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Flut der schlechten Nachrichten

Vom Umgang mit der Angst

Erst die Pandemie, jetzt Krieg in Europa – angsteinflößende Ereignisse reihen sich in jüngster Zeit aneinander. Viele Menschen sind besorgt, haben Angst, einige entwickeln sogar eine Angsterkrankung. Professor Dr. med. Angelika Erhardt, München, erklärt, was in diesen Zeiten wichtig ist, um mit den Veränderungen zurecht zu kommen.
Isabel Weinert
09.05.2022  16:00 Uhr

PTA-Forum: Wovon hängt es ab, wie stark die Angstreaktion bei Menschen ist?

Erhardt: Das ist auf jeden Fall von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wenn Angst entsteht, dann ist das immer ein multifaktorielles Geschehen. Das heißt, es spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, sowohl entwicklungsgeschichtlich – also das heißt, wie bin ich aufgewachsen, wie habe ich gelernt, mit meinen Ängsten umzugehen -, als auch genetisch. Außerdem hängt es davon ab, ob ein Mensch eine ähnliche Situation schon einmal erlebt hat, etwa ältere Menschen den zweiten Weltkrieg oder Flüchtlinge einen Krieg in ihrem Land. Diese Menschen erleben den Krieg in der Ukraine jetzt häufig noch einmal bedrohlicher, weil ein vorbestehendes Trauma die Ängste deutlich verstärkt.

PTA-Forum: Wie sieht das Spektrum an Reaktionen auf mögliche Bedrohungen bei Menschen aus?

Erhardt: Die meisten Menschen haben Sorgen. Sie erfahren dadurch eher keine körperliche Aktivierung, sondern befassen sich gedanklich immer mal wieder mit der Situation, die möglicherweise zu einer wirklich starken Bedrohung oder unmittelbaren Bedrohung werden kann. Man denkt also darüber nach, was wäre wenn und was kann man tun. Sie setzen sich kognitiv mit dem Thema auseinander. Dann gibt es einen kleinen Teil von Menschen, die wirklich starke Ängste entwickeln und auf der anderen Seite einen kleinen Teil, der kaum Angst verspürt.

PTA-Forum: Welchen Sinn hat die Angst eigentlich?

Erhardt: Die Angst ist ein Schutzsystem, zum einen, um Gefahr zu erkennen und möglichst sich akut zu schützen und zum anderen dafür, gute Lösungen für sich zu finden im Sinne eines Anpassungsprozesses, mit dem es gelingt, sich in einer sich verändernden Umwelt wieder zurecht zu finden.

PTA-Forum: In welchen Symptomen äußert sich eine regelrechte Angsterkrankung?

Erhardt: Die drei Kriterien sind: deutlich übersteigerte Angst, Einschränkung in einem oder mehreren Lebensbereichen und Leidensdruck.

Körper und Seele stehen in diesen Fällen dauerhaft stark unter Stress. Betroffene sollten sich dann bei Psychiatern oder Psychologen vorstellen. Bei einer Angsterkrankung sind die Ängste so stark ist, dass es schwierig wird gezielte Lösungsstrategien zu entwickeln, die Betroffenen neigen oft zu Vermeidungsstrategien, die kurzfristig die Angst reduzieren, langfristig jedoch die Beschwerden aufrecht erhalten.

PTA-Forum: Welche Strategien helfen gegen Ängste?

Erhardt: Ein gutes soziales Netzwerk, Familie und Freunde, sind ein wichtiger Faktor. Hier kann man über die eigenen Befürchtungen sprechen und erfahren, wie andere das Geschehen für sich selbst einordnen und damit umgehen. Gemeinschaft ist sehr hilfreich, weil alle vom Einzelnen und der Einzelne von allen lernen kann. Zum Instrumentarium im Umgang mit Ängsten gehört auch alles, was dazu beiträgt, dass es einem gut geht. Sport ist hilfreich, eine optimistische Grundhaltung und eher ein lösungsorientiertes Vorgehen.

PTA-Forum: Und bei starken Ängsten?

Erhardt: Bei starken Ängsten können beispielsweise Gedankengänge wahrgenommen und überprüft werden, die wiederholt Angstreaktionen auslösen. Es ist hilfreich mit Achtsamkeit zu arbeiten und zu sagen, ok, jetzt kommen diese Gedanken wieder, diese sind aber nicht hilfreich für mich. Auch wenn ich das 100.000-Mal durchdenke, wird die Angst nicht weniger. Die erste Frage lautet dann: Was hilft mir, um mit der jetzigen Situation umzugehen? Es ist zum Beispiel wichtig, sich auf den Alltag zu konzentrieren und auf meine Aufgaben, also etwa, dass meinen Alltag bewerkstellige und beispielsweise eine schöne Zeit mit der Familie verbringe. Diese Aufgaben bleiben ja auch wichtig, wenn sich die äußere Situation verändert. Beibehalten von Routineaufgaben wirkt stabilisierend. Dadurch merkt man, dass man der Angst nicht hilflos ausgesetzt ist und handlungsfähig bleibt. Vor allem das vordere Großhirn kann hier sehr viel Steuerung übernehmen, indem man sich aktiv sagt, das hilft mir nicht, ich mache stattdessen etwas, von dem ich weiß, dass es mir guttut. Sich hilfreiche Strategien nutzbar zu machen, die einen davon wegleiten, sich immer wieder den katastrophalsten Ausgang vorzustellen, das kostet Kraft, ist aber in der Bewältigung der Angst hilfreich.

PTA-Forum: Welche Rolle spielen die Medien im gegenwärtigen Kontext?

Erhardt: Die mediale Welt, die uns sekündlich neue Nachrichten präsentiert, kann Ängste steigern, das Gehirn kann die Informationsflut oft schlecht verarbeiten. Denn das, was ich ständig höre und sehe, das ist für das Nervensystem auch da, also sehr präsent. Das bedeutet, man muss schon darauf achten, dass man den Informationskonsum steuert und nicht ständig in dieser Informationsflut versinkt. Dazu gehört, nur zuverlässige Quellen anzusteuern und das am besten auch nur ein- oder zweimal am Tag. Gerade auch die Flut an Bildern ist für das Nervensystem unmittelbar da. Deshalb muss man sich klarmachen, dass man nur so viele Informationen aufnehmen sollte, wie man zu diesem Zeitpunkt verarbeiten kann. Alles andere hilft ja nicht.

PTA-Forum: Wie können erwachsene Kinder ihren alten Eltern helfen?

Erhardt: Es ist es oft hilfreich, einfach darüber zu sprechen, was ist, zu fragen, was die alten Menschen empfinden, wie es ihnen geht und dann Unterschiede zu klären zwischen der Situation damals und der jetzt. Vielen hilft es auch, wenn sie selbst erzählen können, um sich zu entlasten.

PTA-Forum: Wie sprechen Eltern mit ihren Kindern über das Thema sprechen?

Erhardt: Es kommt darauf an, wie alt das Kind ist. Kleine Kinder bekommen das ja eher nicht so mit, aber zum Beispiel ältere Kinder und Jugendliche erhalten direkt und indirekt Informationen unterschiedlicher Qualität aus der medialen Welt. Und da muss man schon nachfragen, was hast Du mitbekommen und wie ist das für Dich. Man sollte also ein Gespräch anbieten und fragen, was weiß denn das Kind, was hat es erfahren und welche Auswirkung hatten diese Informationen. Denn es ist nicht immer so, dass die Kinder freiwillig darüber sprechen. Wenn sie inadäquate Informationen erhalten haben, dann sollte man schon darüber sprechen, wie man mit solchen Quellen umgeht und was der richtige Umgang mit Informationen überhaupt ist. Das ständige Checken von Nachrichten etwa weckt gerade auch bei Kindern Ängste. Wenn die Kinder solche Sorgen und Ängste äußern, ist es auch wichtig, ihnen zu sagen, dass sie hier in Deutschland sicher sind. Auch denjenigen Kindern und Jugendlichen, die sagen, es sei alles in Ordnung, sollten Eltern immer wieder das Angebot machen, über das Thema zu reden. Für Kinder ist es ebenso wie für Erwachsene sehr wichtig, dass sie ihre Routine beibehalten, ihren Sport, dass sie sozialen Kontakten nachgehen, gerade wenn sie auch ein bisschen zu Sorgen neigen. Der Medienkonsum sollte begrenzt werden. Bei Kindern wie bei Erwachsenen ist es empfehlenswert den Fokus nicht auf der Angst, sondern auf Handlungsoptionen in der gegenwärtigen Situation sowie Gestaltung ihres Lebens in einem positiven Sinn zu legen.

PTA-Forum: Gelingt Ihnen das ganz gut?

Erhardt: Ja, das gelingt mir in der Regel gut. Ich kenne natürlich auch die Gedanken, die Sorgen auslösen, aber die kann ich aufgrund meiner therapeutischen Arbeit relativ gut erkennen. Natürlich funktioniert das nicht immer perfekt, aber zumindest weiß ich mit problematischen Abläufen in meinen Gedankengängen umzugehen.

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