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Bundesweite Testphase verschoben

Starttermin des E-Rezepts wackelt

Der für Januar 2022 vorgesehene Start des E-Rezepts rückt in weitere Ferne. Heute wurde bekannt, dass die freiwillige bundesweite Testphase, die ursprünglich am 1. Oktober starten sollte, verschoben wird. Bei der gestrigen Gesellschafterversammlung der Gematik wurde beschlossen, das in Berlin laufende Modellprojekt bis Ende November zu verlängern. Das lässt zweifeln, ob der geplante Start zum 1. Januar 2022 wirklich realistisch ist.
PZ/dpa
30.09.2021  14:15 Uhr

Schon seit Monaten wird in der Apothekenbranche über eine mögliche Verzögerung des E-Rezept-Starts spekuliert, nun scheint es amtlich zu sein. Zur Erinnerung: Mit dem Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG) hatte der Gesetzgeber dazu verpflichtet, verschreibungspflichtige Arzneimittel ab Januar 2022 nur noch über das neue digitale Verordnungssystem zu verschreiben. Die Gematik hatte den dafür nötigen Fachdienst und die Smartphone-App für Patienten gemeinsam mit externen Dienstleistern entwickelt.

Weil ein bundesweiter Start bislang nicht möglich war, wird das System seit dem 1. Juli in einem Modellprojekt in der Region Berlin/Brandenburg getestet. Ursprünglich war geplant, das Projekt zum 1. Oktober – also in wenigen Tagen – auf ganz Deutschland auszuweiten. Doch nun kommt es erneut zu Verzögerungen.

Bei der gestrigen Gesellschafterversammlung der Gematik wurde beschlossen, dass der Start des bundesweiten Modellprojekts zum neuen Verordnungssystem erst Ende November erfolgen soll. Rein theoretisch bliebe dann nur ein Monat Zeit, um das E-Rezept, wie im PDSG vorgesehen, pünktlich im ganzen Land einzuführen. Auch die Nachrichtenagentur dpa berichtet, dass sich der Start des bundesweiten Modellprojekts nicht wie geplant am 1. Oktober, sondern am 1. Dezember abspielen soll.

Praxissoftware-Systeme noch nicht angeschlossen

Grund für die Planänderung ist, dass viele Arztpraxen noch gar nicht die technische Möglichkeit haben, Digitalverschreibungen auszustellen: Es mangelt an zertifizierten Updates für ihre Praxisverwaltungssysteme. In Deutschlands Arztpraxen gibt es eine Vielzahl an verschiedenen digitalen Verwaltungssystemen, insgesamt etwa 130. Zudem machen noch zu wenige Krankenkassen bei dem E-Rezept der Gematik mit, als dass eine flächendeckende Einführung aussichtsreich wäre.

Im Berliner Modellprojekt sollen nach Informationen der Pharmazeutischen Zeitung (PZ) nur wenige Arztpraxen überhaupt in der Lage sein, die E-Rezept-Datensätze zu erzeugen und diese auf dem Fachdienst abzulegen. Dies liegt auch daran, dass es weiterhin nur zwei Anbieter von Praxis-Software-Systemen gibt, die diese Technik überhaupt bereitstellen.

Zudem stockt es bei der Ausgabe des elektronischen Heilberufsausweises (HBA) in der Ärzteschaft. Während bei den Apothekern mehr als 90 Prozent angebunden sind, liegt die Zahl der Mediziner, die sich per HBA in der Telematik-Infrastruktur (TI)  identifizieren können, nach PZ-Informationen weit darunter.

Gematik bleibt optimistisch

Die Gematik ist trotz dieses Rückschlags weiterhin optimistisch. »An der bundesweit verpflichtenden Einführung des E-Rezepts zum 1. Januar 2022 ändert sich nichts«, heißt es in einem Statement. Grund für den Optimismus sei, dass ab Oktober »ein deutlicher Anstieg der Zahl der angepassten Primärsysteme« in Praxen und Apotheken erwartet werde. »Die Gematik hat die technischen Voraussetzungen für das E-Rezept fristgerecht umgesetzt und bereitgestellt, und die bisherige Testphase zeigt: Das E-Rezept funktioniert«, erklärt Gematik-Chef Leyck Dieken. »Die Einführung ist ein anspruchsvolles Vorhaben mit vielen Beteiligten. Je nach technischer Ausstattung werden Praxen und Apotheken nach und nach in der Lage sein, E-Rezepte auszustellen bzw. einzulösen.«

Denkbar wäre, dass das neue Verordnungssystem in den Praxen nicht obligatorisch, sondern optional startet. Ärzte könnten dann selbst entscheiden, ob sie digital per DataMatrix-Code oder auf Muster-16-Fomularen verordnen. Doch selbst wenn das neue Verordnungssystem als Option startet, wäre ein weiteres, großes Problem für die GKV-Versicherten ungelöst: Die Identifizierung in der E-Rezept-App der Gematik ist nur über die sogenannte NFC-Technologie möglich, die nur sehr wenigen GKV-Versicherten überhaupt zur Verfügung steht. Die Folge wäre also, dass die E-Rezepte anfangs fast alle ausgedruckt werden, um in der Apotheke von Papier abgescannt zu werden. Doch auch hier ist die Gematik optimistisch: Es lägen Zusagen weiterer großer Krankenkassen vor, die sich nun ebenfalls aktiv an der Testphase beteiligen werden, teilte die Gesellschaft am heutigen Donnerstag mit.

Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung startet pünktlich

Separat zum E-Rezept startet am 1. Oktober die digitale Übermittlung von Krankschreibungen, den elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU). Arztpraxen schicken diese Bescheinigungen an die Krankenkassen – der Arbeitnehmer muss das also nicht mehr selbst tun. In einer Übergangszeit von drei Monaten können die Praxen trotzdem noch auf Ausdrucke setzen, ab Januar ist die digitale Krankschreibung aber Pflicht – dann müssen sie die dafür notwendigen technischen Standards erfüllen und an das KIM-System angeschlossen sein.

Das Kürzel KIM steht für Kommunikation im Medizinwesen. Einen Zettel bekommt der Patient trotzdem noch in die Hand, und zwar die Krankschreibung für seinen Arbeitgeber. Erst ab Juli 2022 sollen die Arbeitgeber hierbei einbezogen werden, damit die eAU direkt auch an sie übermittelt werden können.

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