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Nervengifte

Von Nikotin bis Nowitschok

Neurotoxine als Kampfstoffe

Nervengifte können nicht nur medizinisch verwendet werden, sie können auch großen Schaden anrichten, wenn sie etwa als chemische Kampfstoffe eingesetzt werden. Diese Gifte können über Haut, Atmung und Körperöffnungen in den Organismus gelangen und zu schweren systemischen Symptomen wie Krampfanfällen, Bewusstlosigkeit und Atemlähmung bis hin zum Tod führen.

Die sowjetischen Nervenkampfstoffe aus der Nowitschok-Reihe (russisch für Neuling; mehr als hundert Varianten) wurden zwischen 1970 und 1990 entwickelt und zählen zu den tödlichsten. Sie blockieren das Enzym Acetylcholinesterase an Synapsen. Dadurch kann der erregende Transmitter Acetylcholin nicht abgebaut werden, reichert sich im synaptischen Spalt an und aktiviert die Rezeptoren an der Postsynapse. Die Nervenzellen bleiben dauerhaft aktiviert. Die Folge sind Muskelkontraktionen und Krämpfe. Es kommt zu neurologischen Störungen und starken Schmerzen. Durch Hemmung der Atmung und des Herzmuskels tritt der Tod ein. Eine Dosis von 1 bis 10 mg soll tödlich sein.

Das jüngste bekannt gewordene Anschlagsopfer eines Nervenkampfstoffes ist der russische Politiker Alexei Nawalny. Er soll im August 2020 mit einer Weiterentwicklung einer bisher bekannten Nowitschok-Form vergiftet worden sein. Er wurde in der Berliner Charité behandelt und überlebte den Anschlag.

Nikotin wirkt komplex

Ein Nervengift, das uns im Alltag häufig begegnet, ist Nikotin. Es erregt die nach ihm benannten nikotinischen Acetylcholinrezeptoren im peripheren und zentralen Nervensystem, die normalerweise von Acetylcholin aktiviert werden. Bindet Nikotin an den Rezeptor, bewirkt es die Freisetzung von Neurotransmittern wie Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin und Dopamin, sowie auch von Hormonen wie Cortisol.

Im Gegensatz zu Acetylcholin, das von Enzymen im synaptischen Spalt wieder relativ schnell abgebaut wird, bindet Nikotin länger an die Rezeptoren. Dadurch bleibt die Zelle länger erregt. Entsprechend braucht sie nach dem Einfluss von Nikotin länger, um in den Ruhezustand zu gelangen und dann ein neues Signal weiterleiten zu können.

Nikotin kann verschiedene Wirkungen haben, seine Pharmakodynamik ist komplex und abhängig von Dosis, Applikationsart und der Zeit nach der Applikation. Kleinere Mengen Nikotin wirken aktivierend auf das Nervensystem, höhere eher beruhigend bis lähmend. Neben der Intensität des Rauchens beeinflusst auch die eigene Gefühlslage die Wirkung: Bei Nervosität beispielsweise wirkt eine Zigarette eher beruhigend.

Die tödliche Dosis für oral aufgenommenes Nikotin liegt bei Erwachsenen bei etwa 500 mg. Toxische Dosen können zu Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Hypersalvation, Tremor, Diarrhö, zentraler Erregung, zentraler Atemlähmung und Kreislaufkollaps führen. Therapiert wird eine Vergiftung vor allem mit resorptionsvermindernden Maßnahmen wie Aktivkohle, Natriumsulfat und eventuell einer Magenspülung.

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