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Hyperhidrose

Schweißgebadet

Der Mensch hat etwa zwei Millionen Schweißdrüsen. Sie erfüllen eine wichtige Aufgabe. Probleme entstehen, wenn sie zu viel arbeiten. Das Krankheitsbild heißt Hyperhidrose. Abhilfe schaffen verschiedene Arzneistoffe sowie nicht-medikamentöse Verfahren.
Annette Immel-Sehr
08.05.2019
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Schwitzen ist ein wichtiger Vorgang. Er dient der Thermoregulation und schützt den Körper vor Überhitzung. Wenn Schweiß verdunstet, kühlt der Körper ab. Die Schaltzentrale für die Regulation liegt im Hypothalamus. Wenn thermosensorische Nerven melden, dass die Temperatur im Körper über dem Sollwert liegt, werden die Schweißdrüsen stimuliert. Darüber hinaus beeinflusst die Psyche das Schwitzen – Stress und Angst können die Schweißproduktion anregen.

Von den etwa zwei Millionen Schweißdrüsen zählen die allermeisten zu den so genannten ekkrinen Schweißdrüsen. Diese sind im Durchmesser 0,4 Millimeter groß und kommen überall auf der Haut vor. Besonders zahlreich sind sie an Handflächen, Fußsohlen, Achselhöhlen und Stirn. Bei manchen Menschen hat sich die Schweißproduktion verselbstständigt und erfüllt nicht mehr nur den Zweck der Temperaturregelung. Dieses krankhafte Schwitzen bezeichnen Ärzte als Hyperhidrose oder Hyperhydrosis. Etwa 5 bis 6 Prozent der Bevölkerung – Männer und Frauen gleichermaßen – sind davon betroffen. Was eine Hyperhidrose auslöst, ist nicht geklärt. Aus unbekanntem Grund reagieren die Nerven, die die Schweißdrüsen steuern, über. Offenbar spielt dabei auch eine genetische Komponente hinein, denn Hyperhidrose tritt in manchen Familien gehäuft auf.

Übermäßiges Schwitzen kann eine oder mehrere Körperflächen oder den ganzen Körper betreffen. Ärzte unterscheiden daher zwischen einer fokalen und einer generalisierten Hyperhidrose. Die fokale Form betrifft vor allem die Achselhöhlen, Handflächen und/oder Fußsohlen. Die generalisierte Hyperhidrose ist oft die Folge einer anderen Erkrankung (sekundäre Hyperhidrose), wie Hypertonie, Parkinson-Krankheit oder Hyperthyreose.

Eine Hyperhidrose ist je nach Schwere der Erkrankung eine starke psychische und soziale Belastung für Betroffene. In vielen Berufen stellt zu viel Schweiß auf den Handflächen ein praktisches Problem dar. Denn der Schweiß kann Werkstoffe angreifen und lässt Finger und Hände abrutschen. Für Patienten ist es unangenehm, wenn Ärzte, Krankenpfleger oder Physiotherapeuten sie mit nasskalten Händen anfassen. Zudem wirkt nassgeschwitzte Kleidung auf viele ungepflegt und abstoßend. Häufig klagen Betroffene über anfallsartige Schweißausbrüche bei geringer psychischer oder körperlicher Belastung. Mit der Zeit können Patienten auch ohne jeden erkennbaren Anlass plötzlich schweißgebadet sein. Das belastet nicht nur die Psyche, sondern auch die Haut. Die Hornschicht weicht auf und wird leicht von Bakterien, Viren oder Pilzen besiedelt.

Aluminiumsalze als Mittel der Wahl

Frischer Schweiß ist geruchlos. Wenn Bakterien auf der Haut beginnen, den Schweiß abzubauen, entstehen unangenehm riechende Substanzen. Deodorantien sind Produkte, die die Geruchsbildung verhindern, indem sie bakteriostatisch oder bakterizid wirken. Präparate, die die Schweißmenge verringern, heißen Antihidrotika, Antitranspiranzien oder Antiperspiranzien.

Eine fokale Hyperhidrose wird meist lokal behandelt. Mittel der ersten Wahl sind Aluminiumsalze. Sie verschließen die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen, indem sie mit körpereigenen Eiweißen einen Pfropf bilden. Bei milder Hyperhidrosis reichen frei verkäufliche Produkte, die Aluminiumchlorid in 1- bis 2-prozentiger Konzentration enthalten. Bei stärkeren Beschwerden verordnen Hautärzte häufig 10- und 30-prozentige Gele oder Lösungen. Die Wirkung stellt sich erst nach ein paar Wochen ein und hält nach Ende der Behandlung einige Monate an. Der Patient sollte das betroffene Areal abends behandeln. Denn die Sympathikusaktivität ist nachts gering und das verwendete Mittel wird nicht gleich wieder vom Schweiß abgewaschen. Zu Beginn der Behandlung können Hautreizungen auftreten.

Kritische Kunden in der Apotheke stehen aluminiumhaltigen Produkten möglicherweise ablehnend gegenüber. Denn Aluminiumsalze aus Deos sind vor einigen Jahren in den Verdacht geraten, das Brustkrebsrisiko zu erhöhen und die Entwicklung von Morbus Alzheimer zu fördern. Bis heute gibt es jedoch keine sicheren Belege dafür, dass topisch verwendete Aluminiumsalze gesundheitsschädlich sind. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt sicherheitshalber, die Produkte nicht auf frisch rasierter oder geschädigter Haut anzuwenden.

Auch natürliche und synthetische Gerbstoffe wirken, indem sie über eine Eiweißfällung die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen verschließen. Der entstehende Pfropf wird mit der natürlichen Abschilferung der Hornzellen wieder beseitigt. Gerbstoffpräparate sind in der Regel besser verträglich als Aluminiumsalze, wirken aber im Vergleich schwächer und kürzer.

Schweißproduktion unterbinden

Vor allem für die Behandlung einer fokalen Hyperhidrose an Handflächen oder Fußsohlen hat sich die Leitungswasser-Iontophorese als nebenwirkungsarme und effektive Methode etabliert. Dabei werden Hände oder Füße in ein Wasserbad getaucht oder mit feuchten Elektroden versehen. Für die Behandlung unter den Achseln und im Gesicht gibt es spezielle Schwämme und Masken. Während der Anwendung werden definierte Ströme durch die Hautareale geleitet. Wahrscheinlich beeinträchtigt der Strom den Ionentransport in den Schweißdrüsen und drosselt so die Schweißproduktion.

Die Therapie ist relativ zeitaufwendig: Zu Beginn erfolgt sie mindestens drei- bis viermal wöchentlich und dauert jeweils 10 bis 15 Minuten. In der Erhaltungsphase reichen meist ein bis zwei Anwendungen pro Woche aus. Der Erfolg hält meist nur so lange an, wie die Anwendung regelmäßig erfolgt. Nach einer Schulung kann der Patient die Iontophorese selbst durchführen. Die Kosten eines Heimgeräts übernimmt üblicherweise die Krankenkasse.

Eine weitere Therapie bei fokaler Hyperhidrose ist die Injektion von Botulinumtoxin A in die Haut. Diese Behandlung zählt zu den effektivsten Methoden. Das Toxin hemmt die Freisetzung von Acetylcholin aus den Synapsen an den Schweißdrüsen und unterdrückt damit den Nervenimpuls.

Um eine effektive Hemmung der Schweißproduktion zu erreichen, muss Botulinumtoxin A in Abständen von ein bis eineinhalb Zentimetern gespritzt werden. Pro Achselhöhle sind etwa acht bis zwölf Injektionen nötig. Zugelassen ist Botulinumtoxin A für die Behandlung in Achselhöhlen. Off-label wird es auch zur Anwendung an Hand- und Fußsohlen mit gutem Erfolg eingesetzt. Die Wirkung hält meist sechs bis sieben Monate an. Dann kann die Behandlung wiederholt werden.

Bei der generalisierten Hyperhidrose sind anticholinerge Medikamente die Mittel der Wahl. Oral angewendet werden Bornaprin und Methantheliniumbromid. Der Einsatz der Substanzen erfolgt allerdings immer nur vorübergehend, um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten.

Eine Empfehlung für die Selbstmedikation bei milder generalisierter Hyperhidrose ist Salbeitee oder -extrakt. Die Anwendung von Zubereitungen aus Salvia officinalis bei vermehrter Schweißsekretion geht auf eine lange Tradition zurück. Die Leitlinien beurteilen Salbei-Zubereitungen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit allerdings kritisch. Des Weiteren gibt es Erfahrungen mit Psychopharmaka, Tranquilizern, Sedativa und Betablockern in der Behandlung der Hyperhidrose. Sie stehen als Therapieoptionen zur Verfügung, wenn andere Maßnahmen nicht genügen. Zudem können Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder eine Psychotherapie zum Abbau von Stressfaktoren wichtige Bausteine der Therapie sein.

Wenn die genannten Behandlungsformen keinen befriedigenden Therapieerfolg bringen, kann es mit einem chirurgischen Eingriff gelingen, die Hyperhidrose zu beherrschen. Dabei werden Schweißdrüsen abgetragen oder Ganglien entfernt. Weniger gut belegt sind die Effekte von Radiofrequenz, Mikrowellen und fokussiertem Ultraschall.

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