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Multiple Sklerose

Symptomatische Behandlungen als zweites Standbein der MS-Therapie

Multiple Sklerose (MS) verursacht eine Vielzahl an Symptomen, die das Leben der Betroffenen mitunter stark beeinträchtigen. Eine gezielte, symptomatische Therapie ist wichtig, um die Lebensqualität langfristig zu erhalten.
Carina Steyer
22.04.2020  09:00 Uhr

Das oberste Therapieziel für MS-Patienten ist es, die Krankheitsaktivität zu stoppen oder das Fortschreiten zumindest zu verlangsamen. Zur Verfügung stehen dafür verschiedene Medikamente. Diese können jedoch bereits bestehende Symptome der Erkrankung in der Regel nicht rückgängig machen.

Die zweite Säule im Behandlungsmanagement der MS ist deshalb die symptomatische Therapie. Neben Medikamenten kommen regelmäßig physiotherapeutische, ergotherapeutische, logopädische und psychotherapeutische Maßnahmen zum Einsatz. Bilden sich Symptome nach einem Schub nicht ausreichend zurück oder verschlechtern sich körperliche Funktionen trotz regelmäßiger Therapien, kann eine stationäre Rehabilitation sinnvoll sein. Dabei erhalten die Patienten über einen Zeitraum von 4 bis 6 Wochen ein intensives Therapieprogramm, dessen Effekte im Durchschnitt sechs bis neun Monate anhalten. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) rät zu einer jährlichen Wiederholung.

Gegen den Kontrollverlust

Fast alle MS-Patienten sind im Verlauf ihrer Krankheit von Bewegungsstörungen betroffen. Dazu gehören Ataxien, also Störungen in der Bewegungskoordination, bei denen das Zusammenspiel verschiedener Muskeln – häufig der Arme und Beine – beeinträchtigt ist. Eine Sonderform der Ataxie ist der Tremor. Hier kommt es zu einem gleichmäßigen Zittern, das einzelne Körperteile oder auch den gesamten Körper betreffen kann. Die Patienten bemerken Einschränkungen bei feinmotorischen oder zielgerichteten Bewegungen, einen unsicheren Gang sowie ein gehäuftes Stolpern oder Stürze. Im späten Krankheitsverlauf kommt es vor allem in den Beinmuskeln zu einer erhöhten Muskelanspannung, zu einer Spastik. Sie schränkt die Beweglichkeit zunehmend ein und geht mit weiteren Beschwerden wie Muskelsteifigkeit, Verkrampfungen, Spannungsgefühlen, Muskelverkürzungen und -schwäche sowie Schmerzen einher.

Die wichtigste Behandlungsmethode bei Bewegungsstörungen ist die Physiotherapie. Trainiert werden Kraft, Koordination, Stand-, Gang- und Handfunktionen. Schmerzen und Spastik werden vermindert, Gleichgewicht und Bewegungsabläufe verbessert. Ziel ist es, die körperliche Leistungsfähigkeit zu stabilisieren oder wieder zu verbessern und die Berufsfähigkeit so lange wie möglich zu erhalten.

Neurophysiologische Maßnahmen

Bewährte physiotherapeutische Methoden bei MS-Patienten sind neurophysiologische Methoden wie die Therapie nach Bobath, Vojta oder die propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF) nach Kabat. Das Bobath-Konzept nutzt die Plastizität des Gehirns. Verloren gegangene Fähigkeiten sollen von gesunden Hirnregionen übernommen werden. Der Therapeut folgt keinen standardisierten Übungen, sondern orientiert sich am Alltag des Patienten.

Die Vojta-Therapie beruht auf der Annahme, dass bestimmte Bewegungsmuster angeboren sind und durch gezielte Aktivierung wieder erlernt werden können. Der Therapeut löst durch Druck auf eine Reizzone reflexartige Kriech- oder Umdrehbewegungen aus, die für das Gleichgewicht, die Aufrichtung sowie Greif- und Schrittbewegungen erforderlich sind. Ausgelöst werden können darüber hinaus auch Reflexbewegungen, die zum Beispiel für die Zungenbewegung, die Atmung oder das Schlucken notwendig sind.

Bei der PNF-Therapie werden Bewegungsrezeptoren in Gelenken, Muskeln und Sehnen durch Dehnung, Zug oder Druck aktiviert. Dies soll das Zusammenspiel von Rezeptoren, Nerven und Muskeln fördern und dadurch alltägliche Bewegungen leichter machen.

Zusätzlich nutzen Physiotherapeuten auch bei MS-Patienten Geräte, mit denen einzelne Funktionsstörungen behandelt werden können wie motorgetriebene Fahrräder oder Laufbänder mit einem körperentlastenden Bauchgurt. Um Blasenstörungen zu verbessern, wird die Therapie um Beckenbodengymnastik ergänzt.

Werden Funktionsverluste therapiert, wird die Physiotherapie häufig mit einer Ergotherapie kombiniert. Dabei liegt der Fokus auf dem Training alltäglicher Aktivitäten wie Waschen, Anziehen, Toilettengänge, Essen und Trinken, Arbeiten im Haushalt oder Schreiben. Auch der Umgang mit Hilfsmitteln wie Gehstöcken, Rollatoren oder speziellen Bestecken wird, wenn nötig, erlernt und geübt. In das Therapiespektrum der Ergotherapie fällt auch das sogenannte Arbeitsplatztraining, bei dem Betroffene lernen, wie der Arbeitsplatz an ihre Bedürfnisse angepasst werden kann.

Sprechen und schlucken üben

Sprech- und Schluckstörungen sind typische Einsatzbereiche für Logopäden im Rahmen der MS-Behandlung. Sie sind das Resultat einer gestörten Koordination der verschiedenen Muskeln und Organe, die für den Sprech- beziehungsweise Schluckvorgang benötigt werden. Die Auswirkungen reichen von für Außenstehende kaum wahrnehmbaren Einschränkungen bis hin zur Unverständlichkeit des Gesprochenen.

Mit dem Logopäden trainieren Betroffene, die Sprechgeschwindigkeit und Stimmlage wieder besser zu kontrollieren. Ergänzend werden Entspannungsübungen und Biofeedback-Verfahren eingesetzt. Sind die Sprachstörungen nicht mehr therapierbar, bekommen Patienten die Möglichkeit, eine nonverbale Kommunikation durch Mimik, Gestik, Buchstaben- und Bildtafeln oder Sprachcomputer zu erlernen.

Um schlucken zu können, müssen 25 Muskeln aufeinander abgestimmt werden. Sind einzelne von ihnen beeinträchtigt, verschlucken sich die Betroffenen, die Nahrung kann zurückfließen oder es tritt ein vermehrter Speichelfluss auf. Gelangen Nahrungsbestandteile in die Atemwege, drohen starke Hustenanfälle, eine Lungenentzündung und im schlimmsten Fall Ersticken.

Gemeinsam mit dem Logopäden trainieren Betroffene Zunge und Lippen. Sie lernen, langsam zu essen, gezielt zu schlucken oder ihren Schluckreflex durch einen Kältereiz auszulösen. Dazu kommen Verhaltensanpassungen wie der aufrechte Sitz oder die optimale Kopfhaltung beim Essen. Zudem gilt es, herauszufinden, mit welchen Nahrungsformen sie gut zurechtkommen und welche Ess- oder Trinkhilfen unterstützend eingesetzt werden können.

Training fürs Hirn

Multiple Sklerose verursacht nicht nur körperliche Symptome. Gerade zu Beginn der Erkrankung können Betroffene die psychische Belastung als wesentlich schwerer empfinden. Sie müssen verarbeiten, dass es kaum möglich ist, Vorhersagen über den Verlauf der Krankheit zu treffen, und lernen, diesen Unsicherheitsfaktor in ihre Lebensplanung zu integrieren. Eine Psychotherapie kann unterstützend wirken, später gehört sie bei Depressionen oder sexuellen Störungen zum Therapiespektrum.

Das Risiko, an einer schweren Depression zu erkranken, liegt für MS-Patienten bei 50 Prozent. Nimmt man leichte Depressionen mit dazu, steigt das Risiko auf 70 Prozent. Laut der DMSG gehen 30 Prozent der Todesfälle bei MS auf das Konto von Suiziden. Mittel der Wahl ist eine kognitive Verhaltenstherapie, die mit Antidepressiva unterstützt wird. Eine Alternative ist die interpersonelle Therapie. Hier dreht sich alles um zwischenmenschliche Beziehungen. Die Patienten üben, den Umgang mit Konflikten, Kontaktschwierigkeiten, Verlusten oder den Abschluss von Lebensabschnitten besser zu bewältigen.

Ebenfalls in den Behandlungsbereich der Psychologie fallen MS-bedingte Einschränkungen der kognitiven Funktionen. Etwa 40 Prozent der Patienten bemerken Schwierigkeiten im Bereich der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit oder Rechenfähigkeit, beim Planen, Strukturieren oder schlussfolgernden Denken sowie in der Gedächtnisleistung. Das wiederum löst Unsicherheit und Ängste aus. Neuropsychologische Funktionstrainings konzentrieren sich auf die individuellen Probleme der Patienten und trainieren gezielt, um entweder geschwächte Funktionen wiederherzustellen, zu kompensieren oder mit dem Verlust umzugehen.

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