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Risiko minimieren

Strategien zur Darmkrebs-Vorsorge

Wenig Interesse

Was den immunologischen fäkalen Okkultbluttest angeht, haben »bislang in Deutschland pro Jahr nur rund zehn Prozent der Teilnahmeberechtigten den Stuhltest genutzt«, wird Professor Dr. Hermann Brenner vom DKFZ in einer Pressemeldung zitiert. »Das sind viel zu wenige, und Deutschland hinkt hier im Vergleich zu anderen europäischen Ländern deutlich hinterher.« Brenner erklärt sich dies vor allem mit großen Hürden: »Man muss den Test in der Arztpraxis besorgen, zu Hause durchführen, wieder in der Praxis abgeben und schließlich bei einem erneuten Arzttermin das Ergebnis abfragen.«

Zusammen mit Kollegen hat er deshalb untersucht, ob niedrigschwellige Angebote die Bereitschaft steigern könnten, an Untersuchungen teilzunehmen. 17.532 Versicherte der AOK im Alter von 50 bis 54 Jahren wurden für die Studie ausgewählt. Sie hatten keinen Krebs, aber auch keine malignen Erkrankungen in der Vorgeschichte. Alle Teilnehmer wurden per Zufall drei Gruppen zugeordnet. In der Kontrollgruppe erhielten sie nur postalische Einladungsschreiben. In den beiden Interventionsgruppen konnten Probanden ihren Test entweder selbst bestellen, und zwar per E-Mail, Web beziehungsweise Post. Oder die Testbox wurde ihnen inklusive Anleitung direkt zugeschickt. Alle Kosten wurden übernommen. Wenig überraschend blieb es in der Kontrollgruppe bei Teilnahmequoten von 10 Prozent. In beiden Interventionsgruppen entschieden sich je 30 Prozent für die Untersuchung. Was Brenner nicht untersucht hat: Öffentliche Apotheken könnten als niedrigschwellige Anlaufstellen ebenfalls Testboxen anbieten.

Fiel der iFOBT positiv aus, entschlossen sich zwei Drittel der Betroffen, eine Koloskopie durchführen zu lassen. Ärzte entdeckten bei 40 Prozent dieser Untersuchungen frühe Darmkrebsvorstufen wie Polypen. Und bei 20 Prozent fanden sie weiter fortgeschrittene Veränderungen im Darm, die meist auch gleich entfernt werden konnten.

Goldstandard Spiegelung

Bei einem positiven iFOBT oder bei einem Alter von mindestens 50 beziehungsweise 55 Jahren haben Versicherte Anspruch auf eine Darmspiegelung. Zuvor ist eine gründliche Darmreinigung vonnöten; Stuhlreste verhindern die Sicht auf Auffälligkeiten. Wie man richtig abführt, lesen Sie hier. Kurz vor der Untersuchung bekommen Patienten auf Wunsch eine Sedierung mit Midazolam oder eine Kurznarkose mit Propofol.

Das Koloskop besteht aus einem flexiblen, etwa 1,2 Metern langen Kunststoffschlauch mit einem Zentimeter Durchmesser. Im Inneren befinden sich Lichtleiter und weitere elektronische Bauteile. An der Spitze trägt das Gerät einen Videochip, um Bilder auf einen Monitor zu übertragen. Dort befinden sich auch kleine Instrumente wie Zangen und Schlingen.

Denn das ist der große Vorteil der Koloskopie: Der Gastroenterologe kann während einer Untersuchung nicht nur Gewebeproben (Biopsien) nehmen, sondern Polypen gleich entfernen. Das Koloskop wird bis zum Blinddarm beziehungsweise zum letzten Teil des Dünndarmes vorgeschoben. Beim Zurückziehen bringt der Arzt mittels Luft den Darm zur Entfaltung und inspiziert die gesamte Darmschleimhaut sorgfältig, um krankhafte Veränderungen zu erkennen und gegebenenfalls zu entfernen. Die Untersuchung dauert normalerweise etwa 25 Minuten. Koloskopien führen nur selten zu Komplikationen.

Bei älteren Patienten entdecken Gastroenterologen oft Darmpolypen. Ab dem 50. Lebensjahr sind diese Anomalien bei etwa 30 Prozent aller Menschen zu finden. Sie entstehen aus dem Drüsengewebe der Darmschleimhaut und wachsen langsam. Es bildet sich zunächst ein winziger Polyp als Polypenknospe. Diese kann sich mit der Zeit vergrößern und innerhalb längerer Zeit entarten (siehe Grafik). Polypen lassen sich während der Gastroskopie direkt entfernen. Bei drei Prozent aller Personen ab 50 findet man bei der Untersuchung Hinweise auf Karzinome. Hat der Arzt den Verdacht, entnimmt er kleine Gewebeproben zur feingeweblichen Untersuchung. Sie werden an ein histologisches Labor geschickt.

Moderne Technologien könnten die Auswertung solcher Proben revolutionieren. Denn die künstliche Intelligenz (KI) eignet sich, um Ärzte bei der Bewertung von Dünnschnitten zu unterstützen. Das geht so: Im ersten Schritt werten Pathologen tausende Proben per Mikroskop aus. Danach füttern sie eine Software mit ihren Ergebnissen und mit den Bilddaten. Das Programm »lernt«, wie sich Tumorgewebe optisch von gesundem Gewebe unterscheidet. Es erkennt Anomalien umso besser, je mehr Daten zuvor eingelesen wurden. Das Prinzip ist als maschinelles Lernen bekannt geworden.

»Bei immer mehr Proben von immer mehr Patientinnen und Patienten können digitale Assistenzsysteme dabei helfen, Fehler zu vermeiden«, wird Professor Dr. Frederick Klauschen in einer Pressemeldung der Berliner Charité zitiert, wo er stellvertretender Direktor des Instituts für Pathologie ist. Zusammen mit Kollegen hat Klauschen gezeigt, dass KI-Anwendungen Lungen-, Brust- und Darmkrebs zuverlässig aufspüren. Doch das Verfahren spart nicht nur Zeit und verringert die Fehlerquote bei Beurteilungen. Es eröffnet personalisierte Therapieentscheidungen anhand von Mustern in Biopsien.

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