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Knotige Veränderung
Schilddrüsenknoten: heiß oder kalt, gut oder böse

Unnötige Eingriffe

Vor wenigen Jahren sorgte eine Analyse der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) für Aufsehen. Demnach war in verschiedenen Ländern weltweit die diagnostizierten Fälle von Schilddrüsenkrebs sprunghaft angestiegen. Am deutlichsten war dieser Trend in Südkorea, wo sich die Diagnosen verfünffacht haben. Der Anstieg der Diagnosen steht in Zusammenhang mit dem in den neunziger Jahren eingeführten landesweiten Screening auf Schilddrüsenkrebs. Die Sterblichkeit infolge Schilddrüsenkrebs konnte dadurch jedoch nachweislich nicht reduziert werden. In den erfassten europäischen Ländern wie Italien und Frankreich war die Entwicklung gleichsinnig, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt.

Das Fazit der IARC: Im Zuge der verbesserten diagnostischen Möglichkeiten würde Schilddrüsenkrebs in erheblichem Ausmaß überdiagnostiziert. Häufig würden knotige Veränderungen als gefährlich und behandlungsbedürftig eingestuft, die niemals Probleme bereitet und auch nicht zum Tod geführt hätten.

Viele Menschen werden laut IARC einer unnötigen, radikalen Therapie ausgesetzt. Ihnen werden Schilddrüse und Lymphknoten entfernt, und sie werden angehalten, sich einer Strahlentherapie zu unterziehen. Der geschätzte Anteil solcher Überdiagnosen und -therapien bewegte sich in den erfassten Ländern bei Frauen zwischen 50 und 90 Prozent. Die IARC sprach sich vor diesem Hintergrund gegen ein systematisches Screening und bei »Low-risc«-Tumoren für eine »Watch-and-wait-Strategie« aus.

In Deutschland gibt es bisher kein Routine-Screening auf Schilddrüsenkrebs. Aber auch hier werden zunehmend neue Diagnosetechniken wie hochauflösender Ultraschall genutzt, um knotige Veränderungen der Schilddrüse abzuklären. Was chirurgische Eingriffe bei Schilddrüsenknoten anbetrifft, steht Deutschland im internationalen Vergleich weit vorne. Zwar sind die Operationen rückläufig, aber es werden immer noch 80.000 Eingriffe jährlich durchgeführt. Das sei viel zu viel, sagen Experten. Viele knotige Veränderungen erweisen sich im Nachhinein als harmlos und wären mit schonenderen Methoden gut behandelbar gewesen. In einem Großteil der Fälle hätte man sogar erst einmal warten und die Knoten beobachten können.

In punkto »Operationsfreudigkeit« hat ein Umdenken stattgefunden, das allerdings noch längst nicht überall etabliert ist. Experten raten deshalb, bei knotigen Schilddrüsenveränderungen immer die Meinung eines ausgewiesenen Spezialisten einzuholen beziehungsweise sich in einem interdisziplinären Schilddrüsenzentrum vorzustellen, bevor man sich unters Messer legt.

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