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Trichomoniasis

Unbekannte Infektion

Die durch Parasiten übertragene Trichomoniasis zählt zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Doch sie ist weit weniger bekannt als Syphilis und Gonorrhoe. Zwar verläuft die Infektion selbst häufig symptomlos, sie kann jedoch das Risiko für andere STI erhöhen und für Schwangere zum Problem werden.
Ulrike Viegener
16.07.2019
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2016 wurde Trichomonas vaginalis von der Deutschen Gesellschaft für Protozoologie zum Einzeller des Jahres gekürt. Das klingt ein bisschen schräg, aber ein Blick auf die Webseite der Gesellschaft lohnt sich. Dort lässt eine Vielfalt winziger Lebewesen bestaunen, die aus nur einer einzigen Zelle bestehen: unter anderen das trichterförmige Trompetentierchen, das strahlenförmige Sonnentierchen – und eben das birnenförmige Geißeltierchen Trichomonas vaginalis, das sich mithilfe seiner peitschenartigen Flagellen aktiv fortbewegt. Unter dem Mikroskop sind Trichomonaden an ihren torkelnden Bewegungen leicht zu erkennen. Die einzelligen Parasiten lieben es feucht und finden in Scheide und Harnröhre ideale Lebensbedingungen vor.

Seiner Bekanntheit hat der zoologische Ehrentitel leider nicht allzu viel gebracht: Trichomonas vaginalis – weltweit der häufigste parasitäre Erreger sexuell übertragbarer Infektionen (STI) – ist den wenigsten Menschen ein Begriff. Bei einer von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Jahr 2013 durchgeführten Repräsentativerhebung wurde unter anderem gefragt: »Einmal abgesehen von Aids – welche weiteren sexuell übertragbaren Infektionen kennen Sie?« In der Altersgruppe der 16-jährigen, einer Altersgruppe also, die es interessieren sollte, wurden Syphilis und Gonorrhö jeweils von rund 50 Prozent der Befragten genannt. Trichomoniasis bildete das Schlusslicht mit gerade einmal 3 Prozent. Mit anderen Worten: 97 Prozent der Befragten hatten von dieser STI noch nie gehört.

PTA und Apotheker können bei der Aufklärung über sexuell übertragbare Infektionen und speziell über Infektionen mit Trichomonaden eine wesentliche Rolle übernehmen. Das betrifft Präventions- und Therapiemöglichkeiten gleichermaßen. In den 1980er Jahren, als Informationen über HIV und Aids zunehmend für Angst und Schrecken sorgten, rückte das Thema »Safer Sex« ins öffentliche Bewusstsein, und das wirkte sich auch auf die Häufigkeit von Neuinfektionen mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten positiv aus. Doch kaum ist Aids aus den Schlagzeilen verschwunden, hat sich ein gewisser Schlendrian breit gemacht. Und die Antwort der STI-Erreger ließ nicht lange auf sich warten.

Stille Epidemie

Mehr als eine Million Menschen stecken sich einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge weltweit jeden Tag mit einer STI an. Oft infizieren sich Menschen gleich mit mehreren Erregern auf einen Schlag. Die WHO spricht von einer stillen, gefährlichen Epidemie. Trichomonas vaginalis ist laut der Studie, die außerdem Chlamydien, Gonokokken und den Syphilis-Erreger Treponema pallidum untersucht hat, der häufigste Erreger unter den vier. Er soll für mehr als 40 Prozent aller STI weltweit verantwortlich sein und damit für 156 Millionen Erkrankungen pro Jahr. Zum Vergleich: Mit Neisseria gonorrhoeae infizieren sich jährlich weltweit 86,9 Millionen Menschen, an Syphilis erkranken »nur« 6,3 Millionen Menschen.

Für Deutschland gibt es keine verlässlichen Zahlen zur Infektionsrate mit Trichomonas vaginalis. Eine Meldepflicht besteht nicht, weshalb von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Schätzungen zufolge sind in Industrieländern 5 bis 10 Prozent der Frauen und rund 1 Prozent der Männer betroffen.

Infektionen mit Trichomonaden bleiben nicht selten Monate oder sogar Jahre unerkannt, denn die große Mehrzahl der Infizierten – laut Studien 70 bis 85 Prozent – haben kaum oder gar keine Symptome. Das Immunsystem geht zwar gegen Trichomonas vaginalis vor und kann den Erreger eventuell in Schach halten, seine vollständige Elimination gelingt jedoch meistens nicht.

Neben den weitgehend asymptomatischen Verläufen gibt es vor allem bei Frauen auch Verläufe mit heftigen und quälenden Beschwerden. Wie der Name schon sagt, befällt Trichomonas vaginalis in erster Linie die Scheide und kann zu starken Entzündungsreaktionen mit einem typischen Brennen am Scheideneingang führen. Erste Anzeichen einer Vaginitis treten meist innerhalb der ersten vier Wochen nach Ansteckung auf.

Fauliger Fischgeruch

Ein weiteres charakteristisches Symptom ist der sehr unangenehm – nach fauligem Fisch – riechende Ausfluss, für den jedoch nicht Trichomonas vaginalis selbst verantwortlich ist. Er geht vielmehr auf das Konto einer durch den Einzeller begünstigten Fehlbesiedelung der entzündeten Vaginalschleimhaut mit Amin-produzierenden Bakterien, bei denen es sich vor allem um Gardnerella vaginalis und verschleppte Stuhlbakterien handelt.

Der Ausfluss ist schaumig und eventuell eitrig grüngelb gefärbt. Der üble Geruch belastet die Frauen sehr und beeinträchtigt ihr sexuelles Erleben ebenso wie die brennenden Schmerzen beim Sex. Auch Juckreiz sowie leichte Unterbauchschmerzen zählen zu den möglichen Symptomen einer Trichomoniasis. In seltenen Fällen kann es zu einer aufsteigenden Entzündung der Eileiter kommen. Ein Übergreifen des Erregers auf die Harnröhre mit entzündungsbedingten Schmerzen beim Wasserlassen und vermehrtem Harndrang ist dagegen häufig.

Kein schönes Souvenir

Bei Männern nisten sich Trichomonaden meist in der Harnröhre, aber auch unter der Vorhaut und in der Prostata ein. Urethritis (Harnröhrenentzündung), Epididymitis (Nebenhodenentzündung) und Prostatitis können die Folgen sein. Brennen beim Wasserlassen oder während der Ejakulation können, müssen aber nicht auftreten. Meist verläuft die Infektion gerade bei Männern unbemerkt, die – als unbewusste Verbreiter – eine wichtige Rolle spielen und unbedingt in die Aufklärung über diese STI miteinbezogen werden sollten. Gar nicht selten ist der Erreger ein Urlaubssouvenir: Frauen sollen sich zunehmend häufig bei intensiven Urlaubsflirts mit Trichomonas vaginalis infizieren.

Der Nachweis von Trichomonaden erfolgt aus Abstrichen des Vaginalsekrets der Frau beziehungsweise des Harnröhrensekrets beim Mann. Die Sensitivität dieser Nachweismethode wird mit 65 Prozent angegeben. Das liegt daran, dass die Erregerzahl im Abstrich im Zuge der lokalen Abwehrmobilisierung stark dezimiert sein kann.

Deutlich sensitiver – 90 bis 95 Prozent – ist die molekularbiologische Testung mittels PCR (Poymerase Chain Reaction). Sie stellt allerdings keine GKV-Leistung dar und kommt in Deutschland bislang kaum zur Anwendung.

Da Mischinfektionen keine Seltenheit sind, ist bei positivem Trichomonas-Befund auch eine Testung auf andere häufige STI-Erreger wie Chlamydien und Gonokokken sinnvoll. Das Risiko einer Infektion mit HIV ist bei einer Besiedelung mit Trichomonaden um den Faktor 2 bis 3 erhöht.

Das Genom von Trichomonas vaginalis konnte vor einigen Jahren komplett sequenziert werden. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts, an dem auch deutsche Wissenschaftler beteiligt waren, wurde eine überraschende Entdeckung gemacht: Trichomonas vaginalis verfügt für einen Einzeller über ein riesiges Genom mit etwa 175 Millionen Basenpaaren und 46.000 Genen. Viele seiner Gene stammen aus Darmbakterien. Es ist deshalb zu vermuten, dass das Geißeltierchen früher einmal im Darm gelebt hat und später dann in den Urogenitaltrakt umgezogen ist. Vorher hat er sich offenbar Genmaterial von Darmbakterien »einverleibt« und sein Genom auf diese Weise um ein Vielfaches vergrößert, was als evolutionärer Vorteil gilt. Bei der Gensequenzierung wurden auch einige hundert Gene gefunden, die für Proteine auf der Oberfläche des Parasiten kodieren und mit Blick auf zukünftige Therapien interessant sein könnten.

Gute Heilungschancen

Derzeit ist Metronidazol das Mittel der Wahl zur Behandlung der Trichomoniasis. Das Antibiotikum legt die Energieversorgung des Erregers lahm. Vorausgesetzt, der Einzeller hat keine Resistenzen gegen Metronidazol entwickelt, sind die Heilungschancen gut. Oft ist bereits die orale Einmalgabe von 2 g Metronidazol ausreichend, um den Erreger zu eliminieren. Alternativ werden zweimal täglich 500 mg oral über fünf bis sieben Tage gegeben. Dieses Regime wird auch bei wiederholten Trichomonas-Infektionen empfohlen.

Die alleinige lokale Anwendung von Metronidazol als Vaginalzäpfchen oder Creme gilt dagegen als nicht ausreichend, diese Präparate sind vielmehr als Unterstützung der oralen Behandlung konzipiert. Mögliche Nebenwirkungen von Metronidazol sind in erster Linie Übelkeit, Erbrechen und metallischer Geschmack. Während der Behandlung sollte auf Alkohol verzichtet werden, da durch die Hemmung der Aldehydoxidase durch Metronidazol ein Antabus-Effekt (Disulfiram-ähnliche Wirkung) auftreten kann. Durch die Enzym-Hemmung reichert sich nach Alkoholkonsum Acetaldehyd im Organismus an – gefolgt von möglichen Symptomen wie Schwindel, Kopfschmerzen, Brechreiz oder Blutdruckabfall.

An Ping-Pong-Effekt denken

Ganz wichtig ist die Mitbehandlung des Partners, um einen Ping-Pong-Effekt zu vermeiden, also eine Reinfektion, weil der Erreger durch den Partner zurückgespielt wird. Betroffene sollten darüber aufgeklärt werden, dass eine durchgemachte Infektion mit Trichomonas vaginalis nicht gegen erneute Infektionen schützt. Der sicherste Schutz ist »Safer Sex«.

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