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Impfung gegen Covid-19

Verantwortung und Solidarität

Impfen ist solidarisch: Etwa mit einer Impfung gegen Covid-19 kann man nicht nur sich selbst, sondern auch andere vor einer schweren Erkrankung schützen. Doch viele Menschen stehen der Impfung aus verschiedenen Gründen noch immer kritisch gegenüber.
Barbara Erbe
01.12.2021  16:00 Uhr

Ein Großteil der Bevölkerung, rund 70 Prozent, ist inzwischen gegen Covid-19 geimpft – um einen wirksamen Gemeinschaftsschutz zu erreichen, müssen es aber mindestens 85 Prozent sein. Dieser Gemeinschaftsschutz, die sogenannte Herdenimmunität, ist ein besonders wichtiges Argument für die Covid-19-Impfung. Wer sich impfen lässt, schützt damit nicht nur sich selbst, sondern auch andere – vor allem chronisch kranke und immungeschwächte Menschen oder auch Säuglinge und Kleinkinder, die zum Impfen noch zu jung sind. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibt Impfen gleichzeitig als Grundrecht und als soziale Verantwortung. Letztere bekommt während einer Pandemie besonderes Gewicht. Denn je weniger Menschen an Covid-19 erkranken und je schwächer ihre Viruslast dabei ist, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass sich andere Gemeinschaftsmitglieder infizieren.

Das gilt nicht nur für Coronaviren. Die Kinderlähmung (Polio) etwa kommt in Europa und Nordamerika heute dank des Gemeinschaftsschutzes nicht mehr vor, während sie in anderen Teilen der Welt noch immer verbreitet ist. Damit das hierzulande so bleibt, ist es weiter wichtig, Kinder gegen Polio zu impfen. Denn würde die Kinderlähmung zum Beispiel durch Reisende aus Teilen Asiens oder Afrikas nach Deutschland gelangen, könnte sie sich unter Ungeimpften erneut ausbreiten.

Ähnlich liegt der Fall bei Masern und Röteln. In einigen Regionen der Welt sind Masern aufgrund hoher Impfquoten heute so selten, dass diese als masernfrei gelten, so zum Beispiel Nord- und Südamerika. In Deutschland ist es in den vergangenen Jahren immer wieder zu regionalen Masernausbrüchen gekommen, bei denen sich auch Jugendliche und Erwachsene ansteckten. Das 2020 eingeführte Masernschutzgesetz soll den Impfschutz dort erhöhen, wo eine Masern-Übertragung schnell stattfinden kann – in Gemeinschaftseinrichtungen. Dort soll der Gemeinschaftsschutz auch diejenigen vor Masern bewahren, die nicht selbst geimpft werden können, zum Beispiel, weil sie schwanger sind, ein schwaches Immunsystem haben oder einfach noch zu jung sind. Sie sind darauf angewiesen, dass sich andere impfen lassen und sich damit solidarisch verhalten. Eltern müssen deshalb nachweisen, dass ihr Kind gegen Masern geimpft oder bereits immun ist, wenn sie es in eine Kindertagesstätte oder Schule schicken.

Kommt die Impfpflicht?

Bei der Impfung gegen das Coronavirus gibt es aktuell keine gesetzliche Pflicht zum Impfen. Die Bundesregierung hatte in der Vergangenheit immer betont, dass es keine Impfpflicht geben werde. Angesichts der steigenden Fallzahlen in der vierten Welle wird nun aber doch über eine solche Pflicht diskutiert. Möglich ist, dass die Impfpflicht für bestimmte Gruppen kommt, etwa das Personal in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen. So sollen besonders vulnerable Personen vor einer Ansteckung geschützt werden. Ob eine Impfpflicht nötig ist und ethisch vertretbar, und auch wie sie gesetzlich durchsetzt werden soll, ist umstritten. Die Regierung hatte bisher immer auf Freiwilligkeit und die soziale Verantwortung des Einzelnen gesetzt. Grundsätzlich finden die meisten Menschen Impfungen sinnvoll und nutzen sie auch, wie eine im Oktober veröffentlichte Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) belegt.

Besonders bei der Corona-Schutzimpfung sind allerdings einige Menschen verunsichert – vor allem, weil der Impfstoff in Deutschland schneller zugelassen wurde als dies normalerweise der Fall ist. So nannten laut BZgA 47 Prozent derjenigen, die eine Impfung (eher) ablehnten, dafür vor allem den ihrer Meinung nach noch zu wenig erforschten Impfstoff als Grund; 37 Prozent fürchteten sich vor Nebenwirkungen.

Schnell, aber gründlich

Dass die neu entwickelten Impfstoffe in einem sogenannten beschleunigten Verfahren zugelassen werden konnten, ist in der Tat ungewöhnlich; es liegt an der Pandemie. Um die weitere Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern, musste so schnell wie möglich gehandelt werden. In dieser Situation gewährte die Europäische Arzneimittelagentur EMA den Entwicklern ein beschleunigtes Bewertungsverfahren. Die EMA schätzte die akuten Gesundheitsgefahren durch die weitere Ausbreitung des Erregers gravierender ein als mögliche Nebenwirkungen durch den Impfstoff.

Das Ergebnis: Schon im Dezember 2020 konnte die EMA für die EU den mRNA-Impfstoff BNT162b2 (Comirnaty®) gegen die von SARS-CoV-2 verursachte Krankheit Covid-19 zulassen. Er wurde nicht weniger erforscht als andere Impfstoffe, die ein übliches Zulassungsverfahren durchlaufen haben. Entscheidend für seine schnelle Zulassung ist das sogenannte Rolling-Review-Verfahren, was so viel bedeutet wie »fortlaufende Prüfung«. Dabei wird mit der Prüfung der klinischen und nicht klinischen Daten bereits begonnen, bevor alle erforderlichen Daten für eine Zulassung vorliegen. Üblicherweise beginnt das Prüfungsverfahren erst, wenn sämtliche Daten da sind. Die Beschleunigung betrifft also nicht die Forschung, sondern nur das Genehmigungsverfahren, versichert das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) auf seiner Website: »Die Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit der betreffenden Arzneimittel bleiben unverändert hoch.«

Auch in einem beschleunigten Verfahren erhält ein Impfstoff in Deutschland oder der EU nur dann eine Zulassung, wenn er nachweislich sicher, wirksam und qualitativ hochwertig ist. Zudem ist die Zulassung im beschleunigten Verfahren an strenge Auflagen geknüpft. So sind die Hersteller verpflichtet, weiterhin Daten vorzulegen, die zeigen, dass der Nutzen des Impfstoffes die Risiken überwiegt. Neben der bedingten Zulassung gibt es die Zulassung unter außergewöhnlichen Bedingungen, umgangssprachlich auch »Notfallzulassung« genannt. Dabei handelt es sich um die Sondererlaubnis, einen nicht zugelassenen Impfstoff unter bestimmten Bedingungen in einer Notsituation anzuwenden. Beispielsweise Großbritannien, Kanada und die USA hatten die Covid-19-Impfstoffe zunächst per Notfallzulassung zugelassen, um schnell mit dem Impfen beginnen zu können.

Kein Eingriff in die Gene

Ein weiterer Grund, den Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, häufig nennen, ist die Angst vor möglichen Nebenwirkungen oder gar Langzeitrisiken. Hierzu betont das Robert-Koch-Institut (RKI), dass sowohl die Vektor-basierten Impfstoffe (Vaxzevria® von AstraZeneca und Janssen von Johnson & Johnson) als auch die mRNA-Impfstoffe (Comirnaty® von Biontech/Pfizer und Spikevax® von Moderna) gut verträglich sind.

Die mRNA-Impfstoffe enthalten mit der mRNA (Boten-RNA) die »Bauanleitung« für einen Baustein des SARS-CoV-2 -Virus, das sogenannte Spikeprotein. Die in den Impfstoffen enthaltene mRNA wird aber nach der Impfung nicht ins menschliche Erbgut eingebaut, sondern in den Muskelzellen an der Impfstelle und in bestimmten Abwehrzellen abgelesen.

Auch die beiden Vektorimpfstoffe Vaxzevria und Janssen, bei denen das Erbmaterial über gentechnisch veränderte Erkältungsviren, sogenannte Adenoviren, in den Körper eingeschleust wurde, können keine Veränderungen in der menschlichen DNA verursachen. Inzwischen werden die beiden Vektorimpfstoffe aber in Deutschland nicht mehr verimpft.

Keine Langzeitschäden 

Wie bei jeder Impfung, können auch nach der Covid-19-Impfung Impfreaktionen und Nebenwirkungen vor allem innerhalb von 14 Tagen auftreten. Sie sind erfahrungsgemäß weder häufiger noch gravierender als bei anderen Impfungen. Reaktionen wie Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit oder Fieber treten in der Regel kurz nach der Impfung auf und halten wenige Tage an.

In sehr seltenen Fällen, also bei weniger als einer von 10.000 geimpften Personen, ist es nach der Gabe von mRNA-Impfstoffen zu Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündungen (Myokarditis und Perikarditis) gekommen. Zudem wurde nach der Zulassung von Comirnaty vereinzelt über anaphylaktische Reaktionen, wie sie prinzipiell bei allen Impfstoffen auftreten können, berichtet. Das PEI leitet daraus aber kein erhöhtes Risiko für schwerwiegende unerwünschte Wirkungen bei Menschen mit Erkrankungen aus dem atopisch-allergischen Formenkreis ab – etwa Asthma bronchiale, Neurodermitis oder Heuschnupfen.

Last but not least fürchten sich einige Impfskeptiker vor möglichen, noch unbekannten Langzeitwirkungen. Allerdings: Nebenwirkungen von Impfungen traten bislang innerhalb weniger Tage bis einige Wochen nach der Impfung auf. Unerwünschte Wirkungen, die unerwartet und erst Jahre nach einer Impfung auftreten, sind laut RKI noch nie beobachtet worden und auch bei den Covid-19-Impfstoffen nicht zu erwarten. Zwar ist es schon vorgekommen, dass sehr seltene Nebenwirkungen, die bei Geimpften kurz nach der Impfung auftraten, erst später als solche erkannt wurden. Das liegt aber daran, dass erst viele Menschen geimpft werden müssen, um sehr seltene Nebenwirkungen aufzuspüren. Da die Covid-19-Impfstoffe in kürzester Zeit vielen Menschen weltweit verabreicht wurden, konnten sehr seltene Nebenwirkungen wie die Herzmuskelentzündungen oder die Sinusvenenthrombosen nach einer Impfung mit Vaxzevria schneller als sonst erkannt und beurteilt werden.

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