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Zu viel Hunger

Übergewicht durch Fehlsteuerung

Viele von Adipositas Betroffene sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sich einfach nicht im Griff zu haben. Doch ist das wirklich so? Wissenschaftler kennen inzwischen einige Veränderungen auf hormoneller und metabolischer Ebene, die bei Normalgewichtigen nicht auftreten, aber auf das Hunger- und Sättigungsgefühl einwirken.
Carina Steyer
06.07.2020  12:30 Uhr
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Auf den ersten Blick ist die Entstehung von Übergewicht einfach zu erklären: Der Körper bekommt zu viel Energie in Form von Lebensmitteln und verbraucht zu wenig Energie durch Bewegung. Es entsteht ein Überschuss, der als Fett in den Fettzellen gespeichert wird. Auch wenn Wissenschaftler diesen Zusammenhang heute nicht mehr anzweifeln, bleibt eine Frage nach wie vor unbeantwortet: Warum schaffen es einige Menschen, nur so viel zu essen wie sie brauchen und andere nicht?

Im Fall der Adipositas scheint ein komplexes System aus genetischen, biologischen, neurobiologischen, psychologischen und sozialen Faktoren sowie begleitenden Umweltbedingungen ineinanderzugreifen. Welche Faktoren im individuellen Fall die Erkrankung auslösen, lässt sich bisher nicht immer eindeutig belegen. Es gibt Menschen, die aufgrund eines Gendefekts kein Sättigungsgefühl haben. Andere wiederum haben seit frühester Kindheit gelernt, Stress mit Essen zu bekämpfen. Für ihr Belohnungszentrum ist Essen nun der einzige Weg, um sich zu beruhigen. Wieder andere leiden unter Essattacken, bei denen sie die Kontrolle über sich verlieren und diese ohne Hilfe von außen nur schwer zurückerlangen können. Auch Schlafprobleme können dazu führen, dass der Stoffwechsel gestört wird. Betroffene haben permanent Hunger, obwohl der Körper keine Nahrung benötigt. Bei einigen Übergewichtigen führt Stress dazu, dass der Insulinspiegel im Körper steigt. Selbst mit viel Bewegung baut ihr Körper nur wenig Fett ab. Bei anderen wiederum scheint es Veränderungen in den Hormonleveln zu geben, die das Hunger- und Sättigungsgefühl steuern.

Komplexes Regelwerk

Hunger – Essen – Sättigung – dieser Kreislauf unterliegt einem komplexen Regelungsmechanismus. Gesteuert wird er vom Hunger- und Sättigungszentrum, die ihren Sitz im Hypothalamus haben. Beide Zentren nutzen Hormone, die vom Gehirn oder Körper ausgeschüttet werden, und eine Nahrungsaufnahme oder einen Essensstopp veranlassen. Zu den »Hungerhormonen« des Gehirns gehören das Neuropeptid Y, das Agouti Related Peptide (AGRP), das Melanin Concentrating Hormone (MCH) und cannabisähnliche Hormone (Endocannabinoide). Als Gegenspieler fungieren »Sättigungshormone« wie das Proopiomelanocortin, das Cocaine- and Amphetamine-Regulated Transcript sowie Serotonin. Wie aktiv Hunger- und Sättigungszentrum sind, hängt von den Signalen ab, die sie vom Körper empfangen. So aktivieren die Hormone Leptin, Insulin, Glucagon-like Peptid, Peptid YY und pankreatisches Polypeptid das Sättigungszentrum. Das von der Magenschleimhaut produzierte Hormon Ghrelin hingegen aktiviert das Hungerzentrum.

Zur Sättigung tragen auch physikalische Reize aus dem Magen-Darm-Trakt bei. Nehmen wir Nahrung auf, reagieren Druckrezeptoren auf die zunehmende Magenfüllung und die Dehnung der Magenwände. Beides wird an den Hypothalamus weitergeleitet und wirkt bereits dämpfend auf den Hunger. Das Sättigungsgefühl tritt jedoch erst ein, wenn Chemorezeptoren im Dünndarm und in der Leber aktiviert werden und den Energiegehalt der einzelnen Nahrungsbestandteile an das Gehirn melden.

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