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Mineralstoff mit vielen Wirkungen

Selen: Zünder für die Schilddrüse – und die Spermien

Das Spurenelement Selen hilft der Schilddrüse auf die Sprünge, schützt vor Zellschädigungen durch freie Radikale und ist außerdem als Baustein von Spermien wichtig für die Fruchtbarkeit des Mannes. Ebenfalls ungewöhnlich: Eine Überversorgung äußert sich durch Knoblauchgeruch der Atemluft.
Kerstin Pohl
30.06.2021  08:30 Uhr

Aufgaben und Funktionen

Das Spurenelement Selen kommt in der unbelebten Natur anorganisch als Selenat und Selenit, in der belebten Natur - und somit auch in pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln - in organischer Form als Selenomethion und Seleoncystein vor. Als essenzielles Spurenelement wird es in der organischen Form im menschlichen Körper unter anderem im Muskel gespeichert.

Selen ist ein notwendiger Cofaktor für die sogenannten Selenoproteine, von denen über 20 bekannt sind. Manche sind gewebsspezifisch, so zum Beispiel die in den Hoden, während andere in allen Zellen zu finden sind, allerdings in unterschiedlichen Konzentrationen.

Bisher sind noch nicht alle Funktionen, die Selen im Organismus entfaltet, gänzlich bekannt und aufgeklärt. Sicher aber ist, dass Selen als Bestandteil vieler Proteine und Enzyme an zahlreichen Reaktionen im menschlichen Organismus beteiligt ist. Unter anderem auch maßgeblich am Stoffwechsel der Schilddrüse. Hier aktiviert es das Schilddrüsenhormon Thyroxin (T4) als Prohormon von Trijodthyronin (T3).

Als Baustein von Spermien ist Selen außerdem wichtig für den Erhalt der Fruchtbarkeit des Mannes. Bei einem Selenmangel ist die Spermienbildung gestört. Darüber hinaus schützt das Spurenelement den Organismus vor oxidativen Schäden durch Radikale.

Die Resorption von Selen erfolgt überwiegend in den oberen Dünndarmabschnitten. Der Mechanismus der intestinalen Resorption ist sehr komplex und letztlich noch nicht genau erforscht. Während die anorganischen Selenverbindungen nur zu 50 bis 60 Prozent resorbiert werden, weisen die organischen Verbindungen eine Resorptionsquote von 80 bis nahezu 100 Prozent auf.

Wie viel braucht der Mensch?

Auch der exakte Bedarf an Selen ist nicht bekannt. Die Referenzwerte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) liegen in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht bei 10 µg bis 70 µg Selen am Tag. Für Schwangere gibt es keinen erhöhten Referenzwert. Der Grund: Der zusätzliche Selenbedarf für Schwangere ist so gering, dass keine erhöhte Zufuhr notwendig ist. Anders sieht es hingegen für Stillende aus: Hier werden 75 µg Selen am Tag empfohlen, 15 µg mehr als für Nicht-Schwangere, um die Abgabe mit der Muttermilch auszugleichen.

Alter µg/Tag
Säuglinge
0 bis unter 4 Monate 10
4 bis unter 12 Monate 15
Kinder und Jugendliche
1 bis unter 4 Jahre 15
4 bis unter 7 Jahre 20
7 bis unter 10 Jahre 30
10 bis unter 13 Jahre 45
13 bis unter 15 Jahre 60
15 bis unter 19 Jahre m: 70 | w: 60
Erwachsene
19 bis unter 25 Jahre m: 70 | w: 60
25 bis unter 51 Jahre m: 70 | w: 60
51 bis unter 65 Jahre m: 70 | w: 60
65 Jahre und älter m: 70 | w: 60
Schwangere 60
Stillende 75
Schätzwerte für eine angemessene Zufuhr von Selen | Quelle: DGE

Woran erkennt man einen Mangel?

In Europa ist das Risiko für einen starken Selenmangel nur bei Krankheiten gegeben, bei denen das Spurenelement nicht gut verwertet wird oder in größeren Mengen verloren geht wie beispielsweise bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Niereninsuffizienz oder chronischer Dialyse.

Symptome eines Selenmangels sind zunächst weiße Flecken auf den Nägeln, dünne Haare und Haarausfall. Bei einem länger andauernden Mangel ist das Immunsystem beeinträchtigt, die Muskeln sind geschwächt und in ihrer Funktion beeinträchtigt und bei Männern ist die Spermienbildung und somit auch die Fruchtbarkeit gestört.

Ein Selendefizit, ausgelöst durch eine mangelhafte Ernährung, tritt nur in bestimmten ländlichen Gebieten, wie zum Beispiel in den Höhenlagen Zentralafrikas und Asiens auf. Dabei werden täglich nur circa 10 µg Selen aufgenommen. In China wird als Folge eines Mangels die Keshan-Krankheit beschrieben, eine Erkrankung des Herzmuskels, die besonders Kinder und junge Frauen trifft. Eine weitere Selen-Mangelerkrankung, die in China und Korea auftritt, ist die Kashin-Beck-Krankheit, unter der gleichermaßen vor allem Kinder leiden. Die Erkrankung zeigt sich in degenerativen Gelenkveränderungen und verringertem Knochenwachstum.

Wer gehört zu einer Risikogruppe?

Ein Selenmangel kann beobachtet werden bei Personen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Auch bei einer langfristigen parenteralen Ernährung, einer Niereninsuffizienz und bei Dialysepatienten ist ein Selenmangel möglich.

Das trifft auch auf Vegetarier zu, vor allem Veganer, die auf tierische Lebensmittel verzichten, die eine sichere Selenquelle darstellen.

Alkoholiker sind ebenfalls häufig von einem Selenmangel betroffen.

 

Wie kommt es in den Körper?

Selen ist in sehr vielen Lebensmitteln zu finden und eine ausreichende Versorgung ist mit einer vollwertigen Ernährung deshalb kein Problem. Die Versorgungslage bezüglich Selen in Deutschland ist gut.

Der Selengehalt in Pflanzen ist abhängig vom Selengehalt der Böden, der je nach Region sehr unterschiedlich sein kann. In Europa sind die Böden eher selenarm, im Gegensatz zu den USA, wo Getreidepflanzen und -produkte gute Selenlieferanten sind.

Trotzdem gibt es Pflanzen, die Selen in größeren Mengen speichern. Dazu zählen vor allem Paranüsse. Doch hier ist Vorsicht geboten: die Nüsse speichern radioaktives Radium. Um eine Belastung des Körpers mit übermäßigen Strahlendosen zu vermeiden empfiehlt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) maximal zwei Paranüsse am Tag zu verzehren. Das ist zwar nicht viel, leistet aber trotzdem ein Beitrag zur Selenversorgung.

Auch Kohlsorten wie Brokkoli und Weißkohl sind gute Selenlieferanten, ebenso Zwiebelgemüse (Knoblauch, Zwiebeln). Zudem sind Pilze, Spargel und Hülsenfrüchte (Linsen) empfehlenswert.

Seit 1992 erlaubt die EU die Anreicherung von Selen im Tierfutter (bis zu 500 µg pro Kilogramm Futter in Form von Selenit oder Selenat). Deshalb sind Fleisch, Fisch (besonders Thunfisch und Sardinen) und Eier gute tierische Selenquellen.

Lebensmittelauswahl µg je 100 g
Thunfisch, roh 82
Rotbarsch, roh 44
Schweineschnitzel 14
Kalbsleber 22
Paranüsse 103
Steinpilz, roh 187
Hühnerei 10
Quelle: Die große GU Nährwert Kalorien Tabelle, Ausgabe 2020/21

Achtung, Wechselwirkung!

Diskutiert wird eine Minderung der Selenresorption nicht nur durch Alkohol, sondern auch durch Antazida, Laxantien, Zytostatika und Vitamin C. Der Selenserumspiegel soll eine Minderung unter anderem auch durch Corticoide, Diuretika oder Valproinsäure erfahren.

Falsch dosiert, was nun?

Bei einer überhöhten Zufuhr kann eine Selenose auftreten, deren Symptome allerdings reversibel sind. In den USA (South Dakota) konnten trotz einer chronisch stark erhöhten Selenaufnahme von täglich 700 µg bis 800 µg keine Krankheitssymptome beobachtet werden.

Erste Anzeichen einer Überdosierung sind zunächst unspezifisch und äußern sich in Übelkeit, Durchfall und Bauchschmerzen. Neurologische Störungen, Müdigkeit und Gelenkschmerzen, Haarverlust und eine gestörte Nagelbildung treten auf. Ein typisches erstes Symptom ist der nach Knoblauch riechende Atem.

Eine Überversorgung an Selen führt zu einer Leberzirrhose und Haarausfall. Eine Herzmuskelschwäche kann ebenfalls auftreten.

Eine akute Vergiftung durch mehrere Gramm Selen ist extrem selten und führt zu Herzversagen, Kammerflimmern und sogar zum Tod.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gibt 300 µg Selen pro Tag als tolerierbare Größe für Erwachsene an. Für Kinder und Jugendliche von 1 bis 17 Jahren gelten in Abhängigkeit vom Körpergewicht Werte von 60 µg bis 250 µg Selen pro Tag als verträglich.

Nahrungsergänzungsmittel dürfen maximal 200 µg Selen in der Tagesdosis enthalten und bei einer vorschriftsmäßigen Einnahme sind keine negativen Effekte zu befürchten. In solchen Präparaten ist Selen als anorganische Verbindung und als Selenomethionin enthalten.

Gut zu wissen …

Selen soll einen Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen bieten. Auch in Zusammenhang mit Krebserkrankungen soll das Spurenelement das Erkrankungsrisiko bei Darm-, Lungen- und Prostatakrebs senken. Für diese protektiven Wirkungen gibt es bislang aber noch keine eindeutigen Studiennachweise.

Zwischen der Selenversorgung und der Knochendichte konnte aber in Studien ein positiver Zusammenhang festgestellt werden.

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