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Amblyopie

Schwaches Auge, scharfes Auge

Bei Kindern mit einer Amblyopie, einer funktionellen Sehschwäche, liefert ein Auge ein schärferes Bild als das andere. Die Sehleistung des schwachen Auges entwickelt sich dann nur unzureichend. Mit Brille und Augenpflastern ist die Amblyopie meist gut behandelbar – wenn die Kinder mitmachen.
Verena Schmidt
05.09.2019
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Normalerweise setzt sich das, was wir sehen, aus den Bildern zusammen, die beide Augen an das Gehirn liefern. Bei Kindern mit einer Amblyopie (aus dem Griechischen von amblyopia, »stumpfes Auge«) erzeugt jedoch ein Auge ein schärferes Bild als das andere. Die beiden Bilder können dann nur schwer zu einem kompletten Seheindruck zusammengeführt werden. Das Gehirn fokussiert sich dann auf das scharf sehende Auge, das Bild des schwächeren Auges wird unterdrückt. Das Sehvermögen des Kindes kann sich so nur fehlerhaft entwickeln.

Eine Amblyopie, oft auch als Schwachsichtigkeit bezeichnet, entsteht meist vor dem achten Lebensjahr. Sie betrifft Schätzungen zufolge bis zu 6 Prozent aller Kinder in Deutschland. In der Regel sind beide Augen organisch gesund. Die häufigste Ursache ist das Schielen (Strabismus): Die Augen blicken aufgrund einer Fehlstellung nicht in die gleiche Richtung und übermitteln daher unterschiedliche Seheindrücke an das Gehirn. Bei bis zu 70 Prozent der schielenden Kinder entwickelt sich in der Folge eine funktionelle Sehschwäche. Auch Brechungsfehler wie Kurz- oder Weitsichtigkeit und Astigmatismus (Hornhautverkrümmung) eines Auges können zu einer Amblyopie führen. Nur selten wird die Sehschwäche durch Augenerkrankungen ausgelöst, etwa durch ein Katarakt, Grauen Star oder ein hängendes Augenlid (Ptosis).

Wird die Amblyopie nicht rechtzeitig entdeckt und behandelt, bleibt sie lebenslang bestehen. Eltern sollten daher auf mögliche Symptome bei ihren Kindern achten. Leichtes Schielen ist oft nicht sichtbar, aber eventuell bemerken die Eltern bestimmte Auswirkungen. So kann sich bei schielenden Kindern das räumliche, dreidimensionale Sehen nur mangelhaft entwickeln. Sie haben dann Schwierigkeiten, Entfernungen abzuschätzen oder einen Ball zu fangen. Andere Kinder leiden auch unter Lichtempfindlichkeit, Kopfschmerzen, Augenzittern oder Augenkneifen. Doch Vorsicht: Nicht immer gibt es solche Anzeichen. Daher ist es wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern die Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt wahrnehmen. So liegt etwa bei der U7a im Alter von knapp drei Jahren ein Schwerpunkt auf der Erkennung von Sehschwächen.

Pflaster Mittel der Wahl

Die gute Nachricht: Rechtzeitig erkanntes Schielen und auch eine daraus entstehende funktionelle Sehschwäche können korrigiert werden und bilden sich in den meisten Fällen wieder vollständig zurück. Zunächst bekommt das Kind bei Vorliegen eines Brechungsfehlers eine Brille, die die Kurz- oder Weitsichtigkeit behebt. Zur Vorbeugung oder auch zur Behandlung einer Amblyopie gilt die Okklusionsbehandlung mit Augenpflastern als Mittel der Wahl: Dabei wird das stärkere Auge für mehrere Stunden täglich oder auch tageweise mit einem speziellen Okklusionspflaster abgedeckt. Das schwache Auge soll so gefordert und angeregt werden, um die Sehkraft zu verbessern.

Alternativ gibt es die Möglichkeit, die Sicht des besseren Auges medikamentös vorübergehend einzuschränken, beispielweise mit Atropin-Augentropfen. Diese Therapie wird Penalisation genannt. Sie kommt allerdings nur recht selten zum Einsatz, etwa wenn das Kind das Okklusionspflaster absolut nicht tragen will oder es nicht verträgt.

Während der Pflaster-Tragezeit sind die Kinder angehalten, das schwache Auge besonders zu fordern. Alle »Naharbeiten« wie Malen, Basteln, Schreiben, Lesen oder Bilderbücher anschauen (zum Beispiel Wimmelbücher), das Spielen von Gesellschaftsspielen und Puzzeln trainieren das Auge, und auch Fernsehen und Computerspiele können hilfreich sein. Daneben gibt es spezielle Computerprogramme und Online-Sehschulungen, die die Okklusionstherapie unterstützen.

Bei stark schielenden Kindern kann auch eine Operation notwendig sein, bei der die äußeren Augenmuskeln gestrafft oder gelockert werden, um die Fehlstellung des Auges zu korrigieren. Manchmal ist die Operation auch Voraussetzung, bevor weitere Maßnahmen wie eine Okklusionsbehandlung angewendet werden können. Die Vorstellung, am Auge operiert zu werden, mag zwar für viele Kinder und Eltern beängstigend sein. Aber die Eingriffe sind sehr risikoarm und haben gute Erfolgsaussichten.

Eine recht neue Therapieoption bei Amblyopie ist eine elektronische Shutterbrille. Bei Tragen einer solchen Brille wird das Glas über dem starken Auge rhythmisch abgedunkelt. Eine Weiterentwicklung, die interaktive Shutterbrille mit sensorischem Feedback, befindet sich aktuell in der klinischen Erprobung. Diese Brille soll die Abdeckung eines Auges situationsbedingt steuern. Bei starker Bewegung etwa wird das Auge nicht abgedunkelt, um Unfälle aufgrund des eingeschränkten räumlichen Sehvermögens zu vermeiden.

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