PTA-Forum online
Stomapflege

Tipps im Umgang mit künstlichem Darmausgang

Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland sind Stomaträger. Die meisten von ihnen haben einen künstlichen Darmausgang. Wird er optimal versorgt und richtig gepflegt, ist ein nahezu uneingeschränktes Leben möglich.
Carina Steyer
14.08.2020  12:30 Uhr

Die Versorgung eines künstlichen Darmausgangs ist ein intimer Vorgang und die meisten Patienten sind froh, wenn sie ihn nach der Operation selbst übernehmen können. Welche Schritte dabei beachtet werden müssen, hängt zunächst einmal davon ab, ob Betroffene ein ein- oder zweiteiliges Stomasystem tragen: Bei einteiligen Systemen ist der Beutel, der die Ausscheidungen auffängt, fest mit einem Hautschutz verbunden.

Dieser hält die Versorgung am Körper, schützt die Haut vor den Ausscheidungen und wird bei jedem Versorgungswechsel mit ausgetauscht. Zweiteilige Systeme bestehen zusätzlich aus einer sogenannten Basisplatte. Diese sorgt dafür, dass der Beutel am Stoma verbleibt, indem er entweder mit einem Rastring oder über eine Klebeverbindung an der Basisplatte fixiert wird. Die Basisplatte selbst muss nicht bei jedem Beutelwechsel mit ausgetauscht werden, sondern nur alle zwei bis vier Tage.

Die Beutel gibt es in unterschiedlichen Größen, transparent oder mit hautfarbenem Vliesbezug, als Einmalbeutel oder zum sogenannten Ausstreifen (offene Beutel). Bei Letzterem kann der Inhalt durch eine unten am Beutel befindliche Öffnung entsorgt werden, ohne dass der Beutel gleich gewechselt werden muss. Welches Produkt geeignet ist, hängt neben den persönlichen Vorlieben von der Lage des künstlichen Darmausgangs ab. Bei einem Dickdarmausgang raten Stomatherapeuten zu Einmalbeuteln, da die Ausscheidung breiig bis fest in der Konsistenz ist. Ein Dünndarmausgang fördert flüssig bis dünnbreiige Ausscheidungen, hier eignen sich Beutel zum Ausstreichen.

Schritt für Schritt

Ein Versorgungswechsel wird empfohlen, wenn der Beutel zur Hälfte gefüllt, der Aktivkohlefilter erschöpft, die Versorgung undicht ist oder ein unangenehmes Gefühl verursacht. Gereinigt werden Haut und Stomaanlage mit feuchten Vlieskompressen und zwar spiralförmig von außen nach innen. So wird verhindert, dass Ausscheidungen und Darmbakterien über die Bauchdecke verteilt werden. Nur ein künstlicher Blasenausgang wird von innen nach außen gereinigt, um eine Keimeinschleppung in die Nieren zu verhindern. Anschließend kann der Bereich mit Kompressen trocken getupft und an der Luft nachtrocknen gelassen werden.

Um den Säureschutzmantel der Haut zu erhalten, wird zur Reinigung mit Wasser geraten. Reicht diese bei starker Verschmutzung nicht aus, können Betroffene auf eine alkalifreie Waschlotion oder fertige Reinigungstücher (zum Beispiel Babyfeuchttücher ohne Öl) ausweichen. Desinfektionsmittel, Alkohol oder parfümierte Seifen hingegen sollten vermieden werden. Sie verändern die Hautflora und trocknen die Haut aus. Fetthaltige Salben und Cremes sowie Öl und Ölbäder können verhindern, dass das Hautschutzmaterial sicher haftet. Waschlappen und Schwämme sind ebenfalls ungeeignet, da sie einen guten Nährboden für Bakterien und Pilze bilden. Auch Zellstoff, Watte, Papiertaschentücher und Toilettenpapier können stark an der Darmschleimhaut haften und lassen sich nur schwer entfernen.

Wird die Hautschutzplatte mitgewechselt, sollte sie vorsichtig von oben nach unten abgelöst werden. Dabei die Haut leicht straffen. Ist das erste Stück gelöst, erleichtert eine wassergetränkte Vlieskompresse zwischen Haut und Hautschutzplatte das Ablösen. Das Aufkleben der neuen Hautschutzplatte erfolgt in umgekehrter Richtung von unten nach oben. Wird eine Basisplatte geklebt, geschieht das von innen nach außen.

Eine bessere Haftung auf der Haut kann erreicht werden, wenn die Handfläche zwei bis drei Minuten lang auf das System aufgelegt wird. Wichtig ist, dass der Hautschutz möglichst exakt auf die Form und Größe des Stomas abgestimmt wird. Dafür stellen viele Hersteller Schablonen zur Verfügung. In den ersten Wochen nach der Operation beobachten Patienten häufig, dass das Stoma kleiner wird. Aber auch etliche Jahre nach der Operation kann es sich immer wieder verändern. Damit die Hautschutzplatte gut haftet, wird diese ebenfalls auf den Patienten abgestimmt. So gibt es flache Platten, die sich für glatte Bauchoberflächen eignen oder leicht gewölbte Platten, die bei Anlagen im Hautniveau oder in kleinen Hautfalten eingesetzt werden.

Irritationen schnell behandeln

Die Haut um den künstlichen Darmausgang ist äußerst sensibel. Kommt sie in Kontakt mit Ausscheidungen, zeigt sich das durch Hautirritationen oder wunde und offene Stellen. Je früher hier reagiert wird, umso schneller lässt sich der Hautzustand bessern und unangenehme Beschwerden oder Schmerzen beseitigen. Auslöser für Hautirritationen sind meist eine zu groß gewählte Ausschnittsöffnung an der Hautschutzplatte oder eine Unterwanderung des Hautschutzmaterials mit Ausscheidungen.

Neben der Größenanpassung und einem häufigeren Versorgungswechsel können Hydrokolloide in Form von Stomapaste oder Hautschutzringen helfen, dass Unebenheiten ausgeglichen und Lücken geschlossen werden. Auf offene oder nässende Stellen können Hydrokolloide in Pulverform (zum Beispiel Stomahesive® Adhäsivpulver, Stomocur® Hautschutzpuder) aufgetragen werden. Sie absorbieren die Wundfeuchtigkeit und sorgen für eine bessere Haftung der Hautschutzplatte. Zusätzlich kann eine dickere Hautschutzplatte oder ein Schaumverband (zum Beispiel Varihesive E oder Alione) helfen.

Wunde Bereiche werden mit einer Wundsalbe zum Beispiel Cavilon®Hautschutz behandelt. Fettende Wundsalben sind ungeeignet, da die Versorgung darauf nicht haftet und sich der Hautzustand verschlimmert. Auch ein zu häufiger Wechsel der Stomaversorgung oder mechanische Reize können die Haut röten und Juckreiz oder Brennen verursachen. Hier kann es helfen, zumindest bis zur Abheilung der Hautirritation, auf ein zweiteiliges System umzustellen.

Mechanische Reizungen oder Reinigungsmaßnahmen können die Schleimhaut des Stomas verletzen, was zu Blutungen führen kann. Diese sind in der Regel harmlos und können durch das Auflegen einer mit kaltem Wasser befeuchteten Kompresse gestillt werden. Kommt die Blutung so nicht zum Stillstand, sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Allergie, Pilz oder Follikulitis

Typisches Anzeichen für eine Pilzinfektion sind rote Stellen mit weißen Begrenzungen, die jucken, brennen und auch nässen können. Um Pilzinfektionen vorzubeugen, sollten Stomaträger darauf achten, das richtige Maß bei der Hygiene einzuhalten und pH-neutrale Reinigungs- und Pflegeprodukte zu verwenden. Betroffen sind oft Patienten mit einem geschwächten Immunsystem durch eine Chemo- oder Strahlentherapie, einen Diabetes oder eine HIV-Erkrankung. Bei Anzeichen einer Pilzerkrankung sollten Stomaträger einen Hautarzt aufsuchen und eine Kultur anfertigen lassen.

Eine Follikulitis zeigt sich durch rote, meist eitrige, etwa stecknadelkopfgroße Pusteln, die jucken und schmerzen können. Sie entsteht, wenn Haare im Bereich der Hautschutzplatte beim Ablösen mit ausgerissen werden und Bakterien in die geschädigte Haut und den Haarfollikel eindringen. Solange die Follikulitis oberflächlich ist, kann sie mit antiseptischen oder antibiotischen Cremes behandelt werden. Um einer Follikulitis vorzubeugen, raten Stomatherapeuten, die Haare regelmäßig mit einem Einmalrasierer zu entfernen. Während des Rasierens wird das Stoma mit einer feuchten Vlieskompresse abgedeckt und vorsichtig sternförmig vom Stoma weg rasiert. Enthaarungscremes werden, aufgrund möglicher allergischer Reaktionen, nicht empfohlen.

Diese zeigen sich in der Regel durch Bläschen, Rötungen und Juckreiz, die auf den Anwendungsbereich der Versorgung beschränkt sind. Auslöser können alle Materialien sein, die für die Stomaversorgung und -pflege verwendet werden. Auch dann, wenn der Patient die Produkte schon lange verwendet und bisher gut vertragen hat. Wird eine Allergie vermutet, sollte auf Versorgungssysteme eines anderen Herstellers gewechselt werden. Tritt keine Besserung ein, muss die Verträglichkeit der verwendeten Reinigungsmittel und Pflegeartikel sowie der Beutelfolien überprüft werden. Gleichzeitig sollten Betroffene einen Allergietest bei einem Allergologen durchführen lassen.

Mehr von Avoxa