PTA-Forum online
Fluoride

Überdosis vermeiden

Fluoride machen Zähne stabil und widerstandsfähig. Die meisten Kinder und Erwachsenen putzen ihre Zähne daher mit fluoridhaltiger Zahnpasta. Auch Schwarztee, Trink- und Mineralwasser enthalten Fluoride. Die empfohlene Dosis für die Prävention ist schnell überschritten.
Ulrike Becker
21.06.2019
Datenschutz

In Deutschland bekommen Säuglinge zusammen mit der Vitamin-D-Prophylaxe routinemäßig Fluoride verabreicht. Auch viele Klein- und Schulkinder schlucken noch Fluoridtabletten. Kritische Stimmen raten von dieser Praxis ab, da die Schwelle zur Überversorgung relativ niedrig ist. Im letzten Jahr hat zudem eine Studie aus Mexiko junge Eltern aufgeschreckt, die eine hohe Fluoridaufnahme während der Schwangerschaft mit auffälligem Verhalten der Kinder in Verbindung bringt. Es gibt also einige Gründe, bei Fluorid einmal genauer hinzuschauen. 

Das reaktionsfreudige Spurenelement Fluor kommt in der Natur meist chemisch gebunden als Salz vor. So findet sich Fluorid in Gesteinen, Böden, Sedimenten sowie im Wasser. Geringe Mengen sind in allen Lebensmitteln sowie im Trinkwasser nachweisbar, ebenso im menschlichen Körper. Für die Entwicklung des Menschen und das Wachstum ist Fluorid nicht essenziell. Wissenschaftler sind sich jedoch einig, dass Fluoride das Risiko für Karies reduzieren. Der Körper lagert sie in die kristalline Struktur der Zähne ein, was bei entsprechender Dosierung die Stabilität des Zahnschmelzes erhöht. Außerdem fördern Fluoride die Remineralisation der Zähne und machen sie widerstandsfähiger – sowohl gegen Säure aus der Nahrung als auch gegen Säure, die bestimmte Bakterien im Mund produzieren. Darüber hinaus hemmen Fluoride das Wachstum verschiedener Kariesbakterien.

Symptome für Fluormangel unbekannt

Aufgrund seiner nachweislich positiven Wirkung hinsichtlich der Kariesprävention ordnet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) Fluoride den »gesundheitlich notwendigen Elementen« zu. Die Experten der Fachgesellschaft empfehlen Frauen ab 19 Jahren eine Gesamtzufuhr von 3,1 Milligramm Fluorid am Tag und Männern 3,8 Milligramm. Das schließt Fluoride aus fester Nahrung, Trinkwasser, Getränken und angereichertem Salz sowie Fluoridtabletten oder fluoridhaltigen Zahnpflegeprodukten ein.

Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kann für Fluorid nach derzeitigem Kenntnisstand kein wirklicher Bedarf definiert werden, zudem sind keine Symptome für einen Fluormangel bekannt. Die von der DGE veröffentlichten »Richtwerte für die Fluoridgesamtzufuhr« orientieren sich vielmehr an praktischen Erfahrungen in der Kariesprophylaxe. Aus epidemiologischen Studien ist bekannt, dass zwischen dem Fluoridgehalt im Trinkwasser und der Häufigkeit von Karies bei Kindern ein Zusammenhang besteht. Als geeignete Menge gilt eine Zufuhr von 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Dieser Wert bildet die Grundlage für die Berechnung der empfohlenen Richtwerte. 

Geschätzte Aufnahme

Die durchschnittliche Fluoridaufnahme hängt hauptsächlich vom Fluoridgehalt des Trinkwassers sowie der Nutzung von fluoridiertem Speisesalz in der heimischen Küche ab. Die Nahrung enthält insgesamt relativ wenig des Spurenelements; lediglich der Gehalt in Meerestieren fällt etwas höher aus. Dabei befinden sich die Fluoride allerdings hauptsächlich in den Gräten. Die tägliche Aufnahme über Lebensmittel wird auf 0,4 bis 0,6 Milligramm pro Tag geschätzt. Wer regelmäßig reichlich Nüsse, Vollkornprodukte oder Fische wie Sprotten oder Sardellen mit Gräten konsumiert, erreicht deutlich höhere Werte. Auch Trink- und Mineralwasser können die Fluoridzufuhr maßgeblich beeinflussen.

Teeliebhaber nehmen über grünen und schwarzen Tee je nach Sorte ebenfalls einiges an zusätzlichem Fluorid auf. Nach Schätzungen der Wissenschaftler des BfR liegt die Fluoridaufnahme aus allen Zufuhrquellen bei bis zu 2,1 Milligramm pro Tag. Wie hoch die tatsächliche Zufuhr ausfällt, darüber existieren jedoch keine zuverlässigen Daten. Weder in der Nationalen Verzehrstudie noch in dem alle vier Jahre erscheinenden Ernährungsbericht der DGE taucht eine Erfassung der aufgenommenen Fluoridmenge auf. Das Besondere an Fluorid ist der enge Abstand zwischen den Empfehlungen für die Zufuhr und der »tolerierbaren täglichen Zufuhrmenge« – auf Englisch Upper Level (kurz UL). Dieser Wert definiert die maximale tägliche Nährstoffmenge, die bei chronischer Zufuhr mit hoher Wahrscheinlichkeit keine negativen gesundheitlichen Folgen hat. Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat als UL für Fluoride 0,1 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt. Das entspricht bei 9- bis 14-jährigen rund fünf Milligramm und für Jugendliche ab 15 Jahren und Erwachsene sieben Milligramm am Tag.

Überversorgung möglich

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt als Richtwert für den Gehalt im Trinkwasser, der auf Dauer nicht überschritten werden sollte, 1,5 Milligramm Fluorid pro Liter an. In schätzungsweise 90 Prozent der deutschen Trinkwasserquellen beträgt die Konzentration weniger als 0,3 Milligramm Fluoride pro Liter. Je nach regionaler Bodenbeschaffenheit können die Werte aber bis zu 1,8 Milligramm pro Liter betragen. Einen weiteren Sonderfall stellen Haushalte dar, die ihr Trinkwasser aus Hausbrunnen gewinnen. Diese Wasserquellen können je nach Fluoridgehalt der Gesteine eine höhere Aufnahme bedingen.

Seit 1991 ist in Deutschland Speisesalz mit Fluorid-Zusätzen zugelassen. Mittlerweile sind etwa 75 Prozent des verkauften Speisesalzes fluoridiert. Jedes Gramm liefert 0,25 Milligramm Fluorid. Den häuslichen Salzverbrauch bei Erwachsenen schätzen Experten auf etwa zwei Gramm am Tag. Das heißt, wer angereichertes Salz verwendet, nimmt pro Tag zusätzliche 0,5 Milligramm Fluorid auf, Kinder etwa die Hälfte.

Schwarzer und grüner Tee können ebenfalls eine beachtliche Quelle für Fluorid darstellen. In einer amerikanischen Studie untersuchten Forscher den Fluoridgehalt von 47 verschiedenen Teesorten und fanden Fluoridwerte zwischen 296 und 1112 Milligramm pro Kilogramm und in den Aufgüssen 1,47 bis 6,9 Milligramm pro Liter. Je länger die Ziehdauer, desto mehr Fluorid löste sich aus den Teeblättern. Nach den Berechnungen der Studienautoren können daraus Werte resultieren, die das Gesundheitsrisiko erhöhen. Mit nur einer Tasse Tee der am höchsten belasteten Teesorte können demnach die empfohlenen Richtwerte bereits überschritten werden.

Auf das Etikett achten

Eine Stellungnahme des BfR aus dem letzten Jahr macht darauf aufmerksam, dass auch über Mineralwasser eine überhöhte Fluoridzufuhr möglich ist. In Abhängigkeit des Fluoridgehalts der Gesteinsschichten enthalten natürliche Mineralwässer je nach Herkunft ganz unterschiedliche Konzentrationen und weisen nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege in Hessen (LAGH) hierzulande Werte zwischen 0,1 und 4,5 Milligramm pro Liter auf.

Seit 2008 gilt in der Europäischen Union ein Grenzwert von 5 Milligramm Fluorid pro Liter Mineralwasser. Für die Berechnung der Obergrenze legten die Experten einen Konsum von 0,5 bis 2 Litern Mineralwasser pro Person und Tag zu Grunde. Dabei wurden jedoch keine weiteren Zufuhrquellen für Fluorid mitberücksichtigt, kritisieren Mitarbeiter des BfR. Sie halten die Obergrenzen für zu hoch. Bereits bei einem Konsum von nur einem Liter sehr fluoridhaltigem Mineralwasser würden Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren die tolerierbare Zufuhrmenge überschreiten.

Das BfR empfiehlt deshalb, die Höchstwerte für Fluorid an den Werten für Trinkwasser zu orientieren und auf 1 bis 1,5 Milligramm pro Liter zu senken. Der Fluoridgehalt eines natürlichen Mineralwassers steht bislang nicht generell auf dem Etikett. Allerdings muss Mineralwasser bei Werten ab 1,5 Milligramm Fluorid pro Liter als »fluoridhaltig« gekennzeichnet werden; bei mehr als 1,5 bis unter 5 Milligramm pro Liter ist der Hinweis vorgeschrieben, dass das Wasser für Säuglinge und unter Siebenjährige nicht zum regelmäßigen Verzehr geeignet ist. Wenn der Fluoridgehalt unter 0,7 Milligramm pro Liter liegt, darf auf dem Etikett stehen: »geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung«. 

In großen Mengen schädlich

Akute Vergiftungen mit Fluoriden sind zwar selten, wurden aber unter anderem bei fehlerhafter Fluoridierung des Trinkwassers beobachtet. Als Folge können Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Krämpfe bis hin zum Herzstillstand auftreten. Langzeitstudien wiesen nach, dass vor allem eine langfristig erhöhte Aufnahme, chronische Toxizität genannt, nicht ohne Folgen bleibt. So kann eine überhöhte Fluoridzufuhr während der Zahnentwicklung Schmelzflecken in den bleibenden Zähnen verursachen. Mediziner sprechen von einer Zahn- oder Dentalfluorose. Dabei wird übermäßig viel Fluorid in den Zahnschmelz eingebaut.

Geringe Fluoridüberschüsse können zu weißen, größere Mengen zu bräunlichen Verfärbungen der Zähne oder kleinen Vertiefungen führen. Dies ist in erster Linie ein ästhetisches Problem. Bei deutlich erhöhten Aufnahmemengen verdrängen Fluoride andere Mineralstoffe wie Calcium, was die sich entwickelnden Zähne instabiler werden lässt. Davon können neben den Milchzähnen auch die bleibenden Zähne betroffen sein. Mit etwa acht Jahren ist der Zahnschmelz der bleibenden Zähne ausgereift, eine Dentalfluorose kann dann nicht mehr auftreten.

Nimmt ein Mensch über einen längeren Zeitraum deutlich zu viel Fluorid zu sich, besteht das Risiko einer Skelettfluorose. Dabei lagern die Knochen – ähnlich wie die Zähne – überreichlich Fluoride ein. Die Knochendichte nimmt durch die Einlagerung zu. Allerdings fehlt den Knochen die nötige Elastizität, und sie brechen leichter. Betroffene leiden oft auch unter Gliederschmerzen, Gelenksteifigkeit und Verkalkung der Bänder.

In einer Langzeitstudie mit Frauen nach den Wechseljahren traten bei einer Fluoridkonzentration ab 0,6 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht signifikant mehr Knochenbrüche abseits der Wirbelsäule auf – dazu zählen Brüche an Schlüsselbein, Oberarm, Handgelenk, Hüfte und Kreuzbein. Bei einer 60 Kilogramm schweren Frau wären das 36 Milligramm Fluorid am Tag, also mehr als zehnmal so viel wie der empfohlene Richtwert. In solch hohen Dosen wurde Fluorid vor allem in der Vergangenheit zur Behandlung der Osteoporose eingesetzt. Denn Fluorid hat auch einen positiven Effekt auf die Knochen: Es stimuliert die Bildung der Osteoblasten und vermehrt dadurch indirekt die Knochenmasse. Da es mittlerweile Osteoporosemittel mit einem besseren Nutzen-Risiko-Verhältnis gibt, hat Fluorid hier kaum noch Bedeutung. 

Tabletten in der Diskussion

Hierzulande erhalten etwa 80 Prozent der Säuglinge Fluorid-Tabletten, um die Zähne bereits vor ihrem Durchbruch widerstandsfähiger zu machen. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin rät ebenso wie die DGE zur Fluoridgabe über Tabletten oder Tropfen (0,25 Milligramm Fluorid pro Tag) vom Säuglingsalter bis zum dritten Lebensjahr. Erst wenn regelmäßig eine relevante Menge an fluoridiertem Speisesalz verzehrt werde, sollten Eltern keine Fluoridtabletten mehr geben. Viele Zahnmediziner sind dagegen überzeugt, dass lokal einwirkendes Fluorid aus Zahnpasta oder Zahnlack nach dem Zahndurchbruch effektiver wirkt. Es wird ohne Umweg über den Stoffwechsel direkt in die äußerste Schicht des Zahnschmelzes aufgenommen.

Auch 40 bis 60 Prozent der Klein- und Schulkinder schlucken noch regelmäßig Fluoridtabletten. Gleichzeitig putzen die meisten ihre Zähne bereits mit fluoridierter Zahnpasta und viele salzen zu Hause mit fluoridiertem Speisesalz. So kann möglicherweise eine für Kinder kritische Dosis zusammenkommen. Neue Brisanz bringt eine Studie aus Mexiko in die Diskussion. Kanadische Wissenschaftler wollten untersuchen, ob eine erhöhte Fluoridaufnahme in der Schwangerschaft das Verhalten oder die Intelligenz des Kindes beeinflusst. Denn epidemiologische und tierexperimentelle Studien hatten einen möglichen Einfluss von Fluorid auf die Entwicklung des Verhaltens beobachtet, was sich in einem geringeren Intelligenzquotienten und Aufmerksamkeitsdefiziten äußerte. An der Studie nahmen 213 mexikanische Mutter-Kind-Paare teil. Die Forscher verfügten zum einen über Urinproben der Schwangeren und zum anderen über Verhaltenstests bei den Sechs- bis Zwölf-jährigen.

Die Ergebnisse deuten laut der Studienautoren tatsächlich auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Fluoridaufnahme der Schwangeren und kognitiven Problemen der Kinder. Allerdings waren die Resultate nicht signifikant. Die daraus von einigen Medien abgeleiteten Schlagzeilen »Fluorid macht dumm« halten deutsche Wissenschaftler aufgrund fachlicher Mängel der Studie für nicht haltbar. Zudem nähmen Menschen in Mexiko deutlich größere Fluoridmengen auf. Deshalb sei nicht davon auszugehen, dass hierzulande ein Zusammenhang zwischen der Fluoridaufnahme bei Schwangeren und dem Intelligenzquotienten der Kinder bestehe. 

Fluoridierte Zahnpasta sinnvoll

Festzuhalten bleibt, dass über fluoridhaltige Tees, Mineral- und Trinkwasser, Zahnpflegemittel sowie fluoridiertes Speisesalz im Einzelfall hohe Fluoridaufnahmen resultieren können. Für die meisten Menschen in Deutschland dürfte die Zufuhrmenge aber unbedenklich sein. Um Karies zu vermeiden, bleibt eine zusätzliche Fluoridaufnahme grundsätzlich empfehlenswert, auch wenn das BfR anmerkt, dass es an belastbaren wissenschaftlichen Studien zu Nutzen und Risiken der Kariesvorbeugung durch Fluoridsupplemente mangelt.

Säuglinge und Kleinkinder bis einschließlich drei Jahren sollten Fluoride aber nur aus einer Quelle aufnehmen. Sobald sie die Zähne mit fluoridierter Zahnpasta geputzt bekommen, sollten sie keine Fluoridtabletten mehr erhalten. Denn über das Verschlucken von Zahnpasta können Kleinkinder etwa genau so viel Fluorid aufnehmen wie durch Tabletten oder fluoridiertes Salz.

Bei der Diskussion um die Fluoridgabe sollte man nicht  vergessen, dass Karies keine Fluoridmangelkrankheit ist. Neben der fluoridhaltigen Zahnpasta spielen auch das konsequente zweimal tägliche Putzen als solches, die Zahnputztechnik sowie die gesunde Ernährung eine wichtige Rolle für die Kariesprophylaxe. Passionierte Teetrinker können sich beim Hersteller über den Fluoridgehalt ihrer Lieblingssorte informieren. Auch bei Trink- und Mineralwasser empfiehlt es sich, bei den Stadtwerken beziehungsweise den Unternehmen nach der Zusammensetzung des Wassers zu fragen.

Mehr von Avoxa