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Covid-19

Schlechte Mundhygiene ist Risikofaktor für schweren Verlauf

Menschen mit schlechter Mundhygiene haben offenbar ein deutlich erhöhtes Risiko, im Fall einer SARS-CoV-2-Infektion schwer an Covid-19 zu erkranken oder sogar zu sterben. Ein ursächlicher Zusammenhang ist aus verschiedenen Gründen plausibel.
Annette Rößler
29.11.2021  14:00 Uhr

Die Liste der bekannten Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf sollte womöglich um einen neuen erweitert werden: schlechte Mundhygiene. Auf der Plattform »The Conversation« weisen aktuell zwei Forscherinnen der University of Central Lancashire darauf hin, dass es mittlerweile mehrere Publikationen gebe, die diesen Zusammenhang herstellen. Zuletzt habe eine Fallkontrollstudie aus Katar gezeigt, dass Covid-19-Patienten mit bestehender Parodontitis 3,5-mal häufiger auf einer Intensivstation landen, 4,5-mal häufiger beatmet werden müssen und sogar neunmal häufiger versterben als Patienten mit intakter Mundflora (»Journal of Clinical Periodontology«, DOI: 10.1111/jcpe.13435).

»Das mag zunächst schockieren, aber die Tatsache, dass es eine Verbindung zwischen der Mundgesundheit und Covid-19 gibt, überrascht wenig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass auch zwischen anderen Erkrankungen und der Mundgesundheit ein Zusammenhang besteht«, führen die Zellbiologin Professor Dr. Sim Singhrao und die Zahnärztin Dr. Alice Harding aus. Die Rede ist dabei nicht von einmal Zähneputzen auslassen, sondern von einer länger andauernden Vernachlässigung der regelmäßigen Mundhygiene. Dann könne das Gleichgewicht des oralen Mikrobioms ins Wanken geraten, aus einer Homöostase werde eine Dysbiose und aggressive Bakterienspezies bekämen die Überhand.

Diese greifen das Zahnfleisch und in der Folge auch andere Teile des Zahnhalteapparats an. Hierzu gehören die Wurzelhaut, der Zahnzement und die Zahnfächer, also die Mulden im Kiefer, in denen sich die Zahnwurzeln befinden. Zahnärzte sprechen dann von einer Parodontitis. Die Entzündung kann so weit fortschreiten, dass die Zähne sich lockern.

Systemische Entzündung als Risikofaktor

Noch gravierender als die Schäden, die eine Parodontitis lokal anrichtet, können die systemischen sein, wie Singhrao und Harding ausführen: Infolge der Dysbiose könnten Bakterien aus dem Mund in die Blutbahn gelangen und von dort in diverse Organe. Die Folge sei eine chronische Entzündung. Betroffen sein könne etwa das Herz, zudem könnten der Blutdruck und der Blutzucker steigen. Schlechte Mundhygiene sei darüber hinaus in verschiedenen Studien mit Frühgeburten, Arthritis, Nieren- und Atemwegserkrankungen sowie neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer in Verbindung gebracht worden.

Das Ergebnis einer Studie aus Ägypten deutete im Februar 2021 darauf hin, dass es auch bei Covid-19 das erhöhte Entzündungslevel ist, das sich bei Patienten mit schlechter Mundhygiene nachteilig auswirkt. Im Fachjournal »British Dental Journal« berichtete ein Team um Amany Hany Mohamed Kamel von der Universität Kairo von einem signifikanten Zusammenhang zwischen schlechter Mundhygiene, erhöhten Blutwerten des Entzündungsmarkers C-reaktives Protein (CRP) und einem schweren Covid-19-Verlauf (DOI: 10.1038/s41415-021-2656-1). Wenn infolge schlechter Mundhygiene bereits eine Entzündung im Körper schwele, sei es wahrscheinlicher, dass dieser auf eine SARS-CoV-2-Infektion überreagiere und es zu einem Zytokinsturm komme, so die Überlegung der Autoren.

Das leuchtet ein, ist aber noch nicht eindeutig belegt und auch nicht die einzige denkbare Erklärung für den vermuteten Zusammenhang. Möglich sei auch, dass bakterielle Superinfektionen erheblich zu dem erhöhten Risiko beitrügen, so Singhrao und Harding. Solche Infektionen sind laut einer Metaanalyse aus dem Mai 2021 häufig. Das Autorenteam um Dr. Jackson Musuuza von der University of Wisconsin berichtet im Fachjournal »PLOS one«, dass jeder vierte Covid-19-Patient (24 Prozent) eine Superinfektion aufweist (DOI: 10.1371/journal.pone.0251170). Bei Intensivpatienten war der Anteil mit 41 Prozent noch deutlich höher, wobei die Superinfektionen ganz überwiegend bakterieller Genese waren.

Die Erreger aus dem Mund könnten die Lunge als Ort der SARS-CoV-2-Infektion dabei entweder über das Blut erreichen oder aber eingeatmet werden. Darauf wies im Juni 2020 ein Team um die Londoner Zahnärztin Dr. Victoria Sampson im »British Dental Journal« hin (DOI: 10.1038/s41415-020-1747-8). Gleichzeitig könnten Enzyme der Bakterien aus der Mundhöhle das Epithel der Atemwege so verändern, dass sich respiratorische Erreger wie das Coronavirus leichter anheften können.

Derzeit lasse sich noch nicht beurteilen, ob einer dieser Mechanismen oder womöglich auch alle gleichzeitig bei Covid-19 eine Rolle spielten, so Singhrao und Harding. Die Evidenz reiche aus ihrer Sicht aber aus, um eine schlechte Mundhygiene als Risikofaktor für einen schweren Verlauf zu etablieren. Während der Pandemie sei es daher wichtiger denn je, seine Zähne gut zu pflegen. Hierzu gehört es, mindestens zweimal am Tag mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta die Zähne zu putzen und regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen.

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