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Ölschiefer

Vom Gestein zum Arzneimittel

Sie stinken, färben und sehen nicht besonders attraktiv aus: Salben mit schwarzem Ammonium­bituminosulfonat sind Apothekenmitarbeitern als Zugsalben bekannt. Sie sollen bei einer Vielzahl von Beschwerden helfen. Doch was genau enthalten die Zubereitungen eigentlich?
Caroline Wendt
25.02.2019  15:12 Uhr

Als der Riese Haymon den Riesen Thyrsus mit seinem Schwert erschlug, sickerte dessen Blut in die Erde und wurde im Gestein eingeschlossen. Dieses konservierte Blut, auch Tyrschenöl genannt, soll heilende Kräfte besitzen. So besagt es zumindest eine alte Tiroler Sage. Wissenschaftlich betrachtet haben die modernen Varianten, die sogenannten schwarzen Salben, ihre Farbe, ihren Geruch und ihre Wirksamkeit einem Vielstoffgemisch aus Ölschiefer zu verdanken. Diese Gesteinsart ist weltweit zu finden, unter anderem im Alpenraum.

Entstanden ist das im Boden eingeschlossene Öl vor circa 200 Millionen Jahren im Zeitalter des Jura. Dort, wo heute Gestein ist, war damals Wasser. Kleinstlebewesen wie Plankton sanken nach ihrem Tod zu Boden und wurden dort, unter Ausschluss von Luftsauerstoff, von Bakterien zersetzt. Aus den organischen, schwefelreichen Rückständen bildete sich eine Vorstufe des Erdöls, das Kerogen. Durch tektonische Plattenbewegungen wie die Auffaltung der Alpen wurden die Gesteinsschichten komprimiert und erlangten ihre schieferartige, geschichtete Form.

Doch wie wird aus einer Gesteinsschicht ein Arzneimittel? Der abgebaute Ölschiefer wird zerkleinert und unter Luftausschluss erhitzt. Dabei geht das Öl in die Gasphase über. Dieser Vorgang, der als trockene Destillation oder Pyrolyse bezeichnet wird, erfordert Temperaturen von etwa 450 °C. Zunächst verdampfen die kurzen Moleküle, später die längeren.

Dunkles und helles Öl

Die verschiedenen Fraktionen werden mittels Kondensation aufgefangen und separiert. Die höher siedende Fraktion ist von dunkler Farbe und zäher, Sirup-artiger Konsistenz. Sie wird auch als Tiroler Öl bezeichnet und gilt in Österreich seit Jahrhunderten als Heilmittel. Doch auch die früher siedenden, kürzeren Moleküle können als Wirkstoffkomponente dienen. Diese Fraktion des Schieferöls ist hell und weist eine niedrigere Viskosität auf. Auch der Geruch ist weniger intensiv.

Die Moleküle beider Fraktionen sind lipophil. Im folgenden Herstellungsschritt wird durch Sulfonierung mit konzentrierter Schwefelsäure dem lipophilen Teil ein hydrophiler Kopf zugefügt – es entsteht eine Tensid-Struktur. Der Wirkstoff, nun als Bitumino­sulfonat bezeichnet, ist dadurch wasserlöslich. Durch anschließende Neutralisation mit Ammoniak entsteht Ammoniumbituminosulfonat, bei Verwendung von Natronlauge Natriumbituminosulfonat.

Am bekanntesten ist das dunkle Ammoniumbituminosulfonat: Es ist der wirksame Bestandteil der schwarzen Salben und sowohl in Form von Fertigarzneimitteln (zum Beispiel Ichtholan®, Zugsalbe effect oder Schwarze Salbe Lichtenstein) als auch als Rezeptursubstanz (zum Beispiel Ichthyol®) auf dem Markt. Die schwarzbraune Flüssigkeit besteht überwiegend aus sulfonierten Thiophen-Derivaten. Das heißt, sie enthält organisch gebundenen Schwefel, der therapeutisch als besonders wertvoll gilt. Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur.) schreibt für die Zubereitungen einen Mindestgehalt von 10,5 Prozent organisch gebundenen Schwefel vor.

Aufgrund der Moleküllänge kann der Wirkstoff nicht durch die Haut penetrieren, und die hohe Elektrolytkonzentration der Salbe erzeugt vermutlich eine osmotische Zugwirkung. Das soll mit der durchblutungsfördernden Wirkung den Abtransport entzündlicher Gewebsflüssigkeiten fördern. Zudem sollen die Salben juckreizstillend und in höheren Konzentrationen analgetisch wirken. Wissenschaftlich belegt ist das jedoch nicht.

Die antiphlogistische, antimikrobielle und antimykotische Wirkung konnte in verschiedenen In-vitro-Studien nachgewiesen werden. So hemmt der Wirkstoff in Zellkulturen die Enzyme 5-Lipoxygenase und Cyclooxygenase, die eine Rolle bei der Bildung von Entzündungsmediatoren spielen. Auch die Wirksamkeit gegen gram-positive Bakterien wie Staphylokokkus aureus und einige Dermatophyten (zum Beispiel Microsporum gypseum) wurde in vitro gezeigt.

Oberflächliche oder tiefe Wirkung

Generell gibt die Ammoniumbituminosulfonat-Konzen­tration Auskunft über die Stärke der Zugkraft. 10-prozentige Salben kommen bei oberflächlichen Hauterkrankungen wie einer Nagelbettentzündung zum Einsatz. Ab einer Konzentration von 20 Prozent sollen tiefer liegende Entzündungsherde (zum Beispiel bei einem Abszess) erreicht werden. Salben mit einem Gehalt von 50 Prozent können nach Herstellerangaben Gelenkschwellungen mindern.

Bei der Wahl der Konzentration sollten PTA und Apotheker auch den jeweiligen Hautzustand des Kunden nicht außer Acht lassen. Patienten mit empfindlicher Haut sollten eher niedrige Konzentrationen verwenden. Ebenfalls empfiehlt sich eine geringere Wirkstoffkonzen­tration bei dünnhäutigen Körperstellen, zum Beispiel im Intimbereich.

Helle Varianten unauffälliger

Das helle Bituminosulfonat findet – aufgrund der kürzen Moleküle und der daraus resultierenden verminderten Zugwirkung – hauptsächlich bei oberflächlichen Hauterkrankungen Anwendung. Indikationen sind beispielsweise Akne, Seborrhö oder Psoriasis. Im Vergleich zur dunklen Variante sind diese Präparate kosmetisch deutlich unauffälliger. Es kommen sowohl helles Ammoniumbituminosulfonat (zum Beispiel in der Rezeptursubstanz Leukichthol®) als auch helles Natriumbituminosulfonat (zum Beispiel in Aknichthol® oder Ichtotop®) zum Einsatz. Eine Pilotstudie mit 132 isolierten grampositiven Erregern wie Staphylokokkus aureus und Enterokokken konnte die antimikrobielle Wirksamkeit – auch bei multiresitenten Keimen – des hellen Natriumbituminosulfonats belegen. Doch handelt es sich bei diesen Studien nur um In-vitro-Versuche. Klinische Daten, die eine Wirksamkeit am Menschen belegen, gibt es bisher nicht. 

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