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Liquid Biopsy

Spurensuche im Blut

Biomarker aus Körperflüssigkeiten helfen nicht nur bei der Diagnostik von Krebserkrankungen. Die Liquid Biopsy kann auch dazu beitragen, Transplantatschäden frühzeitig zu erkennen und beim ungeborenen Kind Chromosomen-Störungen festzustellen.
Nicole Schuster
27.05.2021  08:30 Uhr

Je früher Krankheiten erkannt werden, desto besser ist in der Regel die Prognose für die Patienten. Je intensiver die Verlaufskontrolle, desto feiner können Ärzte die Behandlung steuern und gegebenenfalls anpassen. In vielen Fällen sind dafür jedoch bisher belastende Untersuchungen wie Gewebeentnahmen erforderlich. Und Biopsien können mit Komplikationen einhergehen und stellen auch immer nur eine Momentaufnahme dar.

Die sogenannte Liquid Biopsy, auf Deutsch »Flüssigbiopsie«, könnte auf diesem Gebiet in Zukunft neue Möglichkeiten eröffnen. Die Methode basiert darauf, bestimmte Biomarker, vor allem zellfreie DNA (circulating free DNA, cfDNA), die bei der Apoptose oder Nekrose zum Beispiel von Tumorzellen in den Blutstrom freigesetzt wird, zu identifizieren.

DNA aus malignen Zellen lässt sich dadurch erkennen, dass sie tumorassoziierte Mutationen aufweist. Wissenschaftler suchen die durch Liquid Biopsy gewonnene ctDNA (zellfreie Tumor-DNA) nach solchen krebstypischen Veränderungen ab und können dann Aussagen darüber machen, ob Entartungen im Körper vorliegen.

»Die Liquid Biopsy eignet sich hervorragend zur Früherkennung von Rezidiven und zur Verlaufskontrolle und die Methode ist körperlich wenig belastend für die Patienten«, berichtet Professor Dr. Michael Oellerich, Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Klinischer Chemiker sowie medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des LiquidBiopsy-Centers in Göttingen, im Gespräch mit PTA-Forum. Eine Schwäche des Verfahrens ist derzeit noch, dass Rückschlüsse aus gefundener Tumor-DNA auf das befallene Organ im Allgemeinen schwierig sind und Ärzte suchen müssen, wo im Körper der Krebs ist.

Hilfe bei Therapiewahl

Die Flüssigbiopsie kann auch für Therapieentscheidungen herangezogen werden. »Die ctDNA ermöglicht es, ohne einen invasiven Eingriff die Entwicklung von Tumoren zu verfolgen und Patienten zu identifizieren, die für eine bestimmte Therapie infrage kommen«, sagt der Experte. Tyrosinkinaseinhibitoren, die bei nicht kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) eingesetzt werden, wirken zum Beispiel nur bei bestimmten Mutationen am EGF-Rezeptor (EGFR) des Tumors. Weisen Ärzte diese Mutationen nach, setzen sie die Tyrosinkinasehemmer ein. Dieses Verfahren ist bereits in der Routine angekommen und wird in Kombination mit Biopsien angewendet.

Auch um Resistenzmechanismen bei zielgerichteten Therapien zu identifizieren, eignet sich die Anwendung der ctDNA. Ärzten ist es damit möglich, die Behandlung schnellstmöglich anzupassen. Ein Beispiel aus der Praxis ist auch hier die Therapie des NSCLCs. Genetische Veränderungen am EGFR können zu Resistenzen führen, die Tyrosinkinasehemmer unwirksam machen. Ärzte können den Therapierfolg überwachen, indem sie kontrollieren, wie hoch jeweils die Konzentration zirkulierender Tumor-DNA im Plasma ist und als Maß dafür den sogenannten »CNI-Score« (Kopiezahlwert) angeben.

»Ob die Therapie bei einem Patienten anschlägt, lässt sich mittlerweile am Spiegel der ctDNA vorhersagen«, bestätigt Oellerich. Steigt die Menge der Tumor-DNA im Plasma unter einer Therapie weiter an oder geht nicht deutlich zurück, ist das ein Indiz dafür, dass die Therapie wohl keinen Erfolg hat. Die Flüssigbiopsie kann hier traditionellen radiologischen Untersuchungen überlegen sein. »Die ctDNA-Spiegel können nach Medikamentengabe deutlich schneller abnehmen als radiologisch eine Remission des Tumors sichtbar wird«, informiert der Experte.

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