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Demenzpflege

Sinne als Schlüssel zur Erinnerung

Ein besonderer Geruch aus Kindheitstagen kann innerhalb von Sekunden lebhafte und ausgeprägte Erinnerungen wecken. Ein häufig gehörtes Lied kann längst vergessene Gefühle wachrufen. Die menschlichen Sinne sind eng mit Erinnerungen und intensiven Emotionen verknüpft. Eine Tatsache, die in der Betreuung von Demenzkranken gezielt genutzt werden kann.
Carina Steyer
05.04.2019
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Bei Demenzerkrankungen gehen Nervenzellen und deren Verknüpfungen untereinander (Synapsen) im Gehirn verloren. Das wirkt sich auf die Gedächtnisleistung, das Denkvermögen, die Sprache, praktische Alltagsfähigkeiten und die emotionale Kontrolle aus. Nach und nach gehen Erinnerungen verloren, die Identität des Betroffenen schwindet im Verlauf der Erkrankung immer mehr. Anders als die kognitiven Fähigkeiten, bleibt die sinnliche Wahrnehmung bis ins Endstadium der Erkrankung erhalten. Gerüche, Lieder, Bilder und Geschmäcker können noch lange Erinnerungen wecken, positive Emotionen auslösen und werden im Verlauf der Demenz zum wichtigsten Halt- und Orientierungsgeber.

Musik weckt autobiografische Erinnerungen und macht glücklich. Das konnten Wissenschaftler des Center for Mind and Brain der University of California nachweisen, indem sie Probanden eine Vielzahl unterschiedlicher Musikstücke vorspielten und die damit verbundenen Erinnerungen und Emotionen der Testhörer erfassten. Im Durchschnitt waren es 30 Prozent der Lieder, die eine autobiographische Erinnerung hervorriefen. Die Mehrheit der Stücke weckte zudem positive Emotionen, die oft sehr stark ausgeprägt waren.

Musik regt zahlreiche unterschiedliche Bereiche des Gehirns an. Neben dem Hörzentrum sind dabei Areale für das räumliche Denken, das Sprechen, das Sehen und das Riechen aktiv. Das limbische System, der Teil des Gehirns, der Emotionen verarbeitet, ist involviert, und der Hormonhaushalt reagiert. Glücks- und Bindungshormone werden ausgeschüttet.

Eine besondere Verbindung besteht zwischen Gerüchen und Erinnerungen. So kann ein bestimmter Duft in Sekundenschnelle lang zurückliegende oder längst vergessene Erinnerungen und Emotionen in einer derartigen Intensität wecken, dass es scheint, als wäre das Erlebte gerade erst gestern gewesen. Wissenschaftler sprechen vom sogenannten »Proust-Effekt«, der bis heute nicht endgültig aufgeklärt ist.

Sie vermuten, dass die »Macht der Gerüche« eng mit dem Weg verknüpft ist, den Geruchsinformationen im Gehirn durchlaufen. Anders als bei den übrigen Sinneswahrnehmungen führen die Nervenpfade von der Nase direkt zum Hippocampus, der Schaltstelle zum Langzeitgedächtnis. Vor allem Gerüche der Kindheit werden besonders intensiv abgespeichert. Damit bleiben frühe und unter Umständen für das Überleben notwendige Geruchserinnerungen, wie zum Beispiel die eines verdorbenen Nahrungsmittels, für das spätere Leben erhalten.

Sinne anregen

Die Sinne gezielt anzuregen, nimmt heute einen hohen Stellenwert in der Pflege von Demenzkranken ein. Die Möglichkeiten sind vielfältig und richten sich in erster Linie nach dem Gesundheitszustand und den Bedürfnissen der Betroffenen. Es wird gebacken, gemalt, gebastelt und dekoriert. Das gemeinsame Singen von Liedern funktioniert auch noch, wenn die Titel und Komponisten der Stücke schon längst vergessen wurden. Und ehemals begeisterte Tänzer schwingen manchmal sogar noch das Tanzbein und erinnern sich dabei wieder an jeden einzelnen Tanzschritt. An viele Demenzstationen grenzen sogenannte Gerontogärten an, die den Lebensraum erweitern. Die Bewohner können sie allein aufsuchen, ohne sich zu verirren, denn die Wege sind kreisförmig angelegt. Beschäftigung bietet hier auch das Gärtnern. Blätter zupfen, Blüten sammeln, in der Erde graben, aktiviert nicht nur die Sinne, sondern vermittelt Ruhe, Orientierung, Beschäftigung und Geborgenheit.

Gerade zu Beginn der Erkrankung ist es wichtig, aktiv zu bleiben. Eine Möglichkeit dazu bieten Museen, die Führungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörige anbieten. Dabei stehen Bilder im Mittelpunkt, zu denen Demenzkranke eine Verbindung aufbauen können wie zum Beispiel Familienszenen oder Stadtansichten. Anders als bei normalen Führungen wird jedoch kein kunsthistorisches Wissen vermittelt. Vielmehr sollen die Kunstwerke emotional erlebt werden und einen Dialog in Gang setzen, der Erinnerungen und Gefühle weckt . Einige Museen ermöglichen Angehörigen, gemeinsam mit dem Erkrankten kreativ zu werden und ein Kunstwerk zu erschaffen. Die Projekte dienen dazu die Lebensqualität sowohl der Betroffenen als auch der Angehörigen zu verbessern. Demenzerkrankte bescheren die Aktivitäten Erfolgserlebnisse. Sie erleben im gemeinsamen Schaffen etwas Schönes, das mit dem Kunstwerk im Alltag weiter wirkt. Hier regt es auch im Nachhinein noch die Erinnerungen an. Selbstwirksamkeit können Demenzkranke auch bei einem der Bauernhof-Projekte in Schleswig-Holstein erfahren. Hier versorgen sie Tiere, helfen bei der Ernte oder nehmen einfach nur bekannte Gerüche und Geräusche wahr.

Die Bauernhof-Projekte entstanden aus einer Kooperation zwischen der Landwirtschaftskammer und dem Kompetenzzentrum Demenz. Sie richten sich in erster Linie an Demenzkranke, die auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, dort gearbeitet oder gelebt haben. Ihnen können die bekannten bäuerlichen Strukturen helfen, Erinnerungen zu wecken und Ressourcen zu stärken. Eine Übersicht über die teilnehmenden Höfe finden Interessierte auf der Website des Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein.

Basale Stimulation

Im Endstadium einer Demenzerkrankung werden die Betroffenen bettlägerig. Sie verlieren zunehmend die Kontrolle über ihre Körperfunktionen, und die verbale Kommunikation erlischt oft zur Gänze. Gleichzeitig leiden viele Patienten an einer Reizarmut, die dazu führt, dass sie ihre Umgebung und sich selbst kaum noch wahrnehmen. Eine typische Reaktion darauf ist die Autostimulation. Betroffene nesteln permanent an der Bettdecke oder reiben und kratzen ihre Haut. Abhilfe schaffen sanfte Berührungen beim Waschen, bequeme Lagerung oder angenehme Kleidung. Gleichzeitig können Materialien, mit denen der Betroffene früher häufig in Berührung kam, dessen Tastsinn aktivieren. Das Betasten von Holz, Blättern oder Wolle, vermittelt vielen Patienten ein angenehmes Gefühl. Alle Maßnahmen dienen der sogenannten basalen Stimulation, ein Konzept, das Reizarmut bei bettlägerigen Patienten vorbeugen soll. Bei Demenzkranken bedeutet das, die Krankenzimmer werden auf die aktuellen Bedürfnisse des Patienten ausgerichtet.

Dabei orientieren sich die Maßnahmen an der Biografie der Betroffenen. So werden Bilder von geliebten Menschen oder der alten Heimat nicht wahllos an Wänden aufgehängt, sondern direkt in die Sichtachse des Demenzkranken platziert und zwar so nah, dass er sie gut erkennen kann. Damit der Reiz nicht zur Gewohnheit wird, werden die Bilder regelmäßig ausgetauscht. Noch mehr Abwechslung bietet es, Fotos oder Teile des Lieblingsfilms an die Wand oder Decke zu projizieren. Weitere optische Anreize schaffen Lichterketten, Snoezelen-Projektoren, Mobiles oder Windspiele. Ein noch vorhandener Geruchssinn kann die Gefühlswelt positiv beeinflussen. Der Geruch des jahrzehntelang gegessenen Sonntagskuchens zaubert vielen Menschen ein glückliches Lächeln ins Gesicht. Und auch Musik spielt in der Endphase einer Demenzerkrankung eine wichtige Rolle. So konnten Musiktherapeuten der Fachhochschule Frankfurt am Main zeigen, dass sich die nonverbale Kommunikationsfähigkeit, das Wohlbefinden und der emotionale Ausdruck von Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz durch Musiktherapie signifikant verbessert.

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