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Sprachstörung

Stottern: Wenn Sprechen zur Qual wird

Stotternde Menschen wissen genau, was sie sagen wollen. Trotzdem bleiben sie hängen, müssen einzelne Buchstaben, Laute oder Wörter immer wieder wiederholen, schämen sich und geraten in einen Kreislauf aus Angst und Vermeidung.
Carina Steyer
02.01.2020  12:30 Uhr

Medizinisch betrachtet ist das Phänomen Stottern einfach zu erklären: Es handelt sich um eine genetisch verursachte Störung des Sprechens und seiner Planung im Gehirn. In MRT-Bildern lässt sich inzwischen gut nachvollziehen, wodurch die Sprachstörung verursacht wird. Die Region im rechten Frontallappen, die für den Abbruch von Hand- und Sprachbewegungen zuständig ist, zeigt bei stotternden Erwachsenen eine übermäßige Aktivität. Gleichzeitig sind Bereiche im linken Frontallappen, die für die Planung des Sprechens beziehungsweise die Sprechbewegungen zuständig sind, deutlich weniger aktiv. Eine weitere wichtige Rolle spielt eine Faserbahn in der hyperaktiven rechten Hirnhälfte. Der sogenannte Frontale Aslant Trakt ist bei Stotternden deutlich stärker ausgebildet als bei Menschen mit normalem Sprechfluss. Die Schwere des Stotterns steigt mit der Ausprägung der Faserbahn.

Stottern bedeutet Kontrollverlust

Für die rund 800.000 Betroffenen in Deutschland ist das Stottern eine tägliche Herausforderung. Schon Kinder erleben es als Kontrollverlust und fürchten die Reaktion ihres Zuhörers. Sie schämen sich, empfinden Angst, erröten, schwitzen oder leiden unter Herzrasen, wenn sie sprechen müssen. Um die Situation für sich erträglicher zu gestalten, verstecken sie ihren Mund hinter der Hand, vermeiden Blickkontakt oder wenden sich beim Sprechen ab. Betroffene umschreiben gefürchtete Wörter, ersetzen sie, wenn sie merken, dass das Wort nicht ausgesprochen werden kann, oder formulieren den Satz um. Sie schieben innerhalb eines Wortes Laute oder Silben ein (»ge – äh – ge – äh – kommen«) oder ganze Wörter in einen Satz (»Und also mal dann also mal bin ich also mal nach Hause«). Plötzliche Themenänderungen, Satzabbrüche oder das vollständige Einstellen des Gesprächs sind ebenfalls gängige Taktiken. Auch auf den Sprechrhythmus, die Sprechatmung, die Aussprache und die Stimme wirkt sich das Stottern aus. So klingt die Stimme einiger Betroffener stark gepresst, andere sprechen besonders laut oder hoch, wieder andere atmen unregelmäßig oder zeigen eine auffallend starke Mimik und Gestik.

Stottern wirkt sich gravierend auf das Leben der Betroffenen aus. Sie lassen andere für sich sprechen, beteiligen sich nicht an einer Unterhaltung (obwohl sie es gerne würden) oder vermeiden soziale Kontakte. Unumgängliche Gespräche werden exzessiv vorbereitet. Häufig wird die Schulzeit als besonders belastend empfunden, besonders, wenn Lehrer die Betroffenen benachteiligen und Schüler sie hänseln. Was viele jedoch nicht wissen: Stottern wird als Sprechstörung den Sprachbehinderungen zugeordnet. Stotternde Schüler haben deshalb das Recht auf einen Nachteilsausgleich, der von den Eltern bei der Schule beantragt werden kann.

Ohne Vorwarnung

Meist beginnt das Stottern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren ganz plötzlich und ohne Vorwarnung. Rund die Hälfte der Kinder entwickelt die Symptomatik innerhalb von ein bis drei Tagen. Nur bei einem Drittel setzt das Stottern langsam über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen ein. So plötzlich wie es auftritt, kann es auch wieder verschwinden. Zwischen 70 und 80 Prozent der betroffenen Kinder erfahren eine Spontanremission. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist in den ersten sechs bis zwölf Monaten am höchsten. Kinder, die länger als zwei Jahre stottern, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Redeflussstörung bestehen bleibt. Dasselbe gilt, wenn das Stottern erst nach dem dritten Geburtstag auftritt oder die Pubertät bereits begonnen hat. Experten vermuten, dass sich mit der Pubertät ein Zeitfenster zum Erlernen komplexer sensomotorischer Fähigkeiten schließt. Alle bis dahin angelegten Verbindungen – also auch diejenigen, die das Stottern verursachen – lassen sich nun nur noch schwer verändern. Ähnliches ist zum Beispiel beim Spielen von Musikinstrumenten beobachtet worden.

Frühzeitige Therapie

Obwohl viele Kinder dem Stottern »entwachsen«, chronifiziert es sich bei einem kleinen Teil. Warum dies so ist und wen es trifft, lässt sich derzeit nicht erklären oder voraussagen. Abwarten und auf eine Spontanremission hoffen, sollten Eltern deshalb nicht, raten Experten. Gerade im Kindergartenalter ist die Chance, mit einer qualitativ hochwertigen Therapie das Stottern zu überwinden, sehr hoch.

Besonders bewährt hat sich das sogenannte Lidcombe-Programm. Dabei lernen die Eltern, ihr Kind für flüssiges Sprechen zu loben und im späteren Behandlungsverlauf behutsam auf das Stottern aufmerksam zu machen. Immer schwierigere Sprechsituationen werden schließlich so gestaltet, dass das Kind sie flüssig sprechen kann. Hilfreich ist zudem, wenn Eltern gemeinsam mit dem Therapeuten herausfinden, in welchen Situationen das Kind vermehrt stottert. So können Anforderungen in diesen Momenten gezielt gesenkt werden. Das ermöglicht Erfolgserlebnisse und stärkt das Kind zusätzlich.

Nie zu spät

Bei Erwachsenen lässt sich eine vollständige Heilung nur noch schwer erreichen, hoffnungslos ist eine Therapie aber auch bei ihnen nicht. Es gelingen meist deutliche Verbesserungen, die den Betroffenen große Erleichterung verschaffen können. Die Kosten für eine Stottertherapie werden bei staatlich anerkannten, zugelassenen Therapeuten von der Krankenkasse übernommen. Notwendig ist nur eine ärztliche Verordnung, die von jedem Arzt ausgestellt werden kann.

Eine hochwertige Therapie zu finden, ist im Bereich des Stotterns gar nicht so einfach. Neben rein psychologischen Herangehensweisen finden sich Angebote für Methoden, die eine schnelle Heilung versprechen. Experten raten von beiden Wegen ab. Eine Psychotherapie kann eine Stottertherapie zwar begleiten, alleine beeinflusst sie das Stottern jedoch nicht. Auch Atemtherapie, Entspannungstechniken, Homöopathie und Bachblütentherapie können das Stottern nicht beseitigen. Die aktuelle Leitlinie »Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen« der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie empfiehlt derzeit zwei Therapiemethoden beziehungsweise Kombinationen daraus. Beim sogenannten Fluency Shaping lernen Betroffene, langsamer und alle Wortanfänge besonders weich zu sprechen. Das verhindert Stottern. Zu Beginn klingt diese Sprechweise unnatürlich. Mit regelmäßiger Übung und Anwendung erlangen Patienten jedoch einen normalen Sprechfluss zurück. Bei der Stottermodifikation lernen Betroffene, das Stottern zu stoppen, die Anspannung zu senken und erst weiter zu sprechen, wenn sie wieder Kontrolle darüber haben. Hörbar bleiben dann nur noch leichte Stottersymptome. Ergänzt wird die Methode deshalb immer um Übungen gegen die Angst vor dem Stottern sowie Übungen, die den Betroffenen unempfindlicher machen gegen Situationen, in denen sich das Stottern verstärkt.

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