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Risikofaktor Adipositas

Übergewicht als Auslöser von Brustkrebs?

Starkes Übergewicht hat dieselben negativen Folgen bei der Entstehung von Brustkrebs wie die Einnahme von Hormonen. Zu diesem Ergebnis kommt Professor Ludwig Kiesel, Direktor der Universitäts-Frauenklinik am Universitätsklinikum Münster (UKM). »Seit 1975 hat sich die Zahl der Menschen mit Adipositas weltweit verdreifacht – mit bisher unabsehbaren Folgen auch in Sachen Brustkrebs«, erklärt er in einem Presseschreiben.
Katja Egermeier
30.10.2019
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Der Einfluss des Übergewichts auf das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, hängt seiner Aussage nach stark davon ab, in welchem Lebensabschnitt das Übergewicht vorliegt. So sei Übergewicht nach den Wechseljahren besonders ungünstig für das Brustkrebsrisiko. Ein Erklärungsansatz könnte aus Sicht von Kiesel dabei die unterschiedliche Hormonlage von Frauen sein. Die hohe eigene Hormonbildung von Frauen vor den Wechseljahren ergebe eine völlig andere Risikokonstellation als die nach den Wechseljahren. Die geringere Produktion von Hormonen in dieser Zeit könnte den Effekt von Übergewicht oder der Einnahme von Hormonen auf das Brustkrebsrisiko verstärken.

Frauen sollten laut Kiesel daher möglichst früh abnehmen, schon vor den Wechseljahren und vorzugsweise in Kombination mit vermehrter körperlicher Bewegung. Der Kalorienverbrauch nehme nach den Wechseljahren deutlich ab. »Das heißt, man muss die Ernährungsweise rechtzeitig anpassen«, empfiehlt Kiesel. Durch Sport müsse zudem die Muskelmasse erhalten werden.

Noch besser sei es, nach den Wechseljahren gar nicht erst zuzunehmen. Jede Gewichtszunahme habe einen negativen Effekt auf die Entstehung von Brustkrebs, der aber durch Abnehmen korrigiert werden könne. »Gewicht spielt bei der Entstehung von Brustkrebs immer eine Rolle«, erklärt Kiesel. Man habe sogar herausgefunden, dass ein niedriges Geburtsgewicht mit einem geringeren Erkrankungsrisiko im Erwachsenenalter einhergehe.

Fett in der Körpermitte ist gefährlich

Kiesel betont, dass es nicht um Frauen mit einem leicht erhöhten Body-Mass-Index (BMI) gehe. »Entscheidend ist das zentrale Fett rund um die Körpermitte«. Dicke Beine oder ein dicker Po seien weniger ein Risiko. »Es kommt darauf an, wo das Fett sitzt, und das wird leider oft genetisch vorgegeben«, so Kiesel.

Gefährlich werde es vor allem, wenn die inneren Organe bei der Fettbildung mitbetroffen sind. Fett am Bauch sei ein aktives Organ und nicht nur ein Speicher für schlechte Zeiten. »Inzwischen hat man verstanden, dass ein Zusammenhang zwischen diesem aktiven Fett und entzündlichen Vorgängen, die an der Entstehung von Krebs beteiligt sind, besteht.«

Stellt man deutliches Übergewicht und eine Hormontherapie gegenüber, ist es laut Kiesel fast genauso ungünstig, einen stark erhöhten BMI zu haben wie über mehrere Jahre Hormone einzunehmen. Dabei müsse allerdings die Art der Hormontherapie berücksichtigt werden. Die Einnahme nur von Estrogenen berge ein deutlich geringeres Risiko als ein Kombipräparat aus Estrogenen und Gestagenen. Zudem habe eine kurze Einnahmedauer – unter einem Jahr – keine nennenswerten Folgen. Es gelte grundsätzlich: Je länger man Hormone einnehme, desto ungünstiger wirke es sich aus.

Übergewicht: Nicht nur bei Brustkrebs relevant

Den Zusammenhang zwischen starkem Übergewicht und Krebserkrankungen hält auch der Vorstandschef des Klinikums Stuttgart, Jan Steffen, für stark unterschätzt. »Es besteht eine deutliche Korrelation zwischen Übergewicht und Krebsrisiko, die wissenschaftlich sehr gut belegt ist«, erklärte der Internist gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Das im Fettgewebe gebildete Hormon Leptin, das in Stoffwechselprozesse eingreift, gelte als einer der begünstigenden Faktoren für das Entstehen von Tumoren.

Damit ist Übergewicht neben Rauchen aus Sicht von Steffen eine der wichtigsten vermeidbaren Ursachen von Krebs. Eine Langzeitstudie mit über fünf Millionen Menschen, die britische Forscher 2014 in der Fachzeitschrift »The Lancet« veröffentlichten, habe beispielsweise bei 17 von 22 Tumorarten eine Korrelation mit Übergewicht gezeigt. Dies habe auch für die vergleichsweise häufigen Krankheiten Brust- und Darmkrebs gegolten.

Die Studie habe auch gezeigt: Je ausgeprägter das Übergewicht, desto höher das Krebsrisiko. Nehme beispielsweise eine 1,70 Meter große und 72 Kilo schwere Frau 15 Kilo zu, steige ihr Risiko, an einem Gebärmutter-Karzinom zu erkranken, auf das 1,6-Fache. Nach Angaben der DAK Gesundheit ist die Krebsgefahr, die von starkem Übergewicht ausgeht, jedoch in weiten Teilen der Bevölkerung noch unbekannt.

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