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Hashimoto-Thyreoiditis

So kann Abnehmen gelingen

Viele Patienten mit einer Hashimoto-Thyreoiditis tun sich trotz gut eingestellter Schilddrüsenwerte mit dem Abnehmen schwer. Die Ärztin Dr. Simone Koch hat ein Zehn-Wochen-Programm entwickelt, das Betroffene dabei unterstützen soll.
Judith Schmitz
22.06.2022  08:30 Uhr

Die Hashimoto-Thyreoiditis, kurz Hashimoto, ist eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Betroffen sind, je nach Quelle, etwa 3 bis 10 Prozent der Bevölkerung, Frauen deutlich häufiger als Männer. Das Erkrankungsalter beziehungsweise das Alter der Diagnosestellung liegt zwischen 30 und 50 Jahren.

Bei Hashimoto bildet der Körper Antikörper gegen Proteine der Schilddrüse. Damit löst er eine chronische Entzündung aus und letztlich die allmähliche Zerstörung des eigenen Schilddrüsengewebes. Kurzfristig können die Betroffenen Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion zeigen, weil die Follikelzellen der Schilddrüse bei ihrer Zerstörung große Mengen der von ihnen gebildeten Hormone freisetzen: das aktive Trijodthyronin (T3) und seine Speicherform, Tetrajodthyronin (T4), auch Thyroxin genannt. Langfristig kann die Schilddrüse bei einem Hashimoto aber die katabolen Hormone T3 und T4, die den Stoffwechsel anheizen und dabei zahlreiche Körperfunktionen beeinflussen, nicht mehr produzieren. Eine Schilddrüsenunterfunktion entsteht.

Der Krankheitsprozess ist schleichend. Da die entzündlichen Veränderungen schmerzfrei verlaufen, bemerken viele Betroffene sie nicht direkt, die Erkrankung bleibt anfangs häufig unerkannt. Manche Betroffene verspüren Halsschmerzen oder ein Missempfinden im Hals und Rachen. Meist kommt es dann in der Unterfunktion durch Abfall der Schilddrüsenhormonkonzentration zu ganz unterschiedlichen Symptomen wie Gewichtszunahme, Müdigkeit, Erschöpfung, Haarausfall oder Ödemen. Auch Schlafstörungen, Angst, Muskel- und Gelenkschmerzen, Depressionen, Zyklusstörungen, unzureichendes Liebesempfinden und Antriebsschwäche können auftreten. In selteneren Fällen führt die Hashimoto-Thyreoiditis zu einer Vergrößerung der Schilddrüse (Struma). Dann kann die Schilddrüse beziehungsweise ein Teil von ihr entfernt werden. Wie genau die Hashimoto-Autoimmunerkrankung entsteht, ist nicht bekannt. Als ursächlich werden einige Faktoren diskutiert, etwa Genetik, Viren, Stress, Rauchen und die Ernährung.

Hormonersatz

Klassischerweise bekommen die Betroffenen Tabletten mit dem künstlichen Hormon Levothyroxin. Es dient als Ersatz des körpereigenen, nicht mehr oder nur unzureichend vorhandenen T4. In der Leber wird Levothyroxin in das stoffwechselaktivere T3 umgewandelt. Bei manchen Hashimoto-Betroffenen funktioniert diese Umwandlung jedoch nicht. Sie bräuchten als Medikament direkt das aktive Trijodthyronin, wie die Ärztin Dr. Simone Koch aus Berlin gegenüber PTA-Forum sagt.

In Deutschland sind Kombinationspräparate mit dem Verhältnis 5:1 und 10:1 (T4:T3) erhältlich. Eine gesunde Schilddrüse stellt die Hormone allerdings im Verhältnis 14:1 her. Das bedeutet, dass der Anteil an T3 (auch Liothyronin) im Medikament höher ist als im natürlichen Stoffwechselprozess. Hinzu kommt die unterschiedliche Abbauzeit der Hormone. Während T4 etwa eine Woche im Körper verbleibt, ist T3 bereits nach einigen Stunden abgebaut. Es muss deshalb in kürzeren Abständen eingenommen werden.

Gelingt die Einstellung mit dem Kombipräparat nicht, stellt ein reines T3-Präparat eine Alternative dar. Dabei sind bereits geringe Dosierungen ausreichend. Bei der Überprüfung im Labor können bei den genannten Therapieformen erhöhte T3-Werte auftreten. TSH und T4 sollten aber im Normalbereich liegen. Treten keine Beschwerden auf, sind die leicht erhöhten T3-Werte tolerabel und zeigen keine zu hohe Gesamtversorgung mit Schilddrüsenhormonen an.

Gemäß Medizinerin Koch zeigen Studien, dass nur 70 Prozent der Hashimoto-Betroffenen durch die Substitutionstherapie mit Levothyroxin beschwerdefrei sind. Im Laufe der Behandlung brauchen sie immer höhere Dosen, da immer mehr Gewebe zerstört wird. Die restlichen 30 Prozent hätten einen schweren Leidensweg hinter und vor sich und damit eine verminderte Lebensqualität, sagt Koch, die sich in ihrer Privatpraxis in Berlin unter anderem auf Autoimmunerkrankungen und hormonelle Dysbalancen spezialisiert hat.

Eine Heilung der Hashimoto-Thyreoiditis ist nicht möglich, und der Zerstörungsprozess der Schilddrüse wird mit der Hormongabe nicht gestoppt. Zudem ist es für viele Betroffene psychisch belastend, trotz Diät bei gleichzeitig guter Einstellung der Schilddrüsenhormone nicht abzunehmen oder das reduzierte Körpergewicht nicht dauerhaft zu halten.

Koch weiß: Übergewicht und die damit verbundenen Entzündungsprozesse befeuern den Hashimoto noch zusätzlich. Sie war selbst jahrelang nichtsahnend an einer Hashimoto-Thyreoiditis erkrankt. Während der Medizinvorlesungen einzuschlafen und eine zügige Zunahme des Körpergewichtes in Diätpausen waren früher für sie normal.

Nach ihrem ersten Krankheitsschub mit Mitte 20, gekennzeichnet durch Schlafstörungen und Erschöpfung, diagnostizierte sie die Krankheit bei sich selbst und nahm fortan ein Schilddrüsenmedikament. Als sie in einem Schub innerhalb von drei Monaten trotz gesunder Ernährung und Medikation 30 Kilogramm zunahm, oft an Infekten erkrankte, müde und erschöpft war, entschied sie, das Problem auch auf nicht-medikamentösem Weg anzugehen.

Daraufhin entwickelte Koch ein, wie sie sagt, auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand basierendes Ernährungsprogramm, das ihr half, trotz Hashimoto Gewicht zu verlieren und vor allem zu halten. Ein weiterer Bonus: Die Ärztin kam wieder zu Kräften und ihre Stimmung verbesserte sich. Das Programm stellt Koch im Buch »Schlank und voller Energie bei Hashimoto« vor.

Unverträglichkeiten verursachen Entzündungen

»Neben einer Schilddrüsenunterfunktion können Allergien und Unverträglichkeiten von Lebensmitteln das Abnehmen schwer machen, denn auch sie verursachen eine ständige Entzündungslage im Körper«, erklärt Koch. Chronische Entzündungen im Körper, die neben einem Hashimoto auch bei anderen Erkrankungen wie Asthma oder einer Arthritis vorkommen können, könnten zudem zu einer Insulinresistenz führen. Die Zellen sprechen dann schlechter auf Insulin an, was zu mehr Appetit und einem verminderten Sättigungsgefühl führen kann.

Kochs Ernährungsprogramm startet mit einer Fastenphase. Ziel ist es, den Insulinspiegel im Blut möglichst zu normalisieren und dem Körper so das Abnehmen zu erleichtern. Daran schließt eine Eliminationsdiät an. Mit ihrer Hilfe können Hashimoto-Betroffene herausfinden, welche Nahrungsmittel sie nicht vertragen.

Dabei lässt man zunächst alles weg, was potenziell problematisch ist. Menschen mit Hashimoto leiden laut Koch häufiger an Fructose-, Lactose- und Sorbit-Unverträglichkeiten als Gesunde. Nach und nach isst der Patient die kritischen Lebensmittel dann wieder. Vertrage der Körper das Lebensmittel nicht, weil es Entzündungsreaktionen auslöse, bei denen die Bildung von entzündlichen Zytokinen angestoßen werde, reagiere er mit Wassereinlagerungen. Das Körpergewicht steigt plötzlich drastisch. Auf dieses Lebensmittel sollte man dann möglichst verzichten.

Die eigentliche Gewichtsabnahme erfolgt in der Fettverbrennungsphase, für die Koch eine Auswahl an Rezepten zusammengestellt hat. Wer 10 Prozent seines Körpergewichtes verloren hat, sollte erst einmal mit der Gewichtsabnahme pausieren und versuchen, sein neues Gewicht zu halten. Hashimoto-Betroffene sollten sich aber auch klarmachen, dass sie aufgrund ihres Stoffwechsels vermutlich nie so viel essen können, wie sie gern möchten, so Koch. Zur Unterstützung der Fettverbrennung und des Muskelaufbaus empfiehlt die Ärztin Ausdauer- und Kraftsport.

Für die Eliminationsdiät brauche man keine ärztliche Begleitung, so Koch. Bei jedem verlorenen zehnten Kilo sollte man aber seine Schilddrüsenwerte ärztlich überprüfen lassen. Gegebenenfalls muss die Medikation angepasst werden, um nicht in eine Schilddrüsenüberfunktion zu kommen.

Koch empfiehlt darüber hinaus, weitere mögliche Entzündungstrigger herauszufinden und auszuschalten. Dazu zählen neben einigen Lebensmitteln wie tierische Fette etwa zu viel künstliches Licht, Schwermetalle, Stress (auch Beziehungsstress), schlechter und zu wenig Schlaf, fehlende Pausen und Bewegungsmangel.

»Ich konnte mit diesem Programm gut abnehmen und halte seit sechs Jahren mein Idealgewicht«, schildert Koch. Ihre Schilddrüse ist in Remission, sie ist aktuell symptomfrei. Schilddrüsenmedikamente braucht sie derzeit keine mehr. Damit das so bleibt, sei es wichtig, achtsam am Ball zu bleiben.

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