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Abhängigkeit

Suchtprävention: Je früher, umso wirkungsvoller

Abhängigkeitserkrankungen und missbräuchlicher Konsum von Suchtmitteln schaden der Gesundheit und sind für viele vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Gezielte Präventionsmaßnahmen sollen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Drogen führen.
Carina Steyer
02.12.2019
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Sucht ist in Deutschland kein gesellschaftliches Randproblem. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit gibt es 12 Millionen Raucher. 9,5 Millionen Menschen konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, weitere 1,8 Millionen gelten als alkoholabhängig. Geschätzte 2,3 Millionen sind medikamentenabhängig. Dazu kommen 600.000 Menschen mit einem problematischen Konsum von Cannabis und anderen illegalen Drogen.

Jedes Jahr sterben in Deutschland mindestens 110.000 Menschen vorzeitig an den Folgen von Rauchen, 40.000 an den Folgen eines schädlichen Alkoholkonsums. Im Vergleich dazu liegt die Zahl der Todesfälle durch illegalen Drogenmissbrauch mit 1300 deutlich niedriger. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO lassen sich in der europäischen Region 40 Prozent aller Erkrankungen und vorzeitigen Todesfälle auf den Konsum von Zigaretten und Alkohol sowie Verkehrsunfälle, bei denen Alkohol eine Rolle spielt, zurückführen.

Das richtige Maß

Die ersten Kampagnen zur Suchtprävention starteten Ende der 1960er Jahre. Ziel war es, junge Menschen vom Konsum immer populärer werdender illegaler Drogen abzuhalten. Das Mittel der Wahl: eine möglichst abschreckende Darstellung der Risiken. Im Gegensatz dazu setzen Experten heute in erster Linie auf Information und Aufklärung. Ziel ist es, das Einstiegsalter in den Konsum zu erhöhen, einen schädlichen Konsum zu reduzieren und Abhängigkeiten zu vermeiden. Unterstützt wird die Präventionsarbeit von Angeboten zur Suchttherapie, Maßnahmen zur Schadensreduzierung sowie gesetzlichen Regulierungen zur Angebotsreduzierung.

In Deutschland sind die legalen DrogenAlkohol und Tabak – für den größten Teil der Suchtproblematik verantwortlich. Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Alkohol ist aber häufig unkritisch und positiv belegt. Präventionsarbeit zum Thema Alkohol muss deshalb mit Fingerspitzengefühl erfolgen. Die Herausforderung lautet: Missbrauch und Abhängigkeit verhindern, ohne dabei generell den Genuss von Alkohol infrage zu stellen.

Ein Beispiel ist die Kampagne »Alkohol? Kenn dein Limit.« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Sie richtet sich allgemein an die erwachsene Bevölkerung und informiert über Gesundheitsrisiken durch Alkoholkonsum sowie die Notwendigkeit der Punktnüchternheit in der Schwangerschaft, bei der Arbeit, im Straßenverkehr und während der Einnahme von Medikamenten. Zusätzlich sollen Erwachsene sich ihrer Vorbildfunktion gegenüber Kindern bewusster werden. Zentrales Element ist das Internetportal mit Informationen, verschiedenen Tests (etwa einem Alkohol-Selbsttest, Motivationstest, Wissenstest) und gezielten Tipps, um den eigenen Konsum zu reduzieren.

Parallel dazu existiert auch eine Jugendkampagne, die sich an 16- bis 20-Jährige richtet (www.kenn-dein-limit.info). Hier geht es im Wesentlichen darum, einen kritischen Umgang mit Alkohol zu fördern sowie riskantes Trinken und Rauschtrinken zu reduzieren. Erreicht werden sollen die Jugendlichen über Plakate, Werbematerialien, Kinospots und soziale Medien. Zudem suchen geschulte Mitarbeiter zwischen 18 und 24 Jahren auf Festivals oder Sportveranstaltungen den direkten Kontakt und informieren im persönlichen Gespräch über das Thema Alkoholkonsum.

Besondere Zielgruppen

Kinder und Jugendliche bilden zwei der wichtigsten Zielgruppen in der Präventionsarbeit. Denn heute weiß man: Je früher es gelingt, über die Gefahren des Suchtmittelkonsums aufzuklären, umso wahrscheinlicher ist es, dass ein problematisches Konsumverhalten verhindert werden kann. Zudem wird eine lebenslange Sucht umso unwahrscheinlicher, je später ein Mensch mit dem Konsum von Alkohol oder Tabak beginnt.

Das Programm Klasse 2000 richtet sich deshalb bereits an Grundschulkinder. In etwa 15 Unterrichtseinheiten pro Schuljahr arbeiten die Kinder gemeinsam mit dem Lehrer sowie speziell geschulten Gesundheitsförderern an Themen zur Sucht- und Gewaltvorbeugung sowie Gesundheitsförderung.

In der Pubertät steigt die Anfälligkeit für eine Abhängigkeit. Gleichzeitig ist diese Altersgruppe besonders offen gegenüber präventiven Informationen. In der BZgA-Kampagne »Null Alkohol – Voll Power«geht es deshalb darum, Nichtkonsumierende in ihrem Verhalten zu stärken, den Beginn des Konsums zu verzögern und eine kritische Einstellung zu fördern. Sie richtet sich an 12- bis 16-Jährige und nutzt vor allem das Internet, um die Zielgruppe zu erreichen.

Hilfe beim Ausstieg

Im Visier des Internet-Projekts www.drugcom.de stehen bereits drogenerfahrene Jugendliche. Neben Informationsmaterialien, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsum fördern sollen, bietet die Website die Möglichkeit, eine anonyme Beratung in Anspruch zu nehmen oder mit anderen zu chatten.

Auf Alkohol und Tabak zu verzichten, ist in der Schwangerschaft besonders wichtig. Nicht allen Frauen gelingt das alleine. Sie erhalten Unterstützung bei dem Online-Programm IRIS (individualisierte, risikoadaptierte, internetbasierte Intervention zur Verringerung des Alkohol- und Tabakkonsums bei Schwangeren, www.iris-plattform.de). Entwickelt wurde IRIS 2011 von der Sektion Suchtmedizin und Suchtforschung der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen. Schwangere (ab 18 Jahren) können sich kostenlos registrieren und Strategien erlernen, um ihren Konsum einzustellen und mit Versuchssituationen richtig umzugehen. Per E-Mail erhalten die Teilnehmerinnen Hintergrundinformationen zu den Themen Rauchen oder Alkoholkonsum und werden nach der Geburt in ihrer Abstinenz bestärkt.

Rückgang bei Jugendlichen

Dass Präventionsmaßnahmen bei Jugendlichen wirken, zeigen verschiedene Studien, die regelmäßig den Drogenkonsum von Jugendlichen in Deutschland erfassen. So trinken laut der BZgA-Befragung »Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2015« 10 Prozent der 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal pro Woche, bei den 18- bis 25-Jährigen sind es 33,6 Prozent. Im Vergleich dazu waren es im Jahr 2005 noch 18,6 beziehungsweise 40,5 Prozent. Auch der Anteil rauchender Jugendlicher ist rückläufig. Die Ergebnisse des Alkoholsurveys 2018 zeigen, dass 6,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen rauchen (2001 waren es 27,5 Prozent). Unter den 18- bis 25-Jährigen sind 24,8 Prozent Raucher.

Sorge bereitet Experten nach wie vor das Rauschtrinken. Laut der Drogenaffinitätsstudie 2015 trinken 15,9 Prozent der männlichen und 12,5 Prozent der weiblichen 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal im Monat exzessiv. Bei den 18- bis 25-Jährigen sind es 44,6 Prozent der Männer und 32,9 Prozent der Frauen.

Die am häufigsten konsumierte illegale Droge bei Jugendlichen ist Cannabis. 9,7 Prozent der 12- bis 17-Jährigen und 34,5 Prozent der 18- bis 25-Jährigen gaben in der Drogenaffinitätsstudie 2015 an, bereits einmal Cannabis konsumiert zu haben.

Mehr Prävention gefordert

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) fasst jährlich die neuesten Statistiken zum Konsum von Alkohol und Tabak zusammen. Auch hier zeigt das aktuelle Jahrbuch Sucht 2019 zwar einen leicht rückläufigen Trend, die Experten stufen ihn jedoch nicht als ausreichend ein. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland beim Alkoholkonsum im oberen Zehntel, mit einem Verbrauch von 131 Litern pro Kopf und Jahr. Beim Zigarettenkonsum gibt es zwar einen leichten Rückgang (- 1,9 Prozent), gleichzeitig greifen mehr Raucher zu Zigarren und Zigarillos (+ 6,5 Prozent), Pfeifentabak (+ 2,7 Prozent) und Feinschnitt (+ 0,2 Prozent). Die DHS fordert deshalb weitere Preiserhöhungen und Angebotsreduzierungen, eine Beschränkung der Alkoholwerbung und die Optimierung des Jugendschutzes. Zudem müssten in der Prävention die unterschiedlichen Problemlagen von Frauen und Männern sowie die soziale Benachteiligung stärker berücksichtigt werden.

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