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Eine Frage der Menge

Unverträglichkeit von Lactose und Fructose

Mindestens 20 Prozent der Bevölkerung haben Probleme mit dem Verdauen von Zuckern, allen voran von Lactose und Fructose. Komplett meiden müssen sie diese Zucker deshalb fast nie – in der Regel genügt ein bewusster Umgang damit.
Barbara Erbe
15.07.2021  12:00 Uhr

Wer an den Kühlregalen der Supermärkte entlangstreift, könnte den Eindruck gewinnen, dass Lactose etwas sehr Ungesundes ist. Denn auf vielen – manchmal besonders teuren – Produkten prangt wie ein Siegel die Aufschrift »lactosefrei«. Ungesund sei Lactose, also Milchzucker, aber keineswegs, betont Dr. Viola Andresen, Leiterin des Teams Ernährung am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg, im Gespräch mit PTA-Forum.

Weniger Lactase mit steigendem Alter

Allerdings können nicht alle Menschen Lactose, die natürlicherweise in Milch und Milchprodukten wie Quark, Sahne und Molke enthalten ist, gleich gut verarbeiten. »Säuglinge und Kleinkinder verdauen ihn in der Regel sehr gut«, berichtet die Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). »Das ist für ihr Gedeihen ja auch ganz wichtig.« Mit den Jahren nimmt dann bei aber bei vielen Menschen – wie bei allen Säugetieren - die Fähigkeit ab, Lactose zu verarbeiten – bei den einen mehr, bei den anderen weniger.

Der Hintergrund: Damit der Körper den Milchzucker verstoffwechseln kann, muss er ihn erst einmal in seine Einzelbausteine Glucose und Galactose zerlegen. Das geschieht vor allem mit Hilfe des Enzyms Lactase, das in den Schleimhäuten des Dünndarms gebildet wird und dessen Produktion meist mit dem Lebensalter abnimmt. Es gibt aber auch Darmkrankheiten, die einen Lactasemangel auslösen, beispielsweise Zöliakie, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Fehlt es an Lactase oder ist ihre Aktivität vermindert, kann die Lactose nicht oder nur unzureichend gespalten werden. Die Folge: Der Milchzucker gelangt unverändert in den Dickdarm. Und dort wird er zum »Futter« für die Darmbakterien, die ihn zu kurzkettigen Fettsäuren, zum Beispiel Milchsäure und Essigsäure, und Gasen wie Kohlendioxid und Wasserstoff abbauen.

Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen

Ob und in welchem Ausmaß dieser Prozess Beschwerden wie Durchfall, Blähungen oder krampfartige Bauchschmerzen verursacht, liege auch daran, wie viel unverarbeitete Lactose im Dickdarm ankommt und wie die Darmflora der jeweils betroffenen Menschen beschaffen ist, erklärt Andresen. Zudem seien Milch und Milchprodukte in der Regel verträglicher, wenn sie zusammen mit anderen Lebensmitteln verzehrt werden, erläutert Diplom-Oecotrophologin Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). »Je länger der Magen braucht, um seinen Inhalt zu verarbeiten und weiterzuschleusen, desto langsamer gelangt der Speisebrei auch in den Dünndarm, sodass die Lactose in der Nahrung besser zerlegt werden kann.«

Fructose gelangt unzerlegt in Dickdarm

Menschen, die nach dem Genuss von Obst, Fruchtsäften oder Honig Durchfall oder Blähungen bekommen, haben ein ähnliches Aufnahme- und Verarbeitungsproblem mit Fructose, dem Fruchtzucker. Ernährungswissenschaftler sprechen von einer Fructosemalabsorption. Auch hier gelangt der Zucker in größerer Menge in den Dickdarm, weil er im Dünndarm nicht oder nicht vollständig aufgenommen wird. Im Fall einer Fructosemalabsorption ist der Transporter GLUT-5 im Dünndarm in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt, sodass die Fructose unzerlegt im Dickdarm landet.

Dort verstoffwechseln die Darmbakterien sie zu kurzkettigen Fettsäuren und Gasen, was die genannten Beschwerden zur Folge haben kann. »Große Mengen Fructose, wie sie zum Beispiel in einer Tüte Rosinen stecken, können allerdings auch bei Gesunden Beschwerden verursachen«, betont Ernährungswissenschaftlerin Restemeyer. Denn die Absorption von Fructose im Darm ist auch bei Gesunden, im Unterschied zu anderen Monosacchariden wie Glucose und Galactose, begrenzt. »Wenn jemand einen halben Liter Smoothie trinkt, der aus drei Äpfeln, zwei Bananen zwei Pfirsichen und einer Handvoll Erdbeeren besteht, landet der geballte Fruchtzucker ohne begleitende Ballaststoffe in kürzester Zeit im Verdauungssystem.«

Eine Fructosemalabsorption verursacht allerdings schon bei viel geringeren Fruchtzuckermengen Verdauungsstörungen. Darüber hinaus kommt es selten auch vor, dass Menschen Fructose im Darm zwar aufnehmen, aufgrund eines angeborenen Enzymdefekts aber nicht abbauen können (hereditäre Fructoseintoleranz). Sie müssen Fructose von Geburt an lebenslang strikt meiden, sonst drohen unter anderem schwere Leberschäden.

Hinter manchem Reizdarm steckt eine Malabsorption

Auch Unverträglichkeiten des Zuckeralkohols Sorbit oder anderer Zuckeraustauschstoffe wie Maltit, die wegen ihres niedrigeren Kaloriengehalts verwendet werden, haben ihre Ursache darin, dass die Zucker im Dünndarm nur begrenzt aufgenommen werden können. Limitierender Faktor ist hier ebenfalls der GLUT-5-Transporter. Sowohl für Fructose als auch für Sorbit gilt laut Restemeyer: »Ab einer gewissen Menge sind diese Zucker für jeden Menschen unverträglich, bei Fructose sind das 35 bis 50 g pro Stunde «

Die Beschwerden bei den genannten Zuckerunverträglichkeiten sind oft unspezifisch. Sie reichen von Völlegefühl über Blähungen und Durchfall bis hin zu Bauchkrämpfen. Vermutlich gebe es eine Reihe von Menschen, die von ihren Malabsorptionsproblemen gar nichts wissen, erklärt die Gastroenterologin Andresen. »Auch hinter manch einem Reizdarmsyndrom steckt letztlich eine Zuckerunverträglichkeit.«

Atemtest und Tagebuch zur Diagnose

Für die Diagnose einer Lactose- oder Fructoseunverträglichkeit ist der Wasserstoff-Atemtest das Mittel der Wahl. Dabei nimmt die betroffene Person eine bestimmte Menge Lactose oder Fructose in Wasser gelöst zu sich. Im Anschluss wird die Konzentration an Wasserstoff in der Atemluft gemessen. Dieser entsteht, wenn die Dickdarmbakterien Lactose oder Fructose abbauen; er gelangt über den Blutkreislauf in die Lunge und wird dort abgeatmet. Hilfreich sei zudem ein Ernährungs- und Symptomprotokoll, rät Restemeyer. »Darin werden über mehrere Tage alle verzehrten Lebensmittel und auftretende Beschwerden festgehalten. Mögliche Zusammenhänge werden dadurch erkennbar.«

Kein völliger Verzicht nötig

Ist eine Lactoseintoleranz durch eine ärztliche Diagnose bestätigt, ist es nur bei einem vollständigen Lactasemangel (Alactasie) notwendig, eine lactosefreie Ernährung einzuhalten. »Meist ist eine Restaktivität des Lactose-spaltenden Enzyms vorhanden, sodass individuell festgestellt werden muss, wie viel Lactose ein Mensch verträgt«, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin. Das geschieht, indem die betroffene Person zunächst für etwa zwei Wochen auf Milch und Milchprodukte sowie Lebensmittel und Getränke, die unter Verwendung von Milch oder Lactose hergestellt werden, verzichtet.

Sind die Beschwerden abgeklungen, lässt sich die verträgliche Lactosemenge ermitteln, indem sie in kleinen Schritten erhöht wird. Milch und Milchprodukte werden dazu nach und nach in den Speisenplan eingeführt, verteilt auf mehrere Portionen am Tag. Vor allem die Verträglichkeit von nicht wärmebehandelten Sauermilchprodukten wie Joghurt sowie von probiotischen Produkten ist zu testen. Diese Produkte weisen zwar einen hohen Gehalt an Lactose auf, durch die enthaltenen Milchsäurebakterien wird diese aber weitestgehend abgebaut. Die Ernährung in der Testphase geht dann idealerweise fließend in die Dauerernährung über.

Probieren und kombinieren

Auch bei einer Fructosemalabsorption ist in der Regel kein völliger Verzicht auf fructosehaltige Lebensmittel nötig – und auch nicht wünschenswert. Denn das würde die Lebensmittelauswahl stark einschränken und eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen beeinträchtigen. Die persönlich verträgliche Menge wird am besten auch hier - zusammen mit einer qualifizierten Ernährungsfachkraft - ermittelt. Anfangs, in einer sogenannten Karenzphase, wird dabei so wenig Fructose und/oder auch Sorbit wie möglich konsumiert. Der oder die Betroffene verzichtet vor allem auf Obst und Obsterzeugnisse wie Obstsäfte oder Trockenfrüchte, aber auch auf Haushaltszucker (Saccharose). Sobald die Beschwerden abgeklungen sind, kann in der Testphase die Zufuhr der Fructosemenge schrittweise erhöht werden. »Die persönlich verträgliche Menge an Fructose hängt dabei von den Portionsgrößen und von der Zusammensetzung der Mahlzeiten ab«, erklärt Restemeyer. »Es empfiehlt sich daher, zunächst Obst in kleinen Portionen und beispielsweise nach einem Mittagessen, zum Beispiel als Quark-Obst-Speise, zu essen.« Auch hier geht die Testphase idealerweise fließend in die Dauerernährung über.

Wer industriell verarbeitete Lebensmittel verzehrt, sollte immer einen Blick auf die jeweilige Zutatenliste werfen, besonders bei »zuckerfreien« Produkten. Denn das bedeutet oft nur, dass in den jeweiligen Produkten kein Haushaltszucker enthalten ist. Andere Zuckerarten oder -austauschstoffe können aber enthalten sein. Lactose wird im Übrigen auch bei der Tablettenherstellung als Hilfsstoff eingesetzt. PTA und Apotheker können jedoch besorgte Patienten beruhigen, meint Andresen. »Der Lactose-Gehalt liegt so niedrig, dass er selbst für Patienten, die mehrmals täglich mehrere Medikamente schlucken, unproblematisch ist.«

Hilfe aus der Apotheke

Reicht eine behutsame Anpassung der Ernährung nicht aus, um die Beschwerden zu lindern, können Betroffene zu Medikamenten greifen. So gibt es eine große Zahl von rezeptfreien, jedoch nicht erstattungsfähigen Lactasepräparaten, die sich als Pulver oder Tablette einer lactosereichen Mahlzeit beimischen lassen und so bei der Lactose-Verarbeitung helfen (zum Beispiel Lactrase®, Lactostop®).

Auch bei einer Fructose-Unverträglichkeit gibt es Mittel aus der Apotheke: So wandeln Präparate mit dem Enzym Glucose-Isomerase (wie Fructosin®, Fructaid®) Fructose in Glucose um, die der Darm besser resorbieren kann. »Ein ähnlicher Effekt lässt sich erreichen, indem man dem Fruchtzucker Traubenzucker beimischt«, erläutert Andresen. Solche Präparate sollten jedoch eher die Ausnahme als die Regel sein – beispielsweise, wenn Betroffene auswärts zum Essen eingeladen sind oder im Urlaub, wenn sie kaum in der Lage sind, selbst über die Art ihrer Mahlzeit zu bestimmen.

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