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Meditation

Viele Wege zur Entspannung

Meditation und Achtsamkeit sollen helfen, effektiver zu arbeiten, glücklicher zu leben, entspannter zu sein. In der medizinischen Anwendung werden sie immer wieder als konkrete Heilmittel ins Spiel gebracht. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem augenscheinlichen Wundermittel?
Carina Steyer
12.11.2019  12:30 Uhr

Eine einfache Definition für das Wort Meditation gibt es nicht. Es handelt sich vielmehr um einen Oberbegriff für eine Vielzahl an Methoden, deren Techniken und Zielsetzungen äußerst verschieden sind. Einige werden in der typisch sitzenden Meditationshaltung ausgeführt, andere enthalten Bewegung (Yoga, Qigong, Tai Chi). Manche Techniken richten die Aufmerksamkeit des Meditierenden auf ein Objekt, andere wiederum lassen ein weites Spektrum an Wahrnehmungen zu. In vielen Kulturen hat Meditation spirituelle und religiöse Wurzeln.

Moderne Formen haben sich von diesem Hintergrund distanziert und werden im medizinischen, psychologischen und therapeutischen Bereich angewendet. Eine bekannte Methode ist die »Mindfulness-Based Stress Reduction« (»Stressbewältigung durch Achtsamkeit«, kurz MBSR), des amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn. Das achtwöchige Kursprogramm enthält Teile der buddhistischen Meditation, des Yoga und Zen, aber keine religiösen Übungen oder ethischen Vorstellungen. Regelmäßig ausgeführt soll sich MBSR positiv auf zahlreiche Gesundheitsprobleme auswirken. Dazu gehören zum Beispiel chronischer Stress, Schmerzzustände, Depressionen, Angst- und Schlafstörungen. Achtsamkeitsbasierte Verfahren werden auch unterstützend zur Krebsbehandlung eingesetzt, finden Anwendung in Schulen, Universitäten, im Leistungssport und in Konzernen und Unternehmen.

Wenig Evidenz

Oberflächlich betrachtet scheint Meditation somit eine Art Wunderwaffe gegen viele Krankheiten und Probleme darzustellen. Wissenschaftlich belegen lässt sich das jedoch nur schwer. Eine der größten Studien zur Wirkung von Meditation wurde im Auftrag des amerikanischen Gesundheitsministeriums erstellt. Ganze 813 Studien flossen 2007 in die Übersichtsarbeit des Teams von der Universität Alberta ein.

Das Ergebnis: Einige Formen der Meditation helfen, den Blutdruck zu senken. Yoga reduziert Stress, und manche Meditationsarten bewirken nachweisbare Veränderungen auf neurobiologischer Ebene. Alle Ergebnisse stammen allerdings aus methodisch so schwachen Studien, dass sie als nicht gesichert gelten. Die Autoren forderten damals, mehr und qualitativ bessere Forschung zu betreiben. Viel getan hat sich seitdem nicht. Auch neuere Übersichtarbeiten kritisieren noch immer die Qualität der Studien. Wie zum Beispiel ein Team der John Hopkins University, das 2014 der Frage nachging, ob Meditation Stress und Stress-bezogene Symptome mindert. Eingeschlossen wurden 47 randomisiert kontrollierte Studien. Ihr Fazit: Im Vergleich zur unbehandelten Kontrollgruppe wirken manche Formen der Meditation gegen Stress. Anderen Behandlungsformen wie der Muskelentspannung, Gruppentherapie und Bewegungsprogrammen ist die Meditation jedoch nicht überlegen, und die Qualität der Studien ist deutlich verbesserungswürdig.

Auch wenn die wissenschaftliche Evidenz derzeit dürftig ist, bedeutet das nicht unbedingt, dass Meditieren Zeitverschwendung ist. Wer motiviert ist und sich aktiv entspannen möchte, sollte der Meditation eine Chance geben. Die besten Studienergebnisse wurden in den Publikationen erzielt, bei denen die Teilnehmer Interesse an der Meditation hatten.

Erlernen lässt sich das Meditieren in Kursen, Seminaren und Workshops. Die Angebote sind vielfältig und reichen von traditionellen Techniken in Zentren für Meditation über Volkshochschulkurse bis hin zu MBSR-Kursen bei ausgebildeten Trainern für Achtsamkeit. Doch muss es immer ein Kurs sein? Schließlich gibt es auch ein enormes Angebot im Internet, an Büchern, CDs und Apps. »Meditation kann man durchaus in Eigenregie erlernen, davon ist nicht grundsätzlich abzuraten. Ob es tatsächlich sinnvoll ist, hängt vom Einzelfall ab«, sagt Diplompsychologe Michael Tremmel vom Bender Institute of Neuroimaging der Justus-Liebig-Universität Gießen. So spiele es eine Rolle, welche Meditationstechnik erlernt werden soll, wie gut die Anleitung sei oder welche Erfahrung der Einzelne mitbringe.

Obwohl die meisten Studien von positiven Effekten der Meditation berichten, gibt es von Expertenseite auch kritische Stimmen. Die Society for Meditation and Meditation Research (SMMR) schreibt auf ihrer Website, dass während der Meditation bisher unterdrückte Ängste hochkommen oder durch intensive Konfrontation mit dem eigenen Innenleben ausgelöst werden könnten. Bei psychisch labilen Menschen könne die Meditation zu einer weiteren Destabilisierung führen. Generell werde vor einer zu intensiven Übungspraxis gewarnt, wenn diese nicht in einem geschützten Umfeld unter kompetenter Begleitung ausgeführt wird. Auch Michael Tremmel weist darauf hin, dass Meditation belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit bis hin zu Traumata aufleben lassen könne. Für deren Bewältigung könne die Hilfe eines kompetenten Meditationslehrers oder eines Psychotherapeuten notwendig werden, so der Experte.

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