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Russischer Corona-Impfstoff

Viel Kritik, aber auch erste Interessenten

Für Ende des Jahres oder Anfang des kommenden hatten Wissenschaftler mit ersten Zulassungen von Corona-Impfstoffen gerechnet. Doch nun prescht Russland vor – und lässt übliche Verfahren außer Acht. Dafür hagelt es viel Kritik. Aber auch Verkäufe ins Ausland sind in Sicht.
dpa
13.08.2020  08:00 Uhr

Den Wettlauf um die erste Zulassung eines Corona-Impfstoffs hat Russland für sich entschieden – doch statt Jubel gibt es weltweit viel Kritik. Wirksamkeit und Sicherheit seien wegen der nicht abgeschlossenen dritten Testphase nicht zu beurteilen und der Impfstoff damit eine potenzielle Gefahr für die Bevölkerung, bemängeln Experten weltweit.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reagierte zurückhaltend auf den vermeintlichen Erfolg. Die Forschung an einem Impfstoff solle in jedem Entwicklungsschritt gemäß bewährter Prozesse vonstattengehen, um sicherzustellen, dass der Impfstoff sicher und effektiv ist, teilte das WHO-Regionalbüro Europa der Deutschen Presse-Agentur mit.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Dienstag die Zulassung des Impfstoffs »Sputnik V« zur breiten Verwendung in der Bevölkerung bekanntgegeben. Sie erfolgte vor dem Vorliegen der Ergebnisse sogenannter Phase-III-Studien – ein Vorgehen, das dem international üblichen Ablauf widerspricht. Weder die Wirksamkeit noch die Nebenwirkungen lassen sich derzeit fundiert beurteilen.

Ungewöhnliches Prozedere

Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Es handelt sich um einen sogenannten Vektorimpfstoff. Dabei transportieren harmlose Viren Teile des Erbguts von Erregern in den Körper. Dieser bildet im Idealfall dann Antikörper und setzt andere Abwehrmechanismen in Gang. Der Name »Sputnik V« soll an den ersten Satelliten im All erinnern, den die Sowjetunion 1957 gestartet hatte – und damit vor den USA.

Erst wenige Menschen haben den neuen Vektorimpfstoff im Rahmen einer Studie erhalten. Bislang sei er an 50 Soldaten und Zivilisten getestet worden, die sich freiwillig gemeldet hätten, hieß es. Daten aus Phase-I- oder Phase-II-Studien sind bislang nicht publiziert. Dem Gesundheitsministerium in Moskau zufolge soll eine Phase-III-Studie mit etwa 2000 Freiwilligen parallel mit der Zulassung des Präparats beginnen. Zu den ersten Menschen aus der Bevölkerung, die nun geimpft werden sollen, gehören medizinisches Personal und Lehrer.

Experten warnen nun vor zu großer Eile. »Auch in der aktuellen Pandemiesituation ist es zwingend erforderlich, dass alle Prüfungen und Bewertungen mit der gleichen Sorgfalt erfolgen wie bei anderen Impfstoffen«, mahnte Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen.

Auch andere Experten äußern sich kritisch, so sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, es sei ein »hochriskantes Experiment am Menschen«, wenn ein Impfstoff ohne entscheidende dritte Testphase zugelassen werde. »Es ist unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen«, sagte er der Rheinischen Post.

»Dass die Russen solche Maßnahmen und Schritte überspringen, beunruhigt unsere Gemeinschaft von Impfwissenschaftlern«, äußerte sich Peter Hotez vom Baylor College of Medicine in Houston dem Fachjournal Nature. »Wenn sie es falsch machen, könnte das gesamte globale Vorhaben untergraben werden.« Eine Massenimpfung mit einem nicht ausreichend getesteten Impfstoff sei unethisch, kritisierte Francois Balloux vom University College London.

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