PTA-Forum online
Zu viel Hunger

Übergewicht durch Fehlsteuerung

Viele Menschen mit Adipositas beschreiben, dass sie kein Sättigungsgefühl verspüren. Wissenschaftler vermuten, dass dies nicht nur durch eine Überdehnung des Magens hervorgerufen wird, sondern dass eine fehlerhafte Steuerung von Hunger- und Sättigungshormonen eine entscheidende Rolle spielen könnte. So ist bekannt, dass die Konzentration der appetithemmenden Hormone bei Adipösen niedriger ist. Gleichzeitig haben viele adipöse Menschen einen sehr hohen Leptinspiegel. Dies ist zunächst nicht erstaunlich, da Leptin von Fettzellen ausgeschüttet wird, die bei adipösen Menschen entsprechend vorhanden sind. Allerdings sorgt ein hoher Leptinspiegel normalerweise dafür, dass eine weitere Nahrungsaufnahme unterdrückt wird, da er dem Körper signalisiert, dass er über ein ausreichend großes Fettdepot verfügt.

Bei Adipösen hat Leptin die Funktion verloren, die Nahrungsaufnahme zu reduzieren. Ähnlich wie Typ-2-Diabetiker nicht mehr auf Insulin reagieren, haben Adipöse eine Resistenz gegen Leptin entwickelt. Aus diesem Grund hat sich auch die Hoffnung, Leptin als Medikament gegen Adipositas einsetzen zu können, nicht erfüllt. Forscher arbeiten aber auch weiterhin daran, in den hormonellen Kreislauf eingreifen zu können. Ihr Ziel ist es, mit Hilfe von Gegenspieler-Hormonen das Hunger- und Sättigungsgefühl bei Adipösen wieder in einen normalen Zustand zurückzuführen. Wann das gelingt, ist derzeit jedoch noch nicht abzusehen.

Hungerndes Gehirn

Eine weitere mögliche Erklärung für das fehlende Sättigungsgefühl vieler von Adipositas Betroffener hat ein Team um Professor Kerstin Oltmanns von der Sektion für Psychoneurobiologie im Center of Brain, Behavior and Metabolism der Universität Lübeck gefunden. Bereits 2010 konnten die Forscher nachweisen, dass ein Zusammenhang zwischen steigendem Körpergewicht und reduziertem Energiegehalt im Gehirn besteht. Die Ursache dafür war unklar, bekannt war nur, dass ein hoher Energiegehalt im Gehirn Sättigungsgefühle auslöst.

Um der Lösung näher zu kommen, führten die Wissenschaftler acht Jahre später eine weitere Studie durch. Normalgewichtige und adipöse Männer erhielten eine Glucoseinfusion und wurden anschließend mittels einer 31P-Magnetresonanz-Spektroskopie auf den Energiestatus ihres Gehirns untersucht. Dabei zeigte sich, dass bei Normalgewichtigen der Hirnenergiegehalt nach der Glucosegabe sofort ansteigt, bei den adipösen Studienteilnehmern erfolgte dies zeitverzögert und erst nachdem der Blutzucker bereits stark erhöht war. Die verminderte Energiegewinnung aus Glucose und der daraus resultierende reduzierte Energiestatus im Gehirn führt nach Ansicht der Wissenschaftler dazu, dass Übergewichtige kein Sättigungsgefühl verspüren.

Eine Parallele sehen die Wissenschaftler zu psychischen Erkrankungen, die Stimmung und Gefühle beeinträchtigen. Menschen mit einer Depression hätten ebenfalls einen erniedrigten Hirnenergiegehalt. Möglicherweise ist dies auch eine Erklärung dafür, dass bei Übergewicht die Kombination aus Diät, Sport und Verhaltenstherapie am erfolgreichsten ist. Verhaltenstherapeutische Lernprogramme verbessern die Sättigungswahrnehmung, reduzieren die Nahrungsaufnahme und führen so zum Gewichtsverlust.

Mehr von Avoxa