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Insekten

Soforthilfe gegen Stiche

Jetzt fliegen sie wieder, und der Beginn der warmen Jahreszeit kommt einem Stichtag für allerlei Kleingetier wie Mücken, Bremsen, Bienen und Wespen gleich. Dann heißt es auch als Nichtallergiker schnell handeln, um das Ausmaß der Attacke möglichst klein zu halten. Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen können PTA und Apotheker ihren Kunden empfehlen?
Elke Wolf
19.06.2019
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Wespen und Bienen spritzen Gift, Mücken nicht. Das ist der Grund, warum die auf einen Mückenstich folgende Hautreaktion gewöhnlich im Rahmen bleibt. Neben einem Lokalanästhetikum – so bleibt der eigentliche Einstich fast unbemerkt – enthält das Speichelsekret der Stechmücke Proteine, die zu einer Sofortreaktion führen, bei der innerhalb von Minuten Histamin ausgeschüttet wird. Diese lokal begrenzte allergische Reaktion ist sowohl für den Juckreiz als auch für die Schwellung und die einsetzende Rötung verantwortlich.

Mitunter zeigt so mancher Gestochener auch ohne allergische Vorgeschichte eine verhältnismäßig heftige Reaktion. Die Stelle schwillt stark an, wird feuerrot, glüht und schmerzt und heilt auch nicht komplikationslos ab. Es existieren mehrere Theorien, was hinter diesen heftigen Reaktionen stecken könnte.

Wissenschaftler glauben, dass vor allem in ländlichen Regionen, wo die Mücken mehr Kontakt mit tierischen Ausscheidungen haben, Keime über die Insekten in die Wunde gelangen können. Möglicherweise spielen auch Schadstoffe im Mückenspeichel eine Rolle: Befinden sich darin beispielsweise Insektizide, gegen die die Blutsauger mittlerweile resistent sind, könnte das verstärkt entzündliche Reaktionen auslösen.

Waren exotische Mücken, deren Anzahl auch hierzulande immer größer wird, für den Stich verantwortlich, ist das Risiko für unverhältnismäßig dicke Quaddeln ebenfalls erhöht. Die Speichelzusammensetzung der fremden Moskitos ist für unser Immunsystem meist noch unbekannt, der Körper reagiert darauf mit heftigeren Reaktionen.

Stich mit Gift

Bienen und Wespen drücken dagegen beim Stechen Gift in die Wunde. Die Stelle schmerzt anschließend stark und ist mitunter massiv geschwollen. Das Ausmaß ist dabei abhängig von der Einstichstelle und der Menge des Gifts, die Reaktion kann also sehr unterschiedlich ausfallen.

Meist ist der schmerzhafte Stich nach ein paar Tagen vergessen. Gefährlich wird es jedoch, wenn die Insekten im Mund, auf der Zunge oder im Hals- und Schläfenbereich zugeschlagen haben. Um lebensbedrohliche Schwellungen auch ohne allergische Vorgeschichte zu verhindern, sollten Betroffene die Stelle sofort mit Eiswürfeln kühlen (lutschen!) und einen Arzt rufen. Auch bei Massenstichen, zum Beispiel durch einen Bienenschwarm, ist ein Arzt zurate zu ziehen. Gleiches gilt, wenn es Säuglinge oder Kleinkinder getroffen hat, wenn die Haut um den Einstich stark anschwillt, wenn der Stich eitert oder die Lymphknoten beginnen, anzuschwellen.

Je schneller man nach einem Stich handelt, desto weniger Malheur hat man damit. Ist ein Stachel in der Haut zu sehen, hat eine Biene ihr Unwesen getrieben und den Stich mit dem Leben bezahlt. Wespen behalten dagegen ihren Stachel. Hummeln, von Natur aus friedliebender als Wespen, sind dagegen nicht in der Lage, ihren Stachel aktiv durch die menschliche Haut zu rammen. Der Stich entsteht durch die Wucht des Aufpralls, wenn eine Hummel mit dem Stachel voran auf die Haut trifft. Etwa wenn man auf eine Hummel tritt, kann der Stachel die Haut durchdringen. Im Gegensatz zu Bienen bleibt der Stachel einer Hummel aber nicht in der Haut stecken, da er keine Widerhaken besitzt.

Kühlen statt kratzen

Betroffene sollten einen Stachel sofort mit einer Pinzette entfernen, ohne dabei die giftgefüllte Blase zu quetschen, die am Stachel hängt. Je schneller, desto besser, weil dann weniger Gift in die Wunde gelangt. Verbleiben Bienenstachel in der Haut, wird noch Minuten später Gift in die Einstichstelle gepumpt. Danach lindern fürs Erste Kühlung und Druck die Schmerzen und verhindern, dass sich die Giftstoffe ausbreiten. Geeignet sind Cold-Packs, die mit einem dünnen Tuch umwickelt werden, Kompressen mit essigsaurer Tonerde oder verdünntem Isopropylalkohol. Auch 10-prozentiger Ammoniak direkt über den Einstich gegeben nimmt die Schwellung. Per Osmose werden die Giftstoffe aus der Wunde gezogen. Eine frisch angeschnittene Zwiebel oder Honig haben den gleichen Effekt.

Alle Insektenstiche haben eines gemeinsam: Geraume Zeit nach dem Einstich fangen sie an, unerträglich zu jucken. Leicht gerät man in einen »Juck-Kratz-Teufelskreis«, was die Beschwerden nur potenziert. Außerdem steigt durch Kratzen die Infektionsgefahr; Bakterien könnten dabei in die Wunde gelangen.

Die lokale Applikation von konzentrierter Wärme (Prinzip der lokalen Hyperthermie) ist eine gute Möglichkeit, Juckreiz und Schmerz zu verhindern. Möglich ist das mithilfe eines elektrischen, stiftförmigen Gerätes (Bite Away®), das direkt nach dem Stich für drei bis fünf Sekunden auf die Haut gedrückt wird. Dabei werden lokal Temperaturen zwischen 50 und 53 °C erzielt, was die Bestandteile des Insektengiftes zersetzen und die Histaminausschüttung unterbinden soll. Die Rettungsschwimmer der DLRG und der Wasserwacht hatten das Gerät vor allem nach Wespenstichen getestet, seitdem ist es bei ihnen im Einsatz.

Antiallergische Gele oder Cremes mit Bamipin (zum Beispiel Soventol®), Dimetinden (Fenistil®), Clemastin (Tavegil®) oder Chlorphenoxamin (Systral®) wirken abschwellend und sind auch für die sofortige Selbstmedikation eines Insektenstichs geeignet. Gelgrundlagen oder Roll-on-Stifte wirken zusätzlich kühlend (wie Autan® Akut Gel oder Fenistil® Kühl Roll-on) – erst recht, wenn man sie im Kühlschrank lagert. Zubereitungen mit 0,25 oder 0,5 Prozent Hydrocortison (wie Systral® Hydrocort, Fenihydrocort®) nehmen die Entzündung, sollten aber nicht bei Kindern unter sechs Jahren zum Einsatz kommen.

Anaphylaxie-Programm

Insektengiftallergiker haben ein Problem: Bei ihnen kann bereits ein einziger Stich lebensbedrohlich werden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sterben in Deutschland jährlich 10 bis 40 Menschen an den Folgen eines anaphylaktischen Schocks. Übrigens: Menschen, die ACE-Hemmer, Betablocker oder Antirheumatika einnehmen, an Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, haben ein erhöhtes Risiko, mit einer starken allergischen Reaktion auf Insektenstiche zu reagieren.

In jedem Fall erhalten Anaphylaxie-gefährdete Betroffene einen Allergiepass mit Empfehlungen zu Sofortmaßnahmen. Patient und Angehörige müssen lernen, wie Notfallmedikamente zu handhaben sind. Zahlen aus dem deutschen Anaphylaxie-Register zeigen jedoch, dass das lebensrettende Adrenalin entweder gar nicht oder zu selten eingesetzt wird. PTA und Apotheker können hier mit ihrer Beratung einen wichtigen Beitrag leisten, damit sich die Patienten im Notfall besser versorgen können.

Das Notfallset sollten die Patienten immer mit sich führen. Wie schnell und in welcher Ausprägung sich eine anaphylaktische Reaktion zeigt, lässt sich nicht vorhersagen. Ein Schock kann sich sekundenschnell, aber auch mit einer Latenzzeit von bis zu 30 Minuten entwickeln. Bei ersten Symptomen wie etwa Kribbeln in den Lippen ist der Notarzt unter 112 zu rufen.

Das Notfallset enthält einen Adrenalin-Autoinjektor, ein orales Antihistaminikum und ein orales Corticosteroid. Die erste Maßnahme im Falle schwerer Reaktionen ist immer die Applikation von Adrenalin mithilfe des Autoinjektors (Autoject®, Fastjekt®, Epipen®, Jext®). Die Injektion erfolgt in die Außenseite des Oberschenkels. Der behandelnde Allergologe oder PTA beziehungsweise Apotheker sollten die Handhabung vorher erklären. Beleibtere Patienten müssen auf einen ausreichend hohen Druck während der Applikation achten. Adrenalin aktiviert die Alpha- und Betarezeptoren, stabilisiert den Kreislauf und erweitert die Bronchien.

Danach sollte der Betroffene das Antihistaminikum (wie Dimetinden in Fenistil® Tropfen) und das Corticosteroid (wie Betamethason in Celestamine® Tropfen N 0,5 liquidum) einnehmen. Beide Arzneimittel sollten im Notfallset in flüssiger Form vorliegen. Tropfen und Lösungen haben im Vergleich zu Tabletten den Vorteil, dass sie auch von Patienten mit Schwellungen im Gesichtsbereich gut geschluckt werden können. Kinder können das Steroid auch in Form eines Zäpfchens bekommen. Im Akutfall sollte etwa die Hälfte der jeweiligen Flasche ausgetrunken werden. Die Antihistaminika gibt man wegen der Hautreaktionen, die mehr als 90 Prozent der Personen entwickeln. Die Corticosteroide stellen eine Art Rezidivprophylaxe und wegen ihres membranstabilisierenden Effekts eine Vorbeugung von Spätreaktionen dar. An der Akutreaktion ändern sie wenig, da die Zeit bis zum Wirkeintritt zu lange dauert.

Zusätzlich kann ein Notfallset auch ein schnell wirksames Beta-2-Mimetikum wie Fenoterol oder Salbutamol als Dosieraerosol (wie Berotec®, Sultanol®) enthalten. Asthmatikern oder Patienten mit asthmatischen Beschwerden helfen zwei bis vier Hübe, die nach fünf Minuten wiederholt werden können. Das Sympathomimetikum wirkt bronchodilatierend und nimmt die Luftnot und das Engegefühl in der Brust.

Alle Patienten, die bereits einmal eine anaphylaktische Reaktion erlitten haben, müssen allergologisch untersucht werden. Nach Abschluss der Diagnostik, die frühestens zwei bis drei Wochen nach dem akuten Ereignis stattfinden sollte, ist besonders bei Insektengiftallergikern eine Hyposensibilisierung zu erwägen. Denn bei diesem Allergietyp erzielt die subkutane oder sublinguale Immuntherapie besonders gute Ergebnisse. Etwa 90 Prozent der Behandelten reagieren nach einer Therapie nicht mehr auf einen erneuten Stich.

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