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Mediennutzung außer Kontrolle

Strategien für weniger Onlinezeit

Fünfeinhalb Stunden täglich – so lange sind die Menschen in Deutschland im Schnitt im Internet unterwegs. Und obwohl vielen bewusst ist, dass ihnen das nicht guttut, fällt es den meisten schwer, die Kontrolle über den eigenen Online-Medienkonsum zurückzugewinnen. Eine Strategie, wie das dennoch gelingen kann, haben Forschende aus Berlin, Stanford und Bristol erarbeitet.
Katja Egermeier
29.11.2022  16:00 Uhr

Warum wir so viel Zeit mit den sozialen Medien verbringen und leicht auf falsche und Sensationsmeldungen hereinfallen, weiß Anastasia Kozyreva, Wissenschaftlerin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: »Wir Menschen sind soziale Wesen und seit jeher ist es lebenswichtig für uns, Informationen aus unserer Gemeinschaft zu bekommen und weiterzugeben.« Vor allem negative und sehr emotionale Neuigkeiten weckten schon seit Jahrtausenden das Interesse der Menschen, da sie vor potentiellen Gefahren warnen.

Der Informationsfluss hat sich in den letzten Jahren jedoch stark verändert. »Online-Medien und vor allem die Social-Media-Plattformen überfluten uns mit Nachrichten«, erklärt Kozyreva. Das Ziel: uns möglichst lange auf Websites zu locken, damit die Anbieter viel Werbung schalten können. »Dafür nutzen sie die alten Mechanismen, mit denen sie unsere Aufmerksamkeit erregen«, so die Wissenschaftlerin. Die nötige Zeit, sich daran anzupassen, habe es nicht gegeben.

Kritisches Ignorieren

Für einen sinnvollen Umgang mit der Informationsflut ist aus Sicht der Forschenden zweierlei nötig: kritisches Denken, aber auch kritisches Ignorieren. Letzteres lasse sich laut Kozyreva mittels dreier Strategien erreichen: dem »self nudging«, dem »lateral reading« und der alten Regel »don’t feed the trolls«.

»Self nudging«, was auf Deutsch so viel wie »sich selbst anstupsen« heißt, funktioniere in vielen Lebensbereichen. Es bedeutet, sich seine Umgebung so zu gestalten, dass sich gefasste Vorsätze auch umsetzen lassen. Zur Anschauung wählt Kozyreva das Beispiel gesunde Ernährung: »Wir können zwar die Lebensmittelauswahl in den Supermärkten nicht beeinflussen, aber wir können wählen, welche Lebensmittel wir zu Hause haben wollen.« In einem weiteren Schritt könne, wer beispielsweise mehr Obst statt Süßes essen wolle, das Obst in Griffnähe und die Süßigkeiten ganz weit oben in den Schrank stellen. Dann steige man nur auf den Stuhl, um die Schokolade zu holen, wenn man sich diese bewusst gönnen will.

Auf die digitale Welt übertragen bedeute das, aktiv zu entscheiden, wie viel Zeit im Internet verbracht werden soll. Die meisten Geräte böten die Möglichkeit, das zu kontrollieren und Zeitlimits oder eine Offline-Erinnerung einzurichten.

»Lateral reading«, also das seitwärts lesen, hilft Kozyreva zufolge, seriöse Nachrichten von »fake news« zu unterscheiden. Anstatt eine Website von oben nach unten zu lesen, sollte man zunächst schauen, wer hinter dem Angebot steckt. »Es gibt erstaunlich viele Seiten, die sehr seriös wirken, hinter denen aber Interessengruppen zum Beispiel aus der Wirtschaft stehen, die auf diese Weise versuchen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.«

Meist merke man so sehr schnell, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist – deutlich schneller, als wenn man versuche, es über die Inhalte herauszufinden. Die Expertin empfiehlt das Seitwärtslesen auch für Videos auf Youtube oder TikTok. »Wenn es um politische oder wissenschaftliche Inhalte geht, sollten wir auch da prüfen, wer dahintersteht.« Entwarnung gibt Kozyreva bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und großen Tageszeitungen. »Gerade hier in Europa gibt es viele vertrauenswürdige Medien und Institutionen.«

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