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Abhängigkeit überwinden

Teufelskreis Alkoholsucht stoppen

Vor mehr als 60 Jahren erkannte das Bundessozialgericht Alkoholismus als Krankheit an. Doch so richtig angekommen ist diese Botschaft in der Gesellschaft bis heute nicht. Noch immer ist die Erkrankung mit einem Tabu belegt. Betroffene und Angehörige haben oft keinen Mut, offen darüber zu sprechen.
Annette Immel-Sehr
21.02.2020  15:30 Uhr

Alkohol ist in unserer Gesellschaft weitgehend akzeptiert. Bei vielen Anlässen gehört er selbstverständlich dazu, und oft wird erwartet, dass jeder mittrinkt. Wenn jemand mit der »Volksdroge« allerdings nicht zurechtkommt und zu viel oder zu häufig Alkohol trinkt, kann er nicht unbedingt mit Anteilnahme rechnen. Nicht selten werden Alkoholiker lächerlich gemacht oder ausgegrenzt.

Dabei ist Alkoholabhängigkeit keine Charakterschwäche, sondern eine Erkrankung, deren Behandlungskosten die Krankenkassen beziehungsweise die Rentenversicherung tragen. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass die Ursache multifaktoriell ist. Das heißt, dass viele Faktoren zusammen die Erkrankung auslösen. Dazu gehören unter anderem die genetische Ausstattung, das familiäre und weitere soziale Umfeld und die Verfügbarkeit der Droge. Daneben erhöhen verschiedene psychiatrische Erkrankungen das Risiko für eine Alkoholsucht.

Wer regelmäßig Alkohol konsumiert oder ab und zu deutlich »über den Durst« trinkt, ist deswegen noch nicht alkoholkrank. Dennoch ist ein solches Verhalten nicht harmlos. Aus diesem Lebensstil kann sich schleichend eine Abhängigkeit entwickeln. Im Jahrbuch 2019 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen heißt es: »Deutschland ist ein Hochkonsumland in Bezug auf Alkohol.« Nach Angaben der Drogenbeauftragten der Bundesregierung aus dem vergangenen Jahr weisen rund 18 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen in Deutschland einen riskanten Alkoholkonsum auf. So bezeichnen Fachleute einen Verbrauch, durch den der Betreffende mit hoher Wahrscheinlichkeit künftig Schaden nehmen wird. Während Risikokonsum bei Männern in allen sozialen Schichten etwa gleich häufig vorkommt, sind es bei den Frauen vor allem die mit einem hohen Sozialstatus, die riskant trinken.

Fast 2 Millionen abhängig

Auch Alkoholismus selbst ist weit verbreitet. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse gibt es in Deutschland etwa 1,9 Millionen Alkoholabhängige. Allerdings nehmen nur rund 10 bis 15 Prozent der Betroffenen eine spezialisierte Behandlung in Anspruch, um die Erkrankung zu überwinden und weitere negative Folgen zu verhindern. Dass sich der Großteil der Alkoholiker nicht für eine Therapie entscheidet, hat weitreichende Folgen: Die Lebenserwartung von Alkoholabhängigen ist statistisch gesehen um etwa zwölf Jahre verkürzt. Schätzungsweise 74.000 Todesfälle jährlich sind durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht.

Nach der Definition der zuständigen Fachgesellschaften liegt ein »Alkoholabhängigkeitssyndrom« vor, wenn innerhalb eines Jahres mindestens drei der folgenden Kriterien gleichzeitig auftreten:

  • starkes Verlangen oder Zwang, Alkohol zu trinken
  • eingeschränkte Kontrolle bezüglich Beginn, Ende und Menge des Konsums
  • körperliche Entzugserscheinungen wie Schwitzen und Zittern nach Beenden oder Vermindern des Konsums
  • Erfordernis von zunehmend größeren Mengen Alkohol, um den gewünschten Effekt zu erreichen (Toleranzentwicklung)
  • erhöhter Zeitaufwand, um Alkohol zu beschaffen, zu trinken oder sich von den Folgen zu erholen; Vernachlässigung anderer Aktivitäten und Interessen
  • fortgesetzter Alkoholkonsum trotz schädlicher Folgen im körperlichen, geistig-psychischen oder sozialen Bereich

Um die Situation des Patienten besser einschätzen zu können, nutzen Ärzte für die Diagnosestellung meist standardisierte Fragebögen. Auch wenn jede Krankheitsgeschichte individuell ist, so gibt es doch viele Gemeinsamkeiten im Verlauf einer Alkoholabhängigkeit. Es beginnt meist damit, dass Betroffene tagsüber immer öfter an den Alkohol denken (Prodromalphase). Sie sorgen dafür, dass genügend Alkohol verfügbar ist. Immer häufiger trinken sie heimlich oder schon morgens in gierigen Schlucken. Gleichzeitig entwickeln sie Schuldgefühle, weil sie merken, dass etwas an ihrem Verhalten nicht in Ordnung ist.

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