchprodukten)
  • Polyole (Zuckeraustauschstoffe wie Xylit, Sorbit und Maltit)

FODMAPs werden im Dünndarm nicht ausreichend abgebaut und gelangen nahezu unverändert in den Dickdarm. Dort werden sie mikrobiell vergoren, wobei Gase entstehen. FODMAP-reiche Lebensmittel sind beispielsweise Getreide wie Weizen, Dinkel und Roggen, einige Obstsorten wie Äpfel, Birnen oder Trauben und bestimmte Gemüsesorten, beispielsweise Brokkoli, Mais und Zwiebeln. Um eine FODMAP-arme Ernährung korrekt umzusetzen, ist die professionelle Hilfe durch eine Ernährungsfachkraft empfehlenswert. Aber auch in einem ersten Schritt kann die Ausschlussdiät schnelle Linderung bringen: Das Weglassen von verdächtigen Lebensmitteln über vier bis sechs Wochen und die anschließende Wiedereinführung in den Speiseplan bringt Klärung.

Gegen die Beschwerden wie Blähungen helfen in erster Instanz pflanzliche Arzneimittel. Pfefferminzöl, Kümmel, Anis und/oder Fenchel entkrampfen den gereizten Darm und lösen die Gasansammlungen. Die Ballaststoffe von Flohsamenschalen quellen mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen im Darm auf und wirken so darmregulierend – sowohl bei Verstopfung als auch bei Durchfall.

Mit probiotischen Produkten kann zudem die Balance der Darmflora wiederhergestellt werden. Die Darmflora profitiert neben Ballaststoffen auch von einer polyphenolreichen Ernährung, empfehlenswert sind Heidelbeeren und andere dunkle Beeren sowie Äpfel und Birnen – vorausgesetzt der Darm toleriert die Lebensmittel.

Stress-Auslöser identifizieren

Betroffene sollten sich Gedanken darüber machen, was bei ihnen Stress auslöst. Neben ungelösten Konflikten können beispielweise auch Über- und Unterforderung (Burnout, Boreout) im Beruf ein RDS verstärken. Eine Neustrukturierung von Job und Alltag kann Unterstützung bringen, damit Magen und Darm zur Ruhe kommen. Darüber hinaus können auch Maßnahmen zur Stressbewältigung erfolgreich sein. Methoden mit speziellen Atemtechniken wie progressive Muskelentspannung, Yoga, autogenes Training oder Achtsamkeitstraining (auch beim Essen) helfen. Wer sich Zeit nimmt zum Essen, kaut automatisch gründlicher – und eine gesunde Verdauung beginnt schon im Mund. Auch tägliche Spaziergänge mit Atemübungen an der frischen Luft können helfen. Mit Fitness baut man Verspannungen ab und macht den Kopf frei für Entscheidungen. Die Bewegung an sich trägt zudem aktiv zur Regulierung der Darmmotorik bei.

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