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Nach Infektion mit SARS-CoV-2

Sportpause einhalten!

Nach einer COVID-19-Infektion kann hohe körperliche Aktivität schaden, denn unter der Infektion leidet auch das Herz, unter Umständen mit fatalen Folgen.
Nicole Schuster
04.02.2021  08:30 Uhr

Wer krank ist, sollte auf Sport verzichten. Das ist den meisten Menschen bekannt und bei körperlicher Schwäche fällt es auch nicht allzu schwer, Ruhe zu halten. Sobald die Infektion aber überstanden ist, wollen leidenschaftliche (Hobby-)Sportler auch wieder trainieren. Nach COVID-19, selbst nach leichten Verläufen, kann das möglicherweise gefährlich werden.

Das liegt an den Besonderheiten von SARS-CoV-2. Die Viren können Entzündungen in den Gefäßen aller Organe auslösen, auch das Herz gehört zu den potenziell betroffenen Strukturen. Wenn Entzündungen abheilen, können fibrotische Veränderungen zurückbleiben. Dabei wird funktionelles Gewebe durch Bindegewebe ersetzt. Dafür müssen die Patienten noch nicht einmal schwer erkrankt sein, wie Untersuchungen aus Frankfurt im Juli 2020 zeigten. »Wir haben an Magnetresonanz-Aufnahmen der Herzen auch von wenig symptomatischen Patienten zumindest teilweise Myokardschäden feststellen können«, berichtet Professor Eike Nagel, Direktor des Instituts für Experimentelle und Translationale Kardiovaskuläre Bildgebung am Universitätsklinikum Frankfurt, im Gespräch mit PTA-Forum. Er und sein Team untersuchten über 100 Freiwillige mit einer überstandenen COVID-19-Erkrankung und berichteten die Ergebnisse im JAMA Cardiology. Die Aufnahmen mit kardialer Magnetresonanztomographie (MRT) hatten die Forscher gut zwei Monate nach dem positiven Corona-Test angefertigt.

Herz häufig befallen

78 der von Nagel und seinem Team untersuchten Probanden zeigten im MRT-Bild Merkmale, die für eine Herzbeteiligung sprechen können. Bei ihnen waren kardiale Veränderungen erkennbar, bei 60 Prozent stellten die Wissenschaftler sogar eine aktive Myokardentzündung fest. 71 Prozent wiesen einen erhöhten Troponinwert auf, ein Marker für Herzschädigungen. Zwei Drittel der ehemaligen COVID-19-Patienten waren nur leicht bis moderat symptomatisch gewesen, 18 sogar völlig symptomfrei. Nur ein Drittel musste im Krankenhaus behandelt werden (DOI: 10.1001/jamacardio.2020.3557).

Verschiedene weitere Studien zeigen ähnliche Ergebnisse: SARS-CoV-2 greift auch das Herz an, was sich in Kardio-MRT-Aufnahmen regelmäßig auch bei Patienten mit einem milden Verlauf zeigt. Es sind unter anderem Auffälligkeiten erkennbar, die auf eine Herzmuskelentzündung schließen lassen. Die klinische Relevanz ist allerdings unklar. Ebenso wenig weiß man mit Sicherheit, ob es sich bei den Befunden um einen direkt durch das Virus versuchten Schaden oder um eine durch den Erreger ausgelöste Immunreaktion handelt.

»Auch, wenn noch weiterer Forschungsbedarf besteht, lässt sich feststellen, dass selbst bei akut leichten Verläufen oder asymptomatischen Infektionen das Herz geschädigt werden kann«, fasst Nagel zusammen. Wenn man sich vor Augen halte, welche Angriffsziele das Virus hat, sei eine starke Herzbeteiligung auch nur folgerichtig. »SARS-Co-V-2 dockt vor allem an ACE-2-Rezeptoren an. Diese Rezeptoren werden in verschiedenen Organen des Körpers, darunter auch im Herz, exprimiert.«

Risiko unklar

Sollten Menschen nach einem positiven Corona-Test jetzt Angst um ihr Herz haben? Der Kardiologe beschwichtigt: »Zum individuellen Risiko können wir auf Grundlage der aktuellen Ergebnisse noch nicht viel sagen. Dazu bräuchten wir Untersuchungen mit längerfristigen Verläufen und besser repräsentativen Kohorten.« So ist bei der Frankfurter Studie zu beachten, dass ein Teil der Probanden mit leichtem akutem Verlauf noch zum Zeitpunkt des MRTs, also Wochen nach der Infektion, über Luftnot geklagt hatte. Zusammen mit dem einen Drittel hospitalisierten Teilnehmern erfüllten somit etwa zwei Drittel der Probanden die Bedingungen für einen schweren beziehungsweise protrahierten Verlauf. Zudem ist zu bedenken, dass sich die Versuchsteilnehmer selbst zum MRT melden konnten. Es ist anzunehmen, dass sich vor allem jene ehemaligen Patienten zur Verfügung gestellt haben, die sich noch nicht völlig genesen fühlten.

Mögliche kardiale Komplikationen völlig zu ignorieren, ist aber auch der falsche Weg. Eine Herzbeteiligung bei COVID-19 ist auch im Einzelfall nicht auszuschließen. Sport auf hohem Leistungsniveau ist bei kardialen Erkrankungen gefährlich. Menschen, die beispielweise eine akute Herzmuskelentzündung haben und sich trotzdem körperlicher Anstrengung aussetzen, weisen ein stark erhöhtes Risiko auf, einen plötzlichen Herzstillstand zu erleiden und an dessen Folgen zu versterben.

Völlig verzichten nicht nötig

Also keinen Sport mehr nach einer COVID-19-Infektion treiben, ohne vorher das »Go« vom Kardiologen bekommen zu haben? Praktisch durchführen lässt sich diese Idee aktuell wohl nicht. Das aussagekräftige MRT-Verfahren ist aufwendig und teuer, wird hier doch das Herz detailgenau in magnetischen Wechselfeldern aufgenommen, es werden Schnittbilder erzeugt und dreidimensional dargestellt. Notwendig sind derzeit routinemäßige Kardio-MRT-Untersuchungen bei allen als genesen geltenden COVID-19-Patienten nach Meinung des Experten auch nicht. Dennoch arbeitet er zusammen mit seinem Team mit Hochdruck an Methoden, das Herz-MRT schnell, einfach durchführbar und damit preiswerter und flächendeckend anbietbar zu machen. Sein Ziel: in naher Zukunft deutlich mehr Menschen mit MRT untersuchen zu können.

Nagels Tipp an jeden, der jetzt nach einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 weiterhin körperlich aktiv sein möchte: »Nach einer Infektion ist es ratsam, einige Monate beim Sport nicht an die Leistungsgrenze zu gehen. Leichtes Training mit einer Herzfrequenz zwischen 110 und 140 Schlägen pro Minute ist in den meisten Fällen vertretbar.« Treten jedoch Beschwerden wie Herzrasen oder Kurzatmigkeit auf, sollten Patienten den Kardiologen aufsuchen.

Wem es nach einem positiven Corona-Test und einem leichten Krankheitsverlauf schwerfällt, sportlich erst mal auf die Bremse zu treten, den kann die PTA ermutigen, dass er nach einigen Monaten Verzicht vermutlich wieder richtig Vollgas geben kann. »Belastet ein Patient hingegen sein Herz zu früh übermäßig, drohen dauerhafte Schäden, die seine körperliche Leistungsfähigkeit irreversibel beeinträchtigen«, warnt Nagel

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