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Pflanzliche Beruhigungsmittel

Stressempfinden runterdimmen

Unruhe und Nervosität am Tag, am Abend zu angespannt zum Einschlafen. Permanenter Stress kann schnell in einem Teufelskreis enden. Einen Ausweg bietet die Selbstmedikation mit pflanzlichen Sedativa, sie hat aber auch ihre Grenzen.
Carina Steyer
11.02.2021  15:45 Uhr

Laut einer repräsentativen Umfrage der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2016 leiden in Deutschland mehr als drei Viertel der Erwachsenen zumindest gelegentlich unter Stress. Knapp ein Viertel der Befragten gab an, sich häufig gestresst zu fühlen. Auslöser sind in erster Linie das Berufsleben, hohe Ansprüche an sich selbst und private Konflikte. Vor allem letztere könnten durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft werden. Homeoffice in Kombination mit Homeschooling oder Kleinkinderbetreuung kann Eltern an ihre Belastungsgrenze treiben. Die weniger vorhandenen Ausweichmöglichkeiten innerhalb der Familien erhöhen das Konfliktpotenzial. Und nicht zu vergessen sind die Auswirkungen der sozialen Distanz, die Sorge vor einer Ansteckung sowie Zukunfts- und Existenzängste. Der geschlossene Freizeitsportbereich erschwert es, einen Ausgleich zu schaffen und die psychische Mehrbelastung zu kompensieren.

In einer weiteren Umfrage der Techniker Krankenkasse im Juli des vergangenen Jahres gaben bereits 50 Prozent der Befragten an, sich durch die pandemiebedingten Veränderungen gestresst zu fühlen. Eine Umfrage der Universität Basel hat ergeben, dass der psychische Stress in der zweiten Covid-19-Welle im Vergleich zum Frühjahr noch einmal deutlich zugenommen hat.

Dauerhafter Stress hat Folgen. Innere Unruhe, die Mediziner als eine Kombination aus Anspannung, fehlender Gelassenheit und Ausgeglichenheit definieren, führt dazu, dass Betroffene schnell gereizt, empfindlich oder aggressiv reagieren. Auch die Konzentrationsfähigkeit und die Belastbarkeit nehmen ab. Erschöpfung wiederum ist gekennzeichnet von Antriebslosigkeit, Müdigkeit, verringerter Belastbarkeit und reduzierter Leistungsfähigkeit. Trotz der Kraft- und Energielosigkeit fällt es Betroffenen schwer, zur Ruhe zu kommen. Häufig haben sie Probleme beim Einschlafen oder leiden unter Durchschlafstörungen. Aus Angst davor, nicht ernst genommen zu werden oder starke Medikamente verordnet zu bekommen, scheuen viele Betroffene den Arztbesuch und suchen Rat in der Apotheke.

Selbstmedikation sinnvoll?

In der Selbstmedikation von stressbedingter Unruhe und Erschöpfung haben sich pflanzliche Sedativa gut bewährt. Baldrianwurzel, Johanniskraut, Hopfenzapfen, Lavendelblüten, Melissenblätter, Passionsblumenkraut und Rosenwurz können einzeln oder in Kombination eingesetzt werden. Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Lavendelblüten, Melissenblätter und Passionsblumenkraut wirken zusätzlich schlaffördernd. Phytopharmaka schränken die Leistungsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit nicht ein, führen nicht zu Gewöhnung oder Abhängigkeit und sind nebenwirkungsfrei bis nebenwirkungsarm. Dennoch sind sie nicht für jeden geeignet. Mitunter stecken hinter den Beschwerden Ursachen, bei denen ärztlicher Rat hinzugezogen werden sollte.

So können zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, eine Schilddrüsenüberfunktion, Demenz oder Depressionen ebenfalls Unruhe- und Erschöpfungssymptome verursachen. Auch zahlreiche Arzneimittel, ein übermäßiger Konsum von koffeinhaltigen Getränken und Alkohol sowie ein Nährstoffmangel können verantwortlich sein. Richtungsweisend sind im Beratungsgespräch Fragen nach Art und Dauer der Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, einer Arzneimitteleinnahme sowie bereits durchgeführten Behandlungsversuchen. Berichten Kunden etwa von gleichzeitig auftretenden starken Bauchschmerzen, Kopfschmerzen in Kombination mit Sehstörungen, Herzrasen, Schweißausbrüchen oder zittrigen Händen, sollte ein Arztbesuch angeraten werden. Dasselbe gilt, wenn sich kein plausibler Auslöser finden lässt, die Beschwerden bereits seit längerer Zeit bestehen, Selbsthilfemaßnahmen keine Wirkung zeigen oder Arzneimittelnebenwirkungen vorliegen könnten.

Am Beschwerdebild orientieren

Ergeben sich keine Hinweise auf behandlungsbedürftige Auslöser, können Phytopharmaka empfohlen werden. Bei der Auswahl sollte das individuelle Beschwerdebild des Kunden im Vordergrund stehen.

Unruhe und Nervosität, die mit Rastlosigkeit und Erregbarkeit einhergehen, sind für Baldrian gut empfänglich. Pharmazeutisch verwendet wird die Wurzel, relevante Inhaltsstoffe sind das ätherische Öl, die Valepotriate und Lignane. Baldrianextrakte reduzieren dosisabhängig die neuronale Aktivität im Gehirn. Verantwortlich dafür ist die Interaktion der Baldrianinhaltsstoffe mit dem GABA-Stoffwechsel. Baldrianextrakt erhöht die Ausschüttung des beruhigenden Neurotransmitters GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und moduliert den GABAA-Rezeptor, so dass die Wirkung des Neurotransmitters verstärkt wird. Die enthaltenen Lignane binden an Adenosin-Rezeptoren im Gehirn und verstärken damit die schlaffördernde Wirkung des Adenosins. Leichte Unruhezustände lassen sich mitunter bereits schon durch ein Entspannungsbad mit Baldrianzusatz lindern. Wird Baldrian oral eingenommen, sollte die vom Hersteller empfohlene Dosierung eingehalten werden, da Über- und Unterdosierungen die Unruhe verstärken können.

Baldrianextrakte können als Monotherapie oder in Kombinationspräparaten eingesetzt werden. Hier haben sich Hopfen und Melisse gut als Kombipartner bewährt. Hopfenzapfen enthalten Bitterstoffe, ätherisches Öl und Flavonoide. Ihr traditionelles Anwendungsgebiet liegt bei nervöser Unruhe, Angstzuständen und Einschlafstörungen. Das ätherische Öl der Melissenblätter hemmt das GABA abbauende Enzym GABA-Transaminase, wodurch sich eine entspannende und schlaffördernde Wirkung einstellt. Darüber hinaus haben Melissenblätter eine spasmolytische Wirkung, die sich positiv auf nervöse Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen oder Völlegefühl auswirkt. Sie sind deshalb für Menschen, denen der Stress »auf den Magen schlägt«, eine gute Empfehlung.

Reizbarkeit und Depression

Zum Indikationsfeld der Passionsblume gehören nervöse Unruhezustände, Ruhelosigkeit und Reizbarkeit in Kombination mit Einschlafstörungen. Passionsblumenextrakt enthält Flavonoide, die, wie die Inhaltsstoffe des Baldrians, den GABAA-Rezeptor modulieren und den hemmenden Effekt des Neurotransmitters verstärken. Zudem wird die Verweildauer im synaptischen Spalt verlängert, da die Wiederaufnahme über den GABAB-Rezeptor gehemmt wird. Beides zusammen wirkt entspannend, macht aber nicht müde. Passionsblumenkraut ist als Tee oder in Form von verschiedenen Fertigarzneimitteln verfügbar. Um nervös bedingte Einschlafstörungen zu behandeln, wird es oft mit Melisse, Baldrian oder Hopfen kombiniert. Auch eine Kombination mit Johanniskraut ist möglich.

Die antidepressive Wirkung des Johanniskrautes konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden. Die Wirkung ergibt sich aus der Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin und GABA im zentralen Nervensystem, wodurch die Wirkdauer der Neurotransmitter verlängert wird. Monopräparate eignen sich für die Behandlung vorübergehender leichter bis mittelschwerer depressiver Verstimmungen. Tritt zusätzlich Unruhe auf, sind Kombinationspräparate gut geeignet. Kontraindiziert ist Johanniskraut bei der Einnahme bestimmter Immunsuppressiva, einigen Wirkstoffgruppen zur Behandlung von HIV-Infektionen, vielen Zytostatika sowie Antikoagulanzien wie Phenprocoumon und Warfarin. Die Kombination mit Antidepressiva, die auf den Serotonin-Haushalt einwirken, ist nicht zugelassen. Kunden sollten zudem darauf hingewiesen werden, dass die Wirkung hormoneller Kontrazeptiva vermindert sein kann und starke Sonneneinstrahlung vermieden werden sollte. Das gilt nicht nur im Sommer, sondern auch für den Aufenthalt in den Bergen oder einen Besuch im Solarium. Ein hoher Lichtschutzfaktor ist ratsam.

Ab 18 Jahren

Als gut untersuchtes Phytopharmakon gegen Unruhe in Kombination mit ängstlicher Verstimmung und Schlafstörungen gilt das Lavendelöl-Präparat Lasea®. Müdigkeit oder Aufmerksamkeitsverminderung am Tag treten nicht auf, allerdings kann es nach der Einnahme vermehrt zu unangenehmen Aufstoßen kommen. Die Einnahme zum Essen mit kalter Flüssigkeit verringert die Beschwerden. Das Präparat ist für Erwachsene ab 18 Jahren zugelassen, sollte aber nicht mit Benzodiazepinen kombiniert werden.

Ebenfalls ab 18 Jahren kann Rosenwurzextrakt empfohlen werden. Rosenwurz gehört zu den sogenannten adaptogenen Pflanzen. Sie erhöht die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen Stressfaktoren und verbessert die geistige Leistungsfähigkeit in anspruchsvollen, stressbelasteten Situationen. Zusätzlich gibt es Hinweise, dass auch die körperliche Belastbarkeit gestärkt wird.

Auslöser finden

Bis pflanzliche Präparate ihre volle Wirkung entfalten, vergehen, bei regelmäßiger Einnahme, in der Regel ein bis zwei Wochen. Eine Ausnahme davon bilden lediglich die Rosenwurz-haltigen Präparate. Ihre Wirkung soll bereits ab der ersten Einnahme spürbar sein. Zur Beruhigung werden pflanzliche Beruhigungsmittel abhängig von der Angabe im Beipackzettel ein- bis dreimal täglich eingenommen. Sollen zusätzlich Schlafstörungen mit behandelt werden, wird empfohlen, eine Dosis 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafen einzunehmen. In einigen Fällen kann eine weitere Dosis am frühen Abend angebracht sein.

Phytopharmaka sind bei vorübergehender stressbedingter Unruhe und Schlafstörungen eine bewährte Therapieoption, sollten aber keine Dauerlösung darstellen. Parallel zur Einnahme sollten Betroffene versuchen, sich gezielt mit ihren Stressoren auseinander zu setzen. Lässt sich das Berufs- oder Privatleben stressfreier gestalten? Können Aufgaben liegen gelassen oder delegiert werden? Diese und ähnliche Fragen können helfen, Prioritäten festzulegen und Stressoren gezielt abzubauen. Darüber hinaus helfen regelmäßige Bewegung, Yoga und Meditation, das Erlernen einer Entspannungstechnik und eine ausgewogene Ernährung, Stress abzubauen und abends leichter in den Schlaf zu finden. 

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